Fahrradgepäck Alles im Rahmen

Fahrradhersteller nutzen zunehmend Hohlräume am Bike als Staufächer – das schafft Platz für Snacks und Tools. Auch am Rahmen wird mehr angeschraubt. Den Trend treibt auch der E-Bike-Boom.

Ein sportliches Fahrrad soll leicht und nackt sein. Kein Anbauteil zu viel an Bord darf das Gewicht erhöhen, sich bei Cross-Country-Runden im Geäst verfangen oder die Aerodynamik auf der Straßenrunde stören. Klassische Gepäckträger sind an Rennrädern und Mountainbikes schon aus diesen Gründen tabu.

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Geheimfächer für Snack und Co.

Foto: Specialized

Aber wohin mit dem Kram, den auch Hobbyraser unterwegs gebrauchen können? Energieriegel, Werkzeug, ein Ersatzschlauch – rein ins Rad damit, dort ist noch Platz! Die Hersteller entdecken die Hohlräume.

»Ich war vorher immer mit einem Rucksack unterwegs«, sagt Dennis Rankl. Jetzt verstaue er sein kleines Multitool im Steuerrohr, »und die Windjacke kommt im Unterrohr unter«, sagt der Mitarbeiter von Hersteller Specialized.

Unter der Marke Swat-Technology vertreibt der US-Hersteller Lösungen für mehr Stauraum am Rad. Auch Reifendichtmittel, Minipumpen, CO2-Kartuschen oder das Handy passen dorthin, wo sonst Luft mitfährt – wenn auch nicht immer alles auf einmal.

Lösungen für Gravelbikes

Im Boomsegment der Gravelbikes muss der Rahmen ebenfalls viel Gepäck tragen. Viele Radler nutzen diese Fahrräder mit Rennlenker und breiteren Profilreifen, die auch auf Schotter gut zurechtkommen, für Tagestouren und Wochendtrips. Das ist in Zeiten der Pandemie wohl oft eine Auszeit vom Corona-Alltag.

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Fast jedes Rohr am Fahrrad wird mit Anbaupunkten versehen. An ihnen lassen sich nicht nur klassisch Trinkflaschen, sondern auch kleine Taschen, Fahrradschlösser oder Tools anbringen.

Das erste Gravelbike der Focus zählt an Rahmen und Gabel 15 Anbaupunkte für Sack und Pack – und sogar Montagepunkte für Schutzbleche und Gepäckträger, um das Rad alltagstauglich zu machen. Auch Marken wie Bombtrack oder Rose Bikes schöpfen das Potenzial des Rahmens aus. »Uns ist es wichtig, unseren Kund:Innen möglichst viele Optionen zu ermöglichen, um das Rad optimal für den gewünschten Einsatzzweck auszurüsten«, sagt Manuel Schürholz von Bombtrack aus Köln.

»Der Trend beschäftigt uns«, sagt Dirk Zedler, Geschäftsführer des Zedler–Instituts für Fahrradtechnik und -sicherheit in Ludwigsburg. Bei ihm lassen viele Hersteller ihre Neuentwicklungen auf Haltbarkeit und Sicherheit überprüfen. Dass sie nun Aussparungen in den Rahmen schneiden oder Löcher bohren, beobachtet er genau.

Grundsätzlich schwäche jede Bohrung, jeder Ausschnitt im Rahmen das Material, sagt Zedler. Der Rahmen büßt an Steifigkeit und Haltbarkeit ein. »Das muss man konstruktiv auffangen.« Dass das nicht immer ganz einfach für die Entwickler ist, zeigt seine Erfahrung: »Wir haben noch keinen Hersteller gehabt, der es nicht hingekriegt hätte, aber manche kommen öfters ins Prüflabor, bis alles richtig hält.«

Die Herausforderungen für die Entwickler variieren mit dem Werkstoff. »Bei Carbon ist es ziemlich einfach, mit dem Aufbau des Laminats herumzuspielen«, sagt John Riley, Produktdirektor im Bereich Mountainbikes bei Trek. Bohrungen in Aluminium oder Stahl auszugleichen, erfordert laut Zedler dagegen aufwendigere handwerkliche Schritte. Und am Ende wiegen die Rahmen mehr. Carbon erlaube es, auch große Aussparungen ohne großen Aufwand auszugleichen, indem man Material an anderer Stelle aufbringe. »Bei Carbon ist der Gewichtsnachteil verschwindend gering«, sagt Zedler.

Während Aufnahmen für Flaschenhalter oder Fahrradschlösser auch an Aluminium- und Stahlrädern schon lange vorhanden sind, haben sich die meisten Konstrukteure bei den Staufächern im Unterrohr bislang nur an Carbon herangetraut. Vor Kurzem hat Trek aber auch ein Staufach in einen Alurahmen integriert. Mit dem Feature sind neben den Carbon- auch die Alu-Mountainbikes der Slash-Reihe ausgestattet.

Laut Riley mussten nicht nur die Wandstärke des Aluminiumrahmens angepasst, sondern auch der Schweißprozess verfeinert werden. »Dieses Projekt hat also viel länger gedauert, als wir erwartet hatten«, sagt Riley. Herausgekommen ist ein Rahmen, der »nur ein paar hundert Gramm« mehr wiegt als ohne Staufach.

Neuer Platz fürs Licht

Prüfingenieur Zedler, selbst passionierter Radler, sieht für die Lösungen angesichts der aktuellen Fahrradfahrmode große Nachfrage. »Ich begrüße die Integration. Die Leute gehen raus, gehen Fahrrad fahren, das ist ein Grund, warum die Hersteller neu nachdenken.«

Dass Werkzeug im Vorbau, der Tretkurbel oder an anderen Plätzen wie dem Lenker verschwindet, ist zwar nicht ganz neu. Doch die Staufächer im Rahmenrohr haben einen aktuellen Hintergrund: Die Hersteller profitieren laut Zedler vom Know-how, das sie bei der Integration von E-Bike-Akkus ins Rahmenrohr gewonnen haben und würden sich an neue Lösungen machen: »Ich erwarte noch viel von der Branche.«

Züge, Leitungen oder Sensoren und SIM-Karten sind schon im Rahmen verschwunden. Potenzial sieht Zedler vor allem bei der Beleuchtung: Weil LED-Technik wenig Bauraum benötige, könne man diese »wunderbar integrieren«. Erste Hersteller wie Bianchi, das am Allrounder-Modell E-Omnia Front- und Rückleuchten im Rahmen einbaut, haben damit bereits begonnen.