Vorgaben für den Schulweg Dürfen Schulen Grundschülern das Radfahren verbieten?

Grundschüler sollen nicht allein mit dem Rad zur Schule fahren - das schreiben viele Schulordnungen vor. Die Folge: Elterntaxis machen den Schulweg noch gefährlicher. Dabei sind die Radfahrverbote auch rechtlich problematisch.
Kinder auf dem Schulweg (Symbolbild)

Kinder auf dem Schulweg (Symbolbild)

Foto: Ralf Hirschberger/ dpa

Sonja Kuchel erinnert sich gut daran, was der Schuldirektor ihrer Tochter beim Elternabend der Erstklässler gesagt hat: "Wenn ich ein Kind sehe, das vor der Fahrradprüfung in der vierten Klasse ohne Elternbegleitung mit dem Fahrrad auf das Schulgelände fährt, konfisziere ich das Rad und schalte das Jugendamt ein", wiederholt die Kielerin sinngemäß seine Worte.

Man hört der Mutter an, wie wütend sie der Satz gemacht hat. "Eine Empfehlung abzugeben, ist ja ok. Ein Verbot nicht. Mein Kind fährt, seit es drei ist, mit dem Laufrad zur Kita, weil wir den Schulweg so viel schneller bewältigen."

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Tatsächlich ist in den allermeisten Schulordnungen deutscher Grundschulen der Weg zum Unterricht geregelt. Mal mit harschen, mal mit eher appellierenden Worten steht dort, dass erst die im Lehrplan verankerte Radfahrprüfung in der vierten Klasse absolviert werden muss, bevor Grundschüler allein mit dem Rad kommen dürfen. Im Unterricht lernen sie, wie man Radwege nutzt, welche Verkehrszeichen es gibt und wie groß der tote Winkel bei Lkw und Bussen ist. Dann trainieren sie Fertigkeiten beim Slalomfahren, Überqueren eines Wippbretts und bei Bremsübungen.

Eine Frage des Entwicklungsstandes?

Dass Schulleiter und nicht die Eltern darüber entscheiden, wie Kinder zur Schule kommen, gefällt vielen Eltern gar nicht, sie fühlen sich bevormundet. Anke Wessels, ebenfalls Mutter eines sechsjährigen Sohnes, der gerade eingeschult wurde, ist damit nicht einverstanden: "Eltern sollten ihr Kind so gut einschätzen können und selbst entscheiden dürfen, wie sie den Weg zur Schule zurücklegen." Schulwege seien schließlich sehr unterschiedlich - mal führen sie über Hauptstraßen, mal durch ein ruhiges Wohngebiet - und es spiele eine große Rolle, ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt.

Die Polizei, die in den meisten Bundesländern an der Verkehrserziehung in der Schule beteiligt ist, argumentiert anders: mit dem Entwicklungsstand des Kindes. "Bei jüngeren Kindern, also unter zehn Jahren, ist oft das Seh- und Hörvermögen noch nicht vollständig entwickelt, und Entfernungen und Geschwindigkeiten können nicht richtig eingeschätzt werden", so eine Sprecherin der Polizei Berlin. Die Beamten schlussfolgern, dass Kinder nicht gut genug vorausschauend handeln können.

Elterntaxis, schlechte Wege - das sind Probleme

Das trifft Experten zufolge zwar in der Regel zu. Jedoch könnte man auch statt Verbote auszusprechen, lieber den Straßenverkehr sicherer und damit überschaubarer machen, sagt Wessels. Sie wohnt im Norden Hamburgs und lässt ihren Sohn nicht allein mit dem Rad zur Schule fahren. Abwechselnd begleiten die Eltern in ihrer Nachbarschaft die Schulkinder auf ihrem Weg. Langfristig sollen sie den aber ohne Begleitung gemeinsam auf dem Tretroller bewältigen.

Die größte Angst der Eltern sind die zahlreichen Elterntaxis vor dem Schulgelände, eine unkalkulierbare Gefahr. Die Statistik zeigt, wie groß das Problem ist: 43 Prozent aller Kinder unter zehn Jahren werden mit dem Auto zur Schule gefahren. Dabei ist der Großteil der Schulwege in Deutschland kurz: 68 Prozent sind unter zwei Kilometern lang.

"Elterntaxis sind eine große Gefahr", meint auch Kuchel. Sie begleitet ihre Tochter auf dem Weg zur Schule. Beide fahren dann Rad. Auf dem Weg liegt eine weitere Grundschule, an der sie vorbeimüssen. Dort erleben sie täglich das Chaos an der Bordsteinkante: "Die Eltern hinterm Steuer wirken gestresst. Sie bremsen abrupt, um ihre Kinder rauszulassen oder rumpeln mit dem Auto den Gehweg hoch."

Sichere Querungen, Tempo 30 - es gibt Lösungen

Was dabei passieren kann, zeigt ein Unfall in Mönchengladbach, bei dem ein achtjähriges Mädchen vor ihrer Schule von einem SUV überrollt wurde und starb. Die 44-jährige Fahrerin wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Schlechte Radwege sind ein weiteres Problem. 71 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass breitere und vom Autoverkehr getrennte Radwege helfen könnten, mehr Schulkinder aufs Rad zu bringen - so ein Ergebnis einer Umfrage des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (Infas).

Sichere Querungen an Hauptstraßen sind mindestens genauso wichtig. "Meine Tochter muss über den Schützenwall", so Kuchel. Über die Straße rauschen Lkw von der Autobahn kommend in die Stadt hinein. "Es ist ein schlechtes Gefühl, zu sehen, wie sich ein Kind mit dem riesigen Ranzen auf dem Rücken der Straße nähert."

Kidical Mass: Demonstration für bessere Radwege

Um auf die Situation der jungen Radfahrerinnen und Radfahrer aufmerksam zu machen, rief ein großes Aktionsbündnis am 19. und 20. September zur ersten bundesweiten Familien-Fahrraddemo Kidical Mass  auf - der Begriff leitet sich ab von der Critical Mass (dt. kritische Masse), einer regelmäßigen Ausfahrt, bei der Tausende Teilnehmer für bessere Radfahrbedingungen im Konvoi auf die Straße gehen.

Kinder, Jugendliche und Familien radelten bei der Familienvariante durch über 80 Städte und forderten eine neue Verkehrspolitik, damit Kinder sicher und selbstständig in den Städten Rad fahren können. "Der Verkehr braucht Grenzen, nicht die Kinder", war einer der Leitsprüche. Ein direktes politisches Echo blieb aus.

Mit Blick auf die Schulordnungen wären solche Proteste gar nicht nötig: "Wir können das Radfahren eigentlich nicht verbieten", sagt die Leiterin einer Grundschule am Hamburger Stadtrand. "Aber ich halte mich an die Empfehlung des Verkehrspolizisten, der bei uns die Radfahrprüfung durchführt." Sie möchte namentlich nicht genannt werden. "Es besteht keine rechtliche Grundlage, welche den Kindern untersagt, ab der ersten Klasse mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren", heißt es auch aus der Verkehrspräventionsabteilung der Polizei Hamburg. Gleichzeitig weist die Polizei darauf hin, dass Erziehungsberechtigte gegenüber minderjährigen Personen eine Aufsichtspflicht tragen.

Die Rechtslage ist also recht klar: Der Schulweg ist Elternsache. Wenn Empfehlungen wie Verbote formuliert werden, erzeugt das jedoch sozialen Druck. Viele Eltern halten sich an diese Vorgaben. So entsteht ein paradoxer Kreislauf: Viele bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule, der Verkehr nimmt zu und bald erscheint es auch zu gefährlich, das Kind etwa zu Fuß zur Schule zu lassen.

Wie man aus der Situation wieder rauskommt? Indem man die Situation von jungen Radfahrern verbessert, sodass es ganz selbstverständlich ist, dass sie sich im Straßenverkehr bewegen, so Wessels. Eine Stärkung der Fahrradkultur und bessere Radwege gehören dazu. Außerdem müsse eine Regelung gefunden werden, wie weit Eltern mit dem Auto an Schulen heranfahren dürfen - und bessere Radwege.

"Wir haben das Glück, direkt an der Veloroute 4 zu wohnen", sagt die junge Mutter. Auf einer Strecke von 18,5 Kilometern gibt es viele Abschnitte, Tempo-30-Zonen und Fahrradstraßen, die eine sichere Umgebung schaffen.

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