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Fahrradbranche: Die Angst geht um

Foto: Rose Bikes

Lieferengpässe Neues Fahrrad vergeblich gesucht

Leere Lager, monatelange Lieferzeiten: Der Run auf Fahrräder in der Coronakrise bringt die Branche an den Rand einer Krise. Für Kundinnen und Kunden heißt das nichts Gutes.

Seit Jahren gab es in der Fahrradindustrie nur eine Richtung. Es ging nach oben, mit vollen Lagern und zufriedenen Kunden. »Vor allem der E-Bike-Markt boomt, die Verkaufszahlen haben sich in den letzten zehn Jahren verzehnfacht«, heißt es in der »Branchenstudie Fahrradwirtschaft«, die deutsche Fahrradverbände beim gemeinnützigen Wuppertal Institut in Auftrag gegeben haben.

Dann kam 2020 Corona und damit das Wechselspiel von Lockdown und Lockerung. Zunächst brachte die Pandemie den Handel zum Erliegen, ausgerechnet im März, dem klassischen Monat für den Saisonauftakt.

Danach wurden die Läden von der Kundschaft überrannt. »Im Lockdown war perfektes Wetter, die Leute haben ihre Liebe zum Fahrrad wiederentdeckt«, sagt Frederic Rudolph, Co-Autor der Fahrradstudie.

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Und sie wahrten Abstand zu anderen Verkehrsteilnehmern, wie es in Bussen und Bahnen oft nicht möglich ist. In vielen Städten entstanden Pop-up-Radspuren, der Boom weckte Hoffnungen auf mehr Schwung für die Verkehrswende in staugeplagten deutschen Zentren.

Dieser Nachholeffekt ließ den Umsatz im Handel um etwa 30 Prozent allein im ersten Halbjahr 2020 wachsen, wie der Verbund Service und Fahrrad (VSF) ermittelte. »Man konnte die gestiegene Nachfrage jedoch nicht ganz bedienen«, sagt Geschäftsführer Uwe Wöll. Es gab Lieferverzögerungen und Lieferengpässe, die Lager der Hersteller aber waren im Frühjahr 2020 gut gefüllt. Bis zum Dezember waren sie dann allerdings immer wieder leer gefegt.

Doch 2021 startet völlig anders. Eine zweite Corona-Welle erfasst die Branche. Die Lager sind zum Jahresbeginn immer noch leer. Alles, was hereinkam, ist bereits an die Händler raus. Zugleich ist der Nachschub ins Stocken geraten, kurz bevor die Fahrradsaison beginnt.

»Alle haben deutlich mehr vorgeordert, aber die Lieferbarkeit der vorgeorderten Räder sieht dramatisch aus«, sagt Wöll. Und Andreas Krajewski von der Cycling Sports Group, die in Europa die Marken Cannondale und GT Bicycles vermarktet, fügt an: »Eine Rekordnachfrage trifft auf Rekordlieferengpässe – eine einmalige Situation.«

Verzögerungen von bis zu sechs Monaten

Auch andere Hersteller klagen. Direktversender Rose Bikes bereitet seine Kundschaft auf »Verzögerungen bis zu sechs Monaten« vor. Grund für die exorbitanten Wartezeiten seien »fehlende, fix zugesagte Teile und Komponenten aus Asien für die Bike-Montage«, teilt die Firma mit, die sich von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie förmlich überrollt sieht.

Räder können nicht fertig montiert werden, wenn auch nur die Sattelstütze fehlt. Vor allem Verschleißteile wie Ketten, Bremsscheiben oder Ritzel sind kaum noch zu bekommen, sagt Dirk Zedler, der als Leiter eines Prüfinstituts gute Verbindungen in die Industrie hat. »Das ist wie in der Mangelwirtschaft.«

Der Weltmarktführer bei Fahrradkomponenten, Shimano mit Sitz in Japan, betreibt in Asien viele seiner Werke. Auch Fahrradrahmen kommen größtenteils aus China und Taiwan. Die produzierenden Firmen seien an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen, sagt Wöll. Er führt das auf die weltweit gestiegene Nachfrage nach Fahrrädern und Teilen ab dem vergangenen Jahr zurück, die so nicht absehbar gewesen sei. Seit etwa 20 Jahren habe die Branche nicht einen derart sprunghaften Anstieg erlebt.

»Logistikkette ist zusammengebrochen«

Dass Ware in Europa nicht ankommt, hat auch mit einem Nadelöhr beim Transport zu tun. Überseecontainer, in denen Fahrradteile, Rahmen und Räder nach Europa verschifft werden, sind Mangelware: »Die Logistikkette ist zusammengebrochen. Container, Luftfracht – all das ist eingebrochen«, so der VSF-Geschäftsführer.

Für die Verschiffung in einem Container aus Fernost zahle man gegenüber Anfang 2020 mittlerweile das Siebenfache, teils ist vom 15-Fachen die Rede. Branchenindizes  und Medienberichte  decken sich grundsätzlich mit der Beobachtung. »Corona hat die Abhängigkeit von Asien gezeigt«, sagt David Eisenberger, Sprecher des Zweirad Industrie Verbands (ZIV).

Wer jetzt sein Wunschrad in der richtigen Rahmengröße und in gewählter Ausstattung kaufen möchte, wird nur mit Glück fündig. Am besten jetzt sollten Kunden sich umschauen, sagt Forscher Rudolph vom Wuppertal Institut – »bevor zu viele Kunden mit steigenden Temperaturen auf die gleiche Idee kommen.«

Im Lockdown sind die Einkaufsmöglichkeiten für den Endkunden allerdings noch eingeschränkt. Online bestellen, das geht zwar jederzeit, beim örtlichen Fahrradhändler können die Kunden Räder immerhin an der Werkstatttür kontaktlos abholen. »Wir hoffen, dass die Händler Ende März öffnen dürfen«, sagt Georg Honkomp, Vorstandsvorsitzender der Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG), nach eigenen Angaben Europas größter Zusammenschluss von Fachhändlern, zu dem auch Marken wie Kettler Alu-Rad, Hercules oder Flyer gehören.

Von gerissenen Lieferketten spricht Honkomp indes nicht. »Im Grunde kann der Kunde derzeit alles kaufen.« Doch auch er räumt ein, dass es bei beliebter Ware zu längeren Wartezeiten komme – Gravelbikes seien so »ein Thema«. Die überproportional gestiegene Nachfrage nach diesen Rädern sei nicht vorhersehbar gewesen.

Ein Blick auf die Produktseiten großer Direktvermarkter bestätigt diesen Eindruck. So gibt Canyon dort als frühesten Versandtermin für sein beliebtes Einsteiger-Gravelbike in gängigen Größen den August an. »Was im Handel ist, kann gekauft werden, was im Katalog ist, nicht zwingend«, sagt Zedler.

Satte Preisaufschläge

Geduld ist gefragt, aber auch in dickeres Portemonnaie – die Fahrradpreise klettern Corona-bedingt. Die üblichen Spätsommerrabatte, wenn die Händler ihre Lager leeren, kann man sowieso vergessen. Nicht nur Transportkosten sind gestiegen, auch Aufwendungen für Material, berichtet Krajewski. Tatsächlich liegen die Preise für Aluminium und Gummi laut den Rohstoffpreisindizes klar über Vorkrisenniveau. Auch Eisenerz, aus dem Stahl gewonnen wird, ist in den vergangenen Monaten deutlich teurer geworden.

Krajewski beziffert die Preissteigerung bei Cannondale und GT Bicycles mit »sieben bis neun Prozent«, sie betreffe aber nicht alle Räder. Die ZEG hat die Preise ihrer Fahrräder um 50 bis 100 Euro erhöht. Andere große Hersteller, allen voran Derby Cycle mit Marken wie Focus, Kalkhoff und Cervélo oder die Winora Group lassen Anfragen nach aktuellen Preiserhöhungen inhaltlich unbeantwortet.

VSF-Geschäftsführer Wöll geht branchenweit von etwa zehn Prozent Plus aus, hat aber auch vereinzelt von 20 Prozent gehört. Derweil könnte sich die Nachfrage nach Fahrrädern zum Sommer verschärfen, wenn womöglich wieder viele Deutsche ihren Urlaub hierzulande verbringen und für Radreisen in den Sattel steigen, schätzt Mobilitätsforscher Rudolph.

Angesichts der beispiellosen Situation wagt kaum ein Experte eine Prognose, wie sich die wirtschaftliche Lage der Branche insgesamt entwickelt. Rose Bikes rechnet für 2021 damit, dass der Umsatz im größeren einstelligen Millionenbereich sinkt, nachdem er 2020 um etwa 35 Millionen Euro gestiegen war.

Experte empfiehlt Reparatur statt Neukauf

Dass die Branche einen so hohen Umsatz wie im Vorjahr erzielt, hält Wöll für ein ambitioniertes Ziel. Er erwartet nicht, dass Hersteller und Großhändler ihre Lager wieder nachhaltig auffüllen können. Und er fürchtet, dass die Preise, die durch krisenbegründete »Sonderbedingungen« entstanden seien, stillschweigend beibehalten würden, auch wenn sich die Lieferumstände und Materialkosten wieder normalisierten.

Wer im Corona-Strudel weder lange Lieferzeiten noch das Preisspiralenspiel mitmachen möchte, dem empfiehlt Forscher Rudolph eine »Alternativstrategie«: »Lassen Sie doch ihr altes Fahrrad aufrüsten.« Bremse nachziehen, neue Schläuche drauf, und schon habe man ein Fahrrad für die Saison, mit der man die weitere Entwicklung abwarten könne. Genug Material gäbe es.

Grundsätzlich sind Fahrräder in Deutschland nicht knapp: Der Bestand in den Haushalten wird auf mehr als 75 Millionen Stück geschätzt.

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