Spritkrise Briten stürzen sich auf Elektroautos

Benzin und Diesel sind knapp – viele Briten wollen nicht länger an Tankstellen auf Sprit warten, sie bestellen Elektroautos. Die Hersteller liefern trotz Brexit schneller auf die Insel als nach Deutschland.
»Sorry«, der Sprit ist alle

»Sorry«, der Sprit ist alle

Foto: Jon Super / AP

Teure Werbespots für ihre neuen Elektro-Flaggschiffe können sich die Autobauer in Großbritannien derzeit sparen. Die Macht der Nachrichtenbilder reicht völlig aus. Während sich an den Tankstellen lange Schlangen bilden, die Armee das Benzin ausliefert und Menschen auf Pferden an den Staus vorbeireiten, fallen die Elektroautos auf den Straßen in London besonders auf. Und sie sind angesichts der Krise zunehmend gefragt.

»Operation Escalin« klingt wie der nächste James-Bond-Film, soll aber die Spritkrise in England eindämmen. Das britische Militär versorgt vor allem Tankstellen im Südosten der Insel mit Benzin und Diesel, teilte die Regierung mit. Dort seien die Engpässe besonders groß und eine Stabilisierung der Lage nicht in Sicht. Im Norden Englands und in Schottland sei die Versorgung aber sicher.

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Seit den ersten Tankstellen der Sprit ausging, hatten sich lange Schlangen vor den Zapfsäulen gebildet. Die Panik- und Hamsterkäufe der Autofahrer mit ihren Kanistern verschärften die Not. Der Auslöser war weder eine Ölkrise noch Krieg im Nahen Osten: Kraftstoff kommt trotz Brexit genug auf der Insel an. Es mangelt aber an Lkw-Fahrern, die den Sprit von den Häfen und Raffinerien zu den Tankstellen fahren.

Die Regierung will zwar nun Tausende Visa für Lkw-Fahrer etwa aus Osteuropa ausstellen, doch das Interesse ist bislang überschaubar. Premierminister Boris Johnson bereitet die Bevölkerung bereits darauf vor, dass die Engpässe zum Dauerzustand werden. Die Krise könne auch über Weihnachten noch das Leben im Land mitbestimmen, berichtet die BBC.

Geschlossene Tankstelle in Hemel Hempstead im Norden von London

Geschlossene Tankstelle in Hemel Hempstead im Norden von London

Foto: MATTHEW CHILDS / REUTERS

Die Briten scheinen erstaunlich schnell ihre Schlüsse aus der fossilen Kraftstoffkrise zu ziehen. Schon wenige Tage nachdem die ersten Tankstellentanks leer waren, zog das Interesse an Elektroautos messbar an. Zuerst zeigten das Suchmaschinenanalysen, inzwischen bestätigen es Autohändler. Wer auf der Insel ein Auto kauft oder bestellt, wählt so oft wie noch nie ein Modell mit Elektroantrieb.

»Die Leute gucken nicht nur, sie holen massenweise konkrete Angebote für E-Autos ein«, berichtet Philipp Sayler von Amende, Chef des Neuwagen-Vergleichsportals Carwow. Über die Plattform, die Marktführer in Großbritannien ist, erwirbt rund jeder sechste Autokäufer seinen neuen Wagen. Allein in den ersten Tagen nach Ausbruch der Spritkrise sei das Interesse an E-Autos um 56 Prozent gestiegen.

»Ein neues Auto kaufen die Menschen nicht über Nacht, aber erfahrungsgemäß dürfte das sprunghaft gestiegene Interesse in ein Verkaufsplus von 50 bis 70 Prozent münden«, schätzt Sayler von Amende. Die Plattform befeuert die Antriebswende auf der Insel mit einer eigenen E-Kampagne: »Don't be fuelish«, ein Wortspiel mit »fuel«, Kraftstoff, und »foolish«, also töricht.

Schnell zu bekommen: Elektroauto der Marke Jaguar

Schnell zu bekommen: Elektroauto der Marke Jaguar

Foto: Jaguar

»Boris Johnson und der Brexit entwickelt sich zum Segen für Elektroautos auf der Insel«, glaubt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center for Automotive Research (CAR). »Je länger die Staus an den Zapfsäulen, umso stärker springt die Nachfrage nach Elektroautos in die Höhe. Und der Effekt bleibt gut sechs Monate erhalten. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man eine Aktion des Politmarketing-Profis Johnson dahinter vermuten.«

Tatsächlich strebt Großbritannien ein baldiges Ende des klimaschädlichen Verbrennerverkaufs an, zumindest für Neuwagen – 2030 soll Schluss sein. Johnson zog das Ausstiegsdatum fünf Jahre vor, um die »grüne industrielle Revolution« zu beschleunigen, wie er sagte. Die heimischen Luxusmarken Jaguar, Aston Martin, Bentley und Rolls-Royce sind ohnehin schon auf dem Elektrotrip in die Zukunft.

Wie hierzulande hilft eine Kaufprämie Konsumenten, sich zu entscheiden. Zwar fällt der Zuschuss nicht so exorbitant aus wie in Deutschland, aber es gibt 2500 britische Pfund, knapp 3000 Euro, Prämie für E-Neuwagen, solange diese nicht teurer als 35.000 Pfund sind. Wie in Deutschland hat der Rabatt auf der Insel einen E-Boom ausgelöst. Die Spritkrise verstärkt diesen nun. In Deutschland zahlt der Staat E-Auto-Käuferinnen und -Käufern bis zu 6000 zu. Darüber hinaus gewähren Hersteller einen Rabatt von bis zu 3000 Euro netto.

Viel kürzere Lieferzeiten als in Deutschland

Im September fiel die Zahl der verkauften Benziner und Diesel in Großbritannien auf ein historisches Tief. 215.000 neu zugelassene Autos aller Antriebsarten zählte die Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT), so wenige wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das war sogar ein Drittel weniger als im Vormonat, den die Briten noch im halben Corona-Lockdown verbrachten.

Steil nach oben ging es dagegen bei den Verkaufszahlen von Elektroautos. Ein Plus von mehr als 15 Prozent melden die Autohändler offiziell. Mit knapp 33.000 Fahrzeugen, so viele wie noch nie, sind es zwar noch weniger als Verbrenner, aber die Lücke schließt sich rasant. Neben Spritkrise und Kaufprämie gibt es aber noch einen weiteren Grund für die Trendwende.

Die Hersteller haben nicht genug Halbleiter für ihre durchdigitalisierten Autos, was zu Produktionsausfällen und Wartezeiten führt. »Obwohl wir im Sommer eine hohe Nachfrage hatten, sind wir durch den Chipmangel bereits drei Monate in Folge durch Lieferschwierigkeiten belastet, vor allem aus Asien«, so die SMMT. Für den britischen Automarkt hat das besondere Folgen.

»Die Autobauer lenken den Nachschub zunächst auf für sie lukrative Märkte um«, sagt Carwow-Chef Sayler von Amende, »dazu gehört beispielsweise Deutschland, aber definitiv nicht Großbritannien, wo die Neuwagenpreise generell niedriger sind.« Außerdem statteten die Hersteller lieber E-Autos mit Chips aus als Verbrenner, weil sie in dem Segment rasch vorankommen wollen.

Das Ergebnis auf der Insel: »Elektroautos sind mit relativ kurzen Lieferzeiten verfügbar, Verbrenner dagegen kaum erhältlich«, sagt Sayler von Amende. Einen Elektro-Jaguar könne man direkt im Autohaus abholen. Auf den E-Mercedes EQC warteten die Kunden auf der Insel zwei Monate, auf den E-BMW i3 einen Monat – deutlich kürzer als in Deutschland . »Wenn Sie in England jetzt einen Verbrenner bestellen«, sagt Sayler von Amende, »bekommen Sie den wahrscheinlich in einem Jahr.«