Der Traum vom VW-Bus "Wer gerne spart, sollte auf einen Bulli verzichten"

Viele Menschen träumen vom eigenen VW-Bus. Enrico Nagy ist Bulli-Experte und berät Interessenten, damit der Traum nicht zum Albtraum wird. Hier benennt er verräterische Details in Annoncen und sagt, wer keinen Bus kaufen sollte.
Von Leon Ginzel
Enrico Nagy

Enrico Nagy

Foto: Leon Ginzel

SPIEGEL ONLINE: Herr Nagy, warum sind so viele Leute vom Bulli fasziniert?

Nagy: Ich habe oft mit Kunden zu tun, die schon früher als Kind mit Eltern und Bulli im Urlaub waren oder vielleicht sogar im Bulli gezeugt wurden. Die sind davon geprägt. Die wollen das Feeling dann wieder aufleben lassen, in ihrer Generation. Was auch eine Rolle spielt: Einige Reiseziele sind unsicher geworden, viele Menschen machen deswegen inzwischen im eigenen Land Urlaub, mit dem Auto. Das hat den Bulli-Hype auch befeuert.

Zur Person
Foto: Leon Ginzel

Enrico Nagy, Jahrgang 1973, hat seine Liebe zu VW-Bussen nach der Wende bei seiner Lehre zum KfZ-Mechaniker entdeckt. Er baute einen großen Online-Gebrauchtwagenhändler mit auf, und arbeitete als Bulli-Restaurator.

Als "BusChecker" berät er jetzt Menschen, die einen Bulli kaufen wollen. Auch auf seinem Blog blog.buschecker.de  hat er zahlreiche Tipps rund ums Thema VW Bus-Kauf, Diebstahlsicherung etc. parat.

SPIEGEL ONLINE: Gleich mal ganz grundsätzlich - welcher Bulli passt zu wem?

Nagy: Das hängt stark davon ab, ob es damit auf Weltreise gehen soll oder nur runter nach Italien. Bei einer Weltreise brauche ich zum Beispiel in der Regel Allradantrieb, eine funktionierende Klimaanlage und Heizung. Weitere Fragen sind: Bin ich bereit, einige Werkstatttermine in Kauf zu nehmen? Will ich möglichst viele Kilometer runterreißen? Vielfahrer sollten eher einen T4 nehmen als einen T3 oder T2.

SPIEGEL ONLINE: Sind die älteren Modelle aufgrund ihrer simplen Konstruktion nicht weniger anfällig?

Nagy: Klar, weniger ist mehr - gerade auf Weltreisen. Weniger Technik, weniger Chance auf Ausfälle. Ältere Modelle sind von ihrer Konstruktion her allerdings nicht so ausgereift wie der T3 ab Baujahr 1987. Beim Kauf eines Gebrauchten muss grundsätzlich erst mal möglicher Reparaturstau beseitigt werden. Dann sollte ich das Fahrzeug ganz individuell auf die Reise vorbereiten. Allrad ist dabei übrigens kein Muss. In den Sechziger- und Siebzigerjahren sind die T1 mit kleinstem Motor und anfälligster Technik auch ohne Allrad nach Indien gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Worauf achten Sie, wenn Sie für Ihre Kunden Inserate bewerten?

Nagy: Ich schaue mir als Erstes die Fotos ganz genau an, die verraten schon eine ganze Menge. Meistens sind die Autos außen schick hergerichtet. Die Bilder vom Motorraum erzählen oft aber eine ganz andere Geschichte. Oder wenn im Innenraum riesige Löcher für Lautsprecher reingefräst wurden oder Duftbäume rumhängen - dann werde ich auch skeptisch. Auch Pfusch beim Lackieren kann ich mit meinem Erfahrungsschatz schon auf Fotos relativ schnell erkennen.

Fotostrecke

Fahrbericht Flowcamper: Preiswerter Retro-Camper

Foto: Volkswagen Nutzfahrzeuge

SPIEGEL ONLINE: Müssen sich Neuinteressenten eigentlich grundsätzlich darauf einstellen, übers Ohr gehauen zu werden?

Nagy: Die VW-Bus-Szene ist etwas abgedriftet. Da werden stark reparaturbedürftige Fahrzeuge viel zu teuer angeboten. Die Preise sind in den vergangenen zehn Jahren noch mal um 10.000 bis 15.000 Euro gestiegen, und der Zustand der Autos ist im Schnitt noch schlechter geworden. Fast alle Händler nutzen die Naivität vieler Kunden schamlos aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich das vorstellen?

Nagy: Sie kaufen schlechte Autos zum möglichst kleinen Preis ein und werten diese dann durch Optik-Tuning, Politur oder Pfuschlackierungen auf. Wer keine Ahnung von der Materie hat, lässt sich davon leicht mal blenden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in der Bulli-Szene überhaupt noch die berühmten "Scheunenfunde"?

Nagy: Ganz selten. So ein "lebendes Mammut" findet man alle fünf bis zehn Jahre. Ich hab für einen Kunden aus München mal eins gefunden. Ein T3, ehemaliges Feuerwehrauto. Mir war klar, als ich das erste Foto gesehen habe: So eine Chance kommt nie wieder. Wir haben es dann für einen unverschämt günstigen Preis bekommen. Erst als ich den Bus in der Werkstatt hatte, hab ich realisiert: "What the heck! Das Ding hat nur 5000 Kilometer auf dem Tacho!" Das war ein lebendes Mammut.

SPIEGEL ONLINE: Wie und wo haben Sie es gefunden? Und was haben Sie dann mit dem Wagen gemacht?

Nagy: Gefunden hat den T3 ein Kunde, den ich beraten habe. Die Leute schicken mir ja Inserate, zu denen ich dann meinen Senf abgebe. Das Schmuckstück stand bei einem leicht verrückten Frisör in München, der ein ganzes Parkhaus mit Autos besaß. Der T3 war ein Kastenwagen, komplett leer innen. Ich habe ihm dann eine hochwertige Multivan-Ausstattung eingebaut.

Fotostrecke

Bulli-Treffen auf Fehmarn: Der letzte Volkswagen

Foto: Phil Schreyer

SPIEGEL ONLINE: Was sollten Bulli-Besitzer handwerklich drauf haben?

Nagy: Grundsätzlich gilt: Wenn der Bus nach dem Kauf in eine gute Werkstatt kommt, kann man ihn anschließend relativ sorgenfrei fahren. Jedes Jahr einmal durchchecken lassen, das reicht. Natürlich ist es aber sinnvoll, wenn man unterwegs kleine Probleme auch selbst beheben kann. Das kann sich aber jeder selbst beibringen, etwa in einem Schrauber-Workshop.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn die Ersatzteilversorgung?

Nagy: Es gibt alles, aber nicht alles darf man kaufen. Vieles hält nicht lange oder passt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ein Beispiel für schlechte Ersatzteile nennen?

Nagy: Ich hab vor Kurzem erst einen Türgriff gesehen, in China hergestellt. Der sah "neu" abgenutzter aus als das 40 Jahre alte Original.

SPIEGEL ONLINE: Bullis werden auch bei Dieben immer beliebter - wie schützt man sich am besten vor Diebstahl?

Nagy: Das fängt schon mal damit an, nicht immer auf dem Präsentierteller zu parken und keine teuren Dinge offen im Wagen liegen zu lassen. Nicht den schönsten Bus zu haben, kann auch helfen. Ganz konkret sind Pedalsperre und ein GPS-Ortungssender sinnvoll. Und ich empfehle den "geheimen Todschalter", damit Diebe nicht einfach wegfahren können.

SPIEGEL ONLINE: Was macht der "Todschalter"?

Nagy: Er unterbricht den Zündprozess. Der Bus springt erst an, wenn man den Schalter betätigt hat. Tut man es nicht, weil man ihn nicht findet, springt der VW-Bus nicht an.

SPIEGEL ONLINE: Wann ergibt ein Bulli für mich keinen Sinn?

Nagy: Wenn Sie ein absoluter Sparfuchs sind. Wie bei jedem Vorhaben, das Spaß bringen soll. Wer gerne spart, sollte auf einen Bulli verzichten. Das gilt ja auch beim Kauf von einem Fahrrad oder guten Wanderschuhen. Die kosten auch Geld.

SPIEGEL ONLINE: Ist manch ein Toyota nicht der bessere Bulli?

Nagy: Es ist aus meiner Sicht nicht sinnvoll, pauschal zu behaupten, dass eine Marke die bessere ist. Es kommt immer drauf an, wie ich ein Fahrzeug nutzen will. Ein Auto zu kaufen, ist ja generell nicht immer eine rationale Entscheidung. Davon lebt unsere Autoindustrie. Weil wir es uns leisten können, Spaß zu haben, und nicht nur Sinnvolles kaufen oder es uns vom Mund absparen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Beim Thema Bulli geht's oft ja einfach auch um T3 oder T2. Wie denken Sie über den T6? Ist der Startpreis von knapp 30.000 Euro für ein solches Neufahrzeug gerechtfertigt?

Nagy: Da sind wir wieder bei der Frage, wer so ein Auto wie nutzt. Was dem einen zu teuer erscheint, ist für den anderen gar kein Problem. Die Absatzzahlen geben Volkswagen recht, der T6 ist ein echter Verkaufsschlager.

SPIEGEL ONLINE: Alte Bullis sind billiger, machen aber auch mehr Dreck. Wäre ein verpflichtender Feinstaubfilter nicht angebracht? Immerhin fahren die auch oft genug noch in der Stadt rum.

Nagy: Das ist eine schwierige Grundsatzdiskussion. Es gibt verhältnismäßig wenige alte Autos, und die verursachen gemessen an der Masse der Fahrzeuge verschwindend geringe Emissionen. Viel sinnvoller als Feinstaubfilter für alte VW-Busse wären strengere Regeln für die Kreuzfahrtbranche.

Mehr lesen über