Einzelstück Zagato Raptor Offen für Neues

Für manche Autos muss man einfach mehr bieten. SPIEGEL ONLINE zeigt Fahrzeuge mit berühmten Vorbesitzern und Raritäten, die versteigert werden. Diesmal: ein Lambo für den ganz großen Auftritt.

Scott Pattenden/ RM Sotheby's

Von


Unterm Hammer: Der Zagato Raptor, eine Kreation auf Lamborghini-Basis aus dem Jahr 1996.

Warum mitbieten? Wer mit dem Raptor vorfährt, legt garantiert einen einzigartigen Auftritt hin. Nicht nur, weil es den Wagen nur einmal gibt. Maximale Aufmerksamkeit garantieren die Türen des Wagens: es gibt sie nicht.

Stattdessen klappt der mittlere Teil des Wagens vom Dach bis zur Mitte der vorderen Kotflügel wie die Kanzel eines Jets nach oben. Bei schönem Wetter geht sogar noch etwas mehr, denn das Zagato-typische, zweifach gewölbte "Double Bubble"-Dach lässt sich abnehmen und macht den Wagen so zum Targa.

Die Lösung lässt sogar die nach oben öffnenden Scherentüren des Lamborghini Diablo, immerhin der automobile Posterboy der Neunzigerjahre, mickrig erscheinen. Der aggressiv gezeichnete Sportwagen war damals das Flaggschiff des Sportwagenherstellers Lamborghini. Doch 1996 lief die Zeit des bereits sechs Jahre alten Diablo langsam ab.

Das Unternehmen war in einer schlechten Verfassung damals. Zwei Jahre zuvor hatte der US-Konzern Chrysler, bis dato Besitzer des italienischen Herstellers, Lamborghini wegen anhaltender Verluste an indonesische und malaysische Geschäftsleute abgestoßen. Mit geringeren Produktionskosten, höheren Stückzahlen und einem Ersatz für den alternden Diablo wollten die neuen Eigner Lamborghini in die Gewinnzone bringen.

Die Lücke zwischen dem alten Diablo und einem neuen Modell sollte eine Kleinserie überbrücken: Der Zagato Raptor. Die Mailänder Carrozzeria Zagato wurde mit dem Entwurf eines Autos beauftragt, das dem Sportwagenhersteller Lamborghini auch technisch den Sprung in ein neues Zeitalter ermöglichen sollte.

Fotostrecke

9  Bilder
Fotostrecke: Keine Türen, kein Problem

Zwar steckte unter der Hülle gewohntes, nämlich die Technik aus dem Diablo, genauer gesagt aus dem Allradmodell VT: Im Rohrrahmenchassis des Raptor treibt dessen Zwölfzylinder mit 5,7 Litern Hubraum alle vier Räder über ein manuelles Sechsganggetriebe an. Die restlichen Teile des Diablo warfen die Zagato-Entwickler jedoch kurzerhand aus dem Wagen und setzten auf Hightech.

Statt, wie bis dahin in der Fahrzeugentwicklung üblich, aufwendige Designmodelle des Wagens in kleinerem Maßstab zu fertigen, entstand der Raptor als eines der ersten Autos vollständig am Computer. Die Hülle nur mit digitalen Design- und Produktionsprozessen anstatt mit Tonmodellen zu entwickeln, sparte vor allem Zeit. Am Ende war der Wagen nicht nur bereits nach wenigen Monaten fertig - seine Hülle bestand aus damals hochmodernem Karbon und sah extrem futuristisch aus.

Dafür sorgten nicht nur die im Vergleich zum Diablo deutlich geschmeidigere Linienführung und der breite Leuchtbalken am Heck. Innen gibt es statt der beinahe barock anmutenden Instrumentengalerie des Diablo lediglich ein Display hinterm Lenkrad sowie ein paar Knöpfe in der Mittelkonsole. Nur die identischen Lüfterdüsen und die Abdeckung der offenen Schaltkulisse verraten die Verwandtschaft zu Lamborghinis "Teufel".

Durch die Karbondiät, Magnesiumräder und den Verzicht auf die Türen ist der Wagen mit einem Gewicht von rund 1,3 Tonnen zudem 300 Kilogramm leichter als sein Organspender. Den Sprint von null auf 100 km/h schafft er so in rund vier Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei über 320 km/h. Trotz dieser Fahrleistungen verzichteten die Entwickler auf Traktionskontrolle und ABS - sie betrachteten die Hilfssysteme offensichtlich schlicht als unnötigen Ballast.

Trotz der fehlenden Assistenten bescheinigten Tester dem Wagen ein extrem gutes Fahrverhalten, auf dem Genfer Autosalon des Jahres 1996 sorgte jedoch vor allem das Design für Aufsehen. Beste Voraussetzungen für die Kleinserie, dachte man bei Zagato - bei Lamborghini dagegen genau das Gegenteil: der Sportwagenhersteller sprach sich gegen eine Produktion in Kleinserie aus. Schuld daran war nach Angaben von Alain Wicki, damals Projektmanager hinter dem Raptor, ausgerechnet der geplante Nachfolger des Diablo.

Der hieß Canto und wurde ebenfalls von Lamborghini und Zagato gemeinsam entwickelt. Weil die Form des Raptor große Teile der Linienführung des neuen Canto vorwegnahm, fürchtete man bei Lamborghini offensichtlich einen Kannibalisierungseffekt: Der Erfolg des neuen Flaggschiffs sollte nicht durch eine Kleinserie des Raptor gefährdet werden, das Projekt wurde beerdigt. Es entstand nur dieses Exemplar des Raptor, das sich Projektmanager Wicki selbst sicherte und bis ins Jahr 2000 besaß.

Ironie der Geschichte: Auch der Canto ging nie in Serie. Die 1997 ausbrechende Asienkrise traf auch Lamborghinis Besitzer, 1998 verkauften sie die Firma an Audi. Das versetzte auch dem Canto, der eigentlich 1999 zum Preis von rund 400.000 US-Dollar auf den Markt kommen sollte, den Todesstoß. Denn dessen Design gefiel dem damaligen Audi-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch nicht.

Dem Konzernpatriarchen fehlte bei den runderen Linien, die an den Ferrari 360 erinnern, die Aggressivität, die Countach und Diablo ausstrahlten. Auch ein überarbeiteter Canto, der bereits für den Genfer Autosalon 1999 angekündigt worden war, überzeugte ihn nicht - und so wurde das Projekt gestrichen.

Stattdessen blieb der Diablo bis 2001 im Programm, dann löste ihn der Murcielago ab, dessen Design stark an seinen Vorgänger, aber auch den Countach erinnerte. So blieb der Raptor ein Einzelstück, der Canto verschwand in der Schublade und Lamborghinis Rückkehr zu runderen Linien fand niemals statt.

Zuschlag! Das Auktionshaus RM Sotheby's versteigert den Wagen am 30. November in Abu Dhabi, erwartet wird ein Preis von rund 1,2 Millionen US-Dollar.

Mehr zum Thema


insgesamt 27 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
zia-zaruba 28.11.2019
1. Affentheater
Wer den C 111 kennt, der kann seine Begeisterung für den Wagen in Grenzen halten. SO großartig und einzigartig ist er Echt nicht. Die Lackierung , na ja, auch nichts Besonderes.
werner-xyz 28.11.2019
2. Definitiv
der schönste Lambo. Ohne das Aggro Design was richtig feines.
AGCH 28.11.2019
3.
Zitat von werner-xyzder schönste Lambo. Ohne das Aggro Design was richtig feines.
Da möchte ich Ihnen den Islero ans Herz legen, klassischer GT. Zagato-Design hat mich noch nie angesprochen, dann doch lieber die Aggro-Variante statt dieses rundgelutschten Etwas.
torsten_raab 28.11.2019
4. Piech lag richtig
Lamborghini hat seit den frühen 70ern als Designthema "kantig, böse, aggressiv". Wenn man sich neue Lambos anschaut, erkennt man sie. Und das sollte immer so sein :-)
Peter A. M. K. Lublewski 28.11.2019
5. Alter Hut
Gab's in ähnlicher Form schon einmal in den 60ern - Als Modellauto von Dinky Toys :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.