Autogramm Genesis GV 60 Frisch geboostert

Die koreanische Marke Genesis wirkte bisher eher angestaubt. Doch der elektrische GV 60 nimmt es jetzt mit Porsche und BMW auf – in mancher Disziplin erfolgreich.
Der Genesis GV 60 basiert auf der 800-Volt-Elektronik-Plattform des Hyundai-Konzerns und profitiert damit von einer extrem schnellen Ladezeit: An einer Schnellladesäule mit Gleichstromanschluss lädt der Akku mit bis zu 350 kW

Der Genesis GV 60 basiert auf der 800-Volt-Elektronik-Plattform des Hyundai-Konzerns und profitiert damit von einer extrem schnellen Ladezeit: An einer Schnellladesäule mit Gleichstromanschluss lädt der Akku mit bis zu 350 kW

Foto: Florian Quandt / Genesis

Der erste Eindruck: Erfrischend! Das liegt nicht nur am zitronengelben Lack des Prototyps. Das ganze Auto wirkt frech und fast futuristisch. Klar: Die Tarnfolie an Spoilern und Schwellern kommt bis zum Marktstart runter.

Das sagt der Hersteller: Genesis möchte es mit großen Namen aufnehmen. Die 2015 gestartete Marke des Hyundai-Konzerns sieht sich in einer Liga mit japanischen Firmen wie Lexus oder Infiniti, ebenso mit Audi, BMW und Mercedes. Seit einem Jahr ist sie in Europa vertreten. »Unsere Mission wird es sein, viel mehr als nur exzellente Fahrzeuge anzubieten«, sagt Genesis-Europa-Chef Dominique Boesch. Er möchte mit Service punkten. »Wir wissen, dass sich anspruchsvolle Kunden nach dem gewissen Extra sehnen.«

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Genesis GV 60: Das Auto mit dem gelben Knopf

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Florian Quandt / Genesis

Tatsächlich waren etwa der Hol- und Bringservice oder der persönliche Assistent für jeden Kunden aber auch bitter nötig. Denn die Modelle, mit denen Genesis debütierte, hatten so gar nichts Besonderes. Die Limousinen G 70 und G 80 sowie die SUV-Varianten GV 70 und GV 80 wirken vornehm, aber verstaubt. Nun aber bringt die Marke einen kompakten Elektro-SUV, der Konkurrenten wie den Audi Q4, den Mercedes EQX oder den BMW iX3 spießig aussehen lässt. Genesis-Markenchef Jaehoon Chang nennt das Auto »modern, unaufdringlich und persönlich«. Von Vorteil ist, dass es keinen Traditionsballast mitschleppt: Wer keine Bestandskunden hat, muss keine Rücksicht nehmen.

Und so steht der GV 60 schon für den Wandel der jungen Marke: Dem ersten Elektroauto im Genesis-Portfolio sollen bis 2025 elektrische Versionen in jeder Baureihe folgen. Bis 2030 will Genesis nur noch E-Autos verkaufen und fünf Jahre später komplett CO2-neutral sein.

Das ist uns aufgefallen: Außerhalb Europas tritt der E-SUV als weltweit erstes Großserienauto mit einer Kamera an, die den Zugang zum Wagen per Gesichtserkennung freigibt. Anschließend stellen sich Sitz, Spiegel, Klimatisierung und weitere Komfortfunktionen auf den erkannten Fahrer ein. Das funktioniert ebenso mit dem persönlichen Schlüssel oder dem Fingerabdrucksensor auf der Mittelkonsole – und damit auch für Kunden in Europa, wo es für die Kamera keine Zulassung gab.

360°-Ansicht

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Genesis GV 60 mit unserem 360-Grad-Foto

Als kompakter SUV ist der GV 60 nur einer von vielen, auch unter den E-Modellen ist die Auswahl groß. Deshalb kommt es auf Details wie die Personalisierung an. Das Platzangebot des Koreaners fällt weder positiv noch negativ auf – es ist aber, wie bei allen Elektroautos, besser als bei Verbrennern, weil kein Raum für Diesel- oder Ottomotor benötigt wird. Große Bildschirme prägen das unspektakuläre Ambiente, eine hohe Mittelkonsole dominiert die luxuriöse Leere. Immerhin hat der GV 60 zusätzlich zum 432 Liter großen Kofferraum noch einen bis zu 50 Liter fassenden »Frunk« im Bug.

Power hat der Wagen reichlich und mit bis zu 235 km/h ist er auch etwas schneller als die Konkurrenten von Audi, BMW oder Mercedes. Doch wie in den meisten Elektroautos fühlt man sich am Lenkrad ziemlich von der Straße entkoppelt und taucht ab in komfortable Behäbigkeit. Dagegen hilft, den gelben Boost-Button auf dem Lenkrad zu drücken. Dann schaltet der GV 60 für zehn Sekunden 40 kW mehr Leistung frei, wie bei einem Sportwagen. Das hilft auch beim Überholen oder beim Auffahren auf die Autobahn. Wer noch mehr aus dem Auto herausholen will, nutzt vielleicht den »Drift-Mode«, der sich in den Untermenüs verbirgt.

Manche technische Neuerung überzeugt – darunter Kameras, die in den toten Winkel schauen und beim Blinken ihr Bild ins Cockpit blenden. Doch an ein paar Stellen ist Genesis übers Ziel hinausgeschossen. So bei den digitalen Außenspiegeln, sie taugen im Alltag herzlich wenig. Die Kamerafüße außen auf der Tür sind so groß, dass der Luftwiderstand kaum schrumpfen dürfte. Und die Monitore drinnen sind grobschlächtig, wirken wie nachträglich angeschraubt. Zumindest den linken Bildschirm verdeckt auch noch die Hand am Lenker.

Das muss man wissen: Der GV 60 startet noch vor den Sommerferien zu Preisen ab 56.370 Euro. Dafür gibt es den 4,52 Meter langen Fünftürer mit einem 160-kW-Motor an der Hinter- und einer 74-kW-Maschine an der Vorderachse. Für 71.010 Euro verbaut der Hersteller auch im Bug den stärkeren Motor. Dann beschleunigt der GV 60 in 4,0 Sekunden auf Tempo 100.

Der Akku hat immer eine Kapazität von 77,4 kWh und soll für gut 450 Kilometer Fahrt reichen. Schneller als die Konkurrenz ist der Genesis auch an der Steckdose. Anders als die elektrischen SUVs aus Deutschland lädt er mit bis zu 350 kW und schraubt so den Akkustand in bestenfalls 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent.

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Die Systemspannung von 800 Volt und die hohe Ladeleistung heben den GV 60 aus der Flut der kompakten Elektro-SUVs heraus. Das bieten bislang nur Porsche Taycan und Audi e-tron GT. Da macht sich bemerkbar, dass Genesis verschwistert ist mit Hyundai und Kia. Der GV 60 nutzt die gleiche Plattform wie Ioniq 5 und EV6.

Das werden wir nicht vergessen: Den komplizierten Blick zurück. Nicht nur die digitalen Außenspiegel enttäuschen. Auch die Sicht durch die Heckscheibe ist bescheiden – das Teil ist schlicht zu flach.