Günstige Oldtimer - VW Santana Der verkannte Weltstar

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchenschlitten. Wir stellen sie vor. Diesmal: der VW Santana.

Tilman Grund

Von Haiko Prengel


Günstige Oldtimer
    Sie haben richtig Lust auf einen Oldtimer, trauen sich aber nicht, einen zu kaufen, weil Altautos in vielen Medien nur noch als Wertanlage thematisiert werden? Keine Angst, man muss nicht erfolgreich an der Börse spekuliert haben, um schönes Blech zu fahren.

    Klar, für Opas abgelegte Karren von Mercedes oder BMW sind inzwischen stolze Summen fällig, und für die meisten alten Porsches werden heute Mondpreise gezahlt. Aber zwischen all den teuren Strahlemännern, die in der Regel kaum noch bewegt werden, gibt es sie noch: die Mauerblümchen, die Exoten, die kaum jemand auf dem Schirm hat - und die entsprechend wenig kosten. Und das nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Autos, bei denen die Ersatzteilversorgung kein Problem ist und für einen Auspuff nicht ein ganzes Monatsgehalt einkalkuliert werden muss.

Wir haben sie zusammengetragen und stellen sie in einer Serie in regelmäßigen Abständen vor.

VW Santana

VW Santana
Tilman Grund

VW Santana

Allgemeines zum Modell: Mit dem Santana versuchte VW Anfang der Achtzigerjahre, den Konkurrenten Mercedes und BMW Kunden in der oberen Mittelklasse abzujagen. Ein Passat in edel, das klang erfolgsversprechend. Das war der Santana auch - allerdings nicht in Deutschland.

1981 kam der Santana - der Name leitet sich von den kalifornischen Santa-Ana-Winden ab - auf den Markt. Eine viertürige Limousine auf Basis des kurz zuvor vorgestellten Passat B2. Beide Modelle wurden im Emder Werk produziert und hatten zahlreiche gemeinsame Bauteile. Aber es gab wesentliche Unterschiede: Neben der nobleren Ausstattung - Velourssitze, Leseleuchten, Pompadourtaschen, Außenspiegel mit Innenverstellung, Breitreifen mit verchromten Radkappen - erhielt der Santana ein klassisches Stufenheck. Den Passat gab es dagegen mit modernem Fließheck.

Im Motoren-Portfolio standen neben braven Vierzylindern auch kernige Fünfzylinder (erst Vergaser, später Einspritzer) mit bis zu 115 PS zur Wahl. Mit letzterem Aggregat war der Santana deutlich rasanter als ein Mercedes 200 (W123) mit Vergaser, und selbst ein BMW 520i mit Einspritzer beschleunigte nicht so schnell.

Trotzdem: Mit 60.000 verkauften Exemplaren in drei Jahren blieb der Wagen hierzulande hinter den Erwartungen zurück.

Für den Misserfolg auf dem Heimatmarkt gab es vor allem zwei Gründe: Erstens beschränkte sich die Motorenpalette des VW auf maximal zwei Liter Hubraum. Hintergrund war der Kompromiss mit der Konzernschwester Audi - hätte Ingolstadt seinen 2,2-Liter-Einspritzer aus dem Audi 100 für Wolfsburg zur Verfügung gestellt, wäre der Santana auch gegen einen Mercedes 230 E konkurrenzfähig gewesen. Zweitens wirkte das Design der Limousine vielen Kunden zu bieder, was vor allem an dem Stufenheck lag. Die Folge: In Deutschland galt der Santana vielen Kunden als überteuerter Passat.

Die Heimschwäche wurde allerdings durch die Auswärtserfolge ausgebügelt - international war der Santana ein Bestseller. Die Limousine wurde zu einem Weltauto von Volkswagen, das in den Achtzigerjahren zeitweise parallel in Deutschland, Belgien, Spanien, Mexiko, Brasilien, Argentinien, Nigeria, Südafrika China und Japan (dort als Lizenzfertigung bei Nissan) vom Band lief.

Während die Santana-Produktion in Emden 1984 endete (danach hieß er Passat Stufenheck), wurde er im Ausland noch bis 2012 weitergebaut. Insgesamt liefen weltweit vier Millionen Exemplare vom Band. Der Santana ist damit eines der ruhmreichsten Modelle in der Geschichte von Volkswagen und nicht zuletzt die Basis für den Erfolg der Marke in China.

Warum ausgerechnet der? Welterfolg hin oder her: In Deutschland war der Santana immer ein verkannter Außenseiter. Aber genau das macht ihn hier als Klassiker so reizend. "Mercedes W123 sind auf Oldtimertreffen doch Massenware", erklärt Tilman Grund vom Santana Zentrum Braunschweig. Wer dagegen mit einem gepflegten Santana auftaucht, darf mit Staunen und Anerkennung rechnen.

Von der seltsamen Exotik mal abgesehen, wird der Santana für seine grundsolide Technik und sein einwandfreies Fahrverhalten gerühmt. Die Bedienung ist unkompliziert, die Sitze sind komfortabel, und selbst mit dem 1,8-Liter-Vierzylinder und 90 PS kommt Fahrspaß auf - schließlich wiegt der Wagen mit diesem Motor bloß 980 Kilogramm. Den gigantischen Kofferraum kann man daher getrost vollladen, sei es mit Einkäufen oder Urlaubstaschen.

Für den richtigen Plüschfaktor sollte es aber schon ein CL-, GL- oder GX-Modell mit den flauschigen Velourssitzen sein. Sogar mit einer Mittelarmlehne im Fond dienen gut ausgestattete Santana - ein für die damalige Mittelklasse beinahe exklusives Accessoire.

Fotostrecke

11  Bilder
Günstige Oldtimer - VW Santana: Auf Biedersehen!

Verfügbarkeit: Die Auswahl ist nicht gerade groß, aber die übrig gebliebenen Exemplare befanden sich oft lange bei den Erstbesitzern oder bei deren Erben und sind entsprechend gut in Schuss.

Am häufigsten zu finden sind die LX-Modelle mit 75 oder 90 PS, damals die meistverkaufte Variante. Besonders gesucht sind Santana mit Fünfzylinder und Topausstattung (GX5). Gleichzeitig sind sie aber extrem selten und am teuersten. Das gilt vor allem für die Einspritzer-Modelle (2.0 Liter), die ab Sommer 1983 gebaut wurden.

Ab und zu taucht der Fünfzylinder auch als CL/LX auf. Wegen der schmaleren Ausstattung sind sie allerdings nicht so gefragt. Diesel und Turbodiesel sowie das Basismodell CX sind kaum mehr zu finden.

Ersatzteilversorgung: Dank der gemeinsamen Plattform mit dem Passat kann man sich aus den gut gefüllten Ersatzteilregalen des Schwestermodells bedienen. Gebrauchte Blech-Anbauteile aus Schlachtautos sind ebenfalls keine Mangelware. Die Ausnahme sind rostfreie Türen - die gab es auch beim Passat selten. Noch schwieriger wird es bei Stoßstangen, die kaum noch in vernünftigem Zustand existieren. Praktisch nicht mehr verfügbar sind bei VW Chromteile für die GL- und GX-Modelle.

Faustregel: Was beim Kauf zählt, sind Vollständigkeit bei Santana-spezifischen Teilen und der Zustand der Karosserie. Rostlöcher in den Türen sind dagegen weniger dramatisch, sie lassen sich laut Santana-Experte Tilman Grund mit Schweiß- und Lackierarbeiten ausmerzen.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

  • Satz Bremsscheiben vorn: 50 bis 70 Euro
  • Satz Bremsbeläge vorn: 40 Euro
  • Kotflügel vorn: neues Nachbauteil 90 Euro
  • Lichtmaschine: überholtes Gebrauchtteil ca. 90 Euro

Schwachstellen: Wie bei den meisten Autos aus den Achtzigerjahren ist Rost auch beim VW Santana ein ernstes Thema - auch wenn die Bleche im Emder Werk versiegelt wurden. Anfällig für die braune Pest sind vor allem Türen, Schweller, Endspitzen und Radläufe. Praktisch immer betroffen ist der Bereich um den Tankstutzen oder dahinter im inneren Radhaus. Selbst Fahrzeuge im Topzustand haben dort oft ein Loch.

Der Unterboden gilt dagegen als recht problemlos. Auch die Technik ist verlässlich. Sowohl Vier- als auch Fünfzylindermotoren sind bei normaler Pflege (regelmäßiger Ölwechsel, gemächliches Warmfahren) langlebig und robust.

Das Schaltgetriebe zickt eigentlich nie. Bei den Automatik-Getrieben kann es passieren, dass Öl aus dem Differenzial in den Schaltteil fließt und es trockenläuft. Um einem Schaden vorzubeugen sollte man daher bei Fahrzeugen mit Automatik regelmäßig den Ölstand im Differenzial (nicht zu leer?) beziehungsweise im Schaltteil (nicht zu voll?) überprüfen.

Preis: Einen fahrbereiten Oldtimer für unter 1000 Euro, wo gibt es das noch? Beim VW Santana kann man noch Glück haben: Ab 800 Euro findet man brauchbare Fahrzeuge mit Vierzylinder und Basisausstattung. Gepflegtere Exemplare können aber auch schon mal 3000 Euro kosten, aber das ist immer noch wenig Geld für einen Klassiker.

Die raren und gesuchten Santana mit Fünfzylinder und Topausstattung liegen preislich nochmals einiges höher - wenn sie überhaupt noch zu finden sind. Denn sie befinden sich meist längst in Liebhaberhand.

Anlaufstellen im Internet:

Santana-Zentrum Braunschweig Passat-Kartei-Deutschland

Passat Classic Forum Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:

Fotostrecke

33  Bilder
Günstige Oldtimer: Bock auf Blech? Bitte hier lang
Mehr zum Thema


insgesamt 46 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
michaelXXLF 25.03.2017
1. Das automobile Gegenstück zur umhäkelten Klopapierrolle
Hier im Dorf fährt noch eine Omi damit rum, in genau diesen hellen bronze-metallic. Der Santana war das letzte Aufbäumen der eckigen 70er Jahre und seiner Zeit damit um Jahre hinterher.
observerlbg 25.03.2017
2. Wozu Santana?
Ich fuhr lange den bauähnlichen Audi 80. Hat mir damals Spaß gemacht, auch mit nur 75PS und vier Gängen. Rost und fehlender Kat haben diesem Spaß dann ein Ende bereitet. Aber der Motor war so geschmeidig, den hätte ich locker 300.000 Kilometer fahren können. Ich denke, bei uns war vielmehr der Audi 80 der Grund, warum den Santana kaum Jemand haben wollte. Der Audi 100 war schon eine Preisklasse höher.
Stäffelesrutscher 25.03.2017
3.
»erhielt der Santana ein klassisches Stufenheck. Den Passat gab es dagegen mit modernem Fließheck.« Angesichts der Tatsache, dass der Passat heutzutage nicht mehr mit Fließheck, sondern ausschließlich mit Stufenheck oder als Kombi erhältlich ist (vom unsäglichen CC abgesehen), dürfte die Frage, ob der Begriff »modern« angebracht ist, sich erledigt haben. Im Prinzip ist doch der heutige Passat der Nachfolger des Santana - aber mit weniger Rundumsicht ...
was-zum-teufel... 25.03.2017
4. Fuhr ich 1995/96
Ein 1982er Santana GL in sandmetallic. 1,6 mit 85 PS. Riesig viel Platz. Bequem. Leider sehr viel Rost und der Motor brauchte irgendwann ab 240.000 km fast vier Liter Öl auf 1000 km. War trotzdem eine coole Kiste ;-)
Überfünfzig, 25.03.2017
5. Tja....
....der deutsche Mittelklassenfahrer brauchte schon ab den 80ziger einen Kombi oder irgendetwas mit großer Heckklappe, damit er theoretisch alle 5 Jahre mal eine Waschmaschine oder Kühlschrank transportieren konnte. Dafür gab es dann schöne Laufgeräusche von der Hinterachse, nach Jahren klapperndes Plastik aus dem Heckteil und bei der Urlaubsreise ab und zu mal einen Tiefflieger aus dem Gepäckabteil. Das erklärt für mich auch der geringe Zuspruch für Stufenheckler in D-Land. Einer Entwicklung der ich mich während meiner jungen Vaterschaft nur bedingt anschließen konnte und meine Frau mit einen "Pampasbomber" beglücken konnte. Der Erstwagen mußte selbstverständlich eine gepflegte Stufe haben und heute am Besten als zweitüriges Coupe daherkommen. Und falls es doch mal etwas mehr sein muß, gibt es noch den abnehmbaren Haken und einen "Klaufix" oder Großanhänger vom Verleiher.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.