Woodstock der V8-Fanatiker "Manche flexen bei gutem Wetter das Dach ab"

Beim "Power Big Meet" geben sich ab heute tausende US-Schlitten ein Stelldichein. Im schwedischen Västeras röhren beim größten Ami-Car-Treffen der Welt bis Samstag die V8-Motoren.

Von Jürgen Pander


"Im Vergleich zu ähnlichen Veranstaltungen in Deutschland ist das hier Atomkrieg", sagt Helge Thomsen. Und er muss es wissen, denn als Chefredakteur des Magazins "Motoraver" kennt Thomsen die Szene der Hubraum-Fanatiker und Auto-Styler aus dem Effeff. Das hier - damit ist das "Power Big Meet" gemeint, ein alljährlich stattfindendes Auto-Happening im schwedischen Västeras, sozusagen das Woodstock der US-Car-Fans.

Von diesem Donnerstag bis Samstag findet die Veranstaltung zum dreißigsten Mal statt. Rund 10.000 Altfahrzeuge vorwiegend amerikanischer Bauart werden erwartet, und gut 100.000 Menschen, für die V8-Geboller, Heckflossen, Weißwandreifen, Bier und Grillwürstchen an diesen drei Tagen die Welt bedeuten.

Für brave Volvos, Volkswagen oder BMWs ist Västeras während des Power Big Meet praktisch Sperrgebiet. Es ist einfach kein Platz, überall sind Plymouths und Chryslers, Dodges und Fords, Cadillacs und Chevrolets, Pontiacs und Lincolns. Das offizielle Zentrum des Spektakels ist der Flugplatz Johannisberg. Das Rollfeld dient als mehrere Kilometer lange Einkaufsmeile für alles, was das Herz des US-Car-Fans begehrt. Mehr als 660 Händler bauen hier ihre Buden und Stände auf, und verkaufen alles vom Kotflügel bis zum verchromten Scheibenwischerbügel. Links und rechts auf der Wiese stehen die Autos.

"Und es ist keineswegs so, dass hier nur auf Hochglanz polierte Edelcruiser parken", berichtet Thomsen. Das tolle am Power Big Meet sei gerade, dass die automobile Toleranz quasi grenzenlos ist. "Manche flexen bei gutem Wetter sogar das Dach ab, weil sie ein bisschen im Cabrio rumfahren wollen", hat Thomsen beobachtet. Überhaupt: Die Hauptsache beim Power Big Meet ist nicht so sehr das Fachsimpeln am parkenden Objekt, sondern das Cruisen auf dem "City Ringen", der breiten Straße rund um die 150.000-Einwohner-Stadt.

Das Pustegerät reicht die Polizei durchs Fenster

Dort herrscht praktisch permanent Stau, beziehungsweise: die US-Schlitten brabbeln im Schritttempo über den Asphalt. Meist vollbesetzt mit fröhlichen Menschen, die meist aussehen wie ihre Autos: Entweder wie aus dem Ei gepellt, in Pastellfarben, mit Bolotie oder Petty Coat, und dann wieder wild und verwegen, mit maroden Jeans, waghalsigen Tatoos und sehr viel nackter Haut. "Vor ein paar Jahren war ein Setra-Bus aus Finnland da, der zur Sauna umgebaut war. Der fuhr immer um die Stadt, mit 40 nacken Finnen drin", erzählt Thomsen. Es wird getrunken, gesungen, geknutscht und gelacht. Wenn die Polizei vorbei kommt muss der Fahrer pusten, denn es gilt 0,0 Promille am Steuer. Dann darf er den Motor weiter aufheulen lassen oder Reifengummi auf den Asphalt braten.

Warum gerade US-Cars? Warum gerade Schweden? "Wir haben 1978 das erste Treffen veranstaltet, damals noch in Anderstorp. Damals waren 80 Autos da und 400 Leute", berichtet Kjell Gustafson, Organisator des "Power Big Meet" und Herausgeber des "Power Magazine". Seit dieser Zeit ist die Party von Jahr zu Jahr gewachsen und seit 1986 findet sie ununterbrochen in Västeras statt - nur eine gute Stunde westlich von Stockholm gelegen und mit dem Flugplatz ideal für ein Inferno dieser Art. Gustafson erklärt: "In Schweden gehören US-Autos und der damit verbundene Lebensstil ganz Wesentlich zum Alltag. Das ist nichts Besonderes bei uns, eher wie in Deutschland Fußball."

ZZ-Top haben abgesagt - na und?

Nun gibt es hierzulande zwar auch Autoclubs en masse und Freunde dieser oder jener Pkw-Spezies, die sich treffen, fachsimpeln und gemeinsam durch die Gegend fahren. Aber es fehlt dem Ganzen oft die Lässigkeit. Die Fans der einen Marke gucken die der anderen Marke nicht einmal durch den Rückspiegel an, und die Pedanten mit dem Originalitätsfimmel lassen nichts gelten, das eigenhändig dazu geschraubt oder abgebaut wurde. "Hier ist das völlig anders", erläutert Gustafson, "es ist wie ein großer Karneval, bei dem jeder mitspielen darf wie er gerade Lust hat."

Zur Feier des 30. Geburtstags des aberwitzigen Treffens sollte eigentlich die US-Rockband ZZ-Top aufspielen. Dann aber sagten die bärtigen Musiker ihre Europatournee ab. "Überhaupt kein Problem", sagt Gustafson. "Wir werden auch ohne die feiern. Denn wenn das Cruising erst einmal richtig in Schwung kommt, wären ohnehin nicht mehr als 500 Leute vor der Bühne gestanden."

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