High Speed 2 Großbritanniens Super(teurer)Zug

Teurer als geplant, komplizierter als gedacht - egal: Großbritannien wird die Zugstrecke High Speed 2 bauen, Europas größtes Infrastrukturprojekt. Soll man sich von China helfen lassen?
Boris Johnson, hier beim Besuch des Bahnhofs Curzon Street in Birmingham, will die Zugstrecke High Speed 2 bauen - trotz ausufernder Kosten und Widerstand gegen das Bauprojekt

Boris Johnson, hier beim Besuch des Bahnhofs Curzon Street in Birmingham, will die Zugstrecke High Speed 2 bauen - trotz ausufernder Kosten und Widerstand gegen das Bauprojekt

Foto: WPA Pool/ Getty Images

18 Züge pro Stunde, die bis zu 400 km/h schnell fahren sollen - mit der Hochgeschwindigkeitsstrecke High Speed 2 (HS2) will das Vereinigte Königreich zum Schnellzug-Land werden. Trotz der in der vergangenen Woche erfolgten Zustimmung der britischen Regierung zum Bau der Trasse steht Europas derzeit größtes Infrastrukturprojekt noch vor einigen Hindernissen.

So bezeichnete auch Premierminister Johnson die Entscheidung  zum Bau der Strecke als "schwierig und umstritten", denn auch die HS2 wird von einem Problem vieler öffentlicher Großprojekte geplagt: Sie ist kostspielig und wird wie Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen BER stetig teurer. Bis  Mitte 2019 wurden bereits rund 7,4 Milliarden Pfund investiert, die vor allem in die Planung, den Kauf von Grundstücken sowie vorbereitende Bauarbeiten geflossen sind.

Mehr Wohlstand für den Norden Englands

Dabei soll sie eines der größten Probleme Großbritanniens lösen und die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen dem starken Süden und dem abgehängten Norden Englands verringern. Sie käme also jenen traditionellen Labour-Hochburgen zwischen Birmingham und Leeds zugute, in denen die konservativen Tories von Premierminister Boris Johnson bei der letzten Wahl punkten konnten.

Das bereits im Jahr 2009 begonnene und nun final beschlossene Projekt  soll diese Regionen besser an den reichen Süden anschließen. Ein erster Abschnitt führt von der Londoner Euston Station nach Birmingham, dort gabelt sich die y-förmige Trasse mit einer Gesamtstrecke von 531 Kilometern.

Der westliche Arm soll Crewe, Wigan und Manchester sowie dessen Flughafen anbinden, der östliche einen "East Midlands Hub" getauften, neuen Umsteigebahnhof zwischen Nottingham und Derby sowie die Stadt Leeds. Damit soll die Strecke die als "High Speed 1" bekannte, 108 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen London und dem Eurotunnel, die das Land mit Frankreich verbindet, ergänzen.

Auf der neuen Strecke sollen 400 Meter lange Züge mit jeweils 1100 Sitzplätzen verkehren, bis zu 18 Mal pro Stunde mit bis zu 360 km/h. Damit wären die britischen Hochgeschwindigkeitszüge die schnellsten in Europa, zwischen London und Birmingham sollen später sogar Geschwindigkeiten von bis zu 400 km/h möglich sein. Der französische TGV sowie die Baureihe drei des deutschen ICE  sind derzeit dagegen maximal für Geschwindigkeiten bis zu 320 beziehungsweise 330 km/h zugelassen.

Doppelt so schnell von London nach Birmingham

Das soll die Reisezeiten zwischen den Städten im Norden und der Hauptstadt London enorm verkürzen. Die Fahrt von Birmingham nach London soll nach Angaben der Betreibergesellschaft HS2 Limited künftig statt einer Stunde und 22 Minuten nur 45 Minuten dauern. Mit der Fertigstellung des zweiten Abschnittes soll die Reisezeit von Manchester nach London von zwei Stunden und sieben Minuten auf eine Stunde und sieben Minuten sinken, die von Birmingham nach Leeds von knapp zwei Stunden auf 49 Minuten.

Die Betreibergesellschaft HS2 Limited  geht von über 300.000 Passagieren pro Tag und 100 Millionen im Jahr aus, wenn die Strecke vollständig errichtet ist. Bis es soweit ist, vergehen jedoch noch Jahre: Auf dem ersten Abschnitt, der ab April gebaut werden soll, sollen bis zum Ende des Jahrzehnts die ersten Züge rollen, der zweite Abschnitt wird voraussichtlich erst zwischen 2035 und 2040 fertiggestellt.

Neben schnelleren Verbindungen soll die Strecke aber vor allem die sogenannte "West Coast Main Line" entlasten , eine der wichtigsten Eisenbahnstrecken des Landes, die London mit Birmingham, Liverpool, Manchester sowie Edinburgh und Glasgow verbindet. Durch die dort wegfallenden Schnellzüge sollen mehr Kapazitäten für Regionalzüge, die zwischen den kleinen und mittelgroßen Städten wie Rugby und Coventry verkehren, frei werden.

Die Kosten des Projekts explodieren

Die enorme Zeitersparnis führt jedoch auch zu geradezu gigantischen Kosten. So ging die Regierung im Jahr 2015 noch von Kosten in Höhe von 56 Milliarden Pfund aus, wovon 27 Milliarden auf den ersten Streckenabschnitt bis Birmingham entfallen sollten. Aktuellen Schätzungen zufolge könnte das Projekt jedoch bis zu 106 Milliarden Pfund verschlingen. Damit würden die Kosten des Projekts die noch im Jahr 2016 auf 103 Milliarden Pfund bezifferten Gewinne übersteigen .

Für die hohen Kosten sorgen neben den Umweltauflagen vor allem die teuren Hochgeschwindigkeitsstrecken, deren Bau pro Kilometer nach Angaben der Weltbank  in Europa 25 bis 39 Millionen US-Dollar kostet. Allein im ersten Abschnitt der Strecke zwischen London Euston und Birmingham müssen 40 Kilometer Tunnel gegraben werden, darunter eine 16 Kilometer lange Röhre durch die Hügelkette der Chiltern Hills. Entlang der Strecke liegende Täler müssen außerdem mit Viadukten mit einer Gesamtlänge von 19 Kilometern überwunden werden.

Betreiber schätzte Kosten für Grundstücke zu niedrig

Zum Vergleich: Das "Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8", die Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und München, umfasste 27 Tunnel sowie 37 Talbrücken, wobei die längsten Bauwerke 8314 Meter (Bleßbergtunnel) sowie 8600 Meter (Saale-Elster-Talbrücke) lang sind. Die Strecke sollte ursprünglich bis spätestens zum Jahr 2000 fertiggestellt werden, war jedoch erst 2017 fertig, die Kosten lagen bei rund 10 Milliarden Euro.

In Großbritannien wurde zum Beispiel der Wert zahlreicher Grundstücke entlang der Strecke falsch kalkuliert. Der ehemalige HS2-Manager Doug Thornton erklärte gegenüber der BBC, die ursprünglichen Schätzungen seien "extrem falsch" gewesen. So wurden die Kosten für den Grundstückserwerb ursprünglich auf 1,1 Milliarden Pfund geschätzt - 2019 ging man dagegen von fünf Milliarden Pfund aus.

Neubau bedroht Naturräume

"Die geschätzten Kosten sind explodiert, aber das bis heute schlechte Management hat den enormen Wert des Projekts nicht geschmälert", erklärte Johnson seine Zustimmung zum umstrittenen Projekt. Doch das gigantische Eisenbahnprojekt könnte nicht nur aufgrund der Kosten scheitern, sondern auch am Widerstand von Initiativen wie "Stop HS2", die neben den hohen Kosten auch die Zerstörung von Naturräumen bemängeln .

Zur Lösung des Kostenproblems steht nun ein Angebot Chinas im Raum: Das chinesische Staatsunternehmen China Railway Construction Corporation (CRCC) könnte den Bau der Strecke übernehmen.

Die CRCC könne Medienberichten  zufolge das gesamte Projekt innerhalb von fünf Jahren fertigstellen sowie Geschwindigkeiten von bis zu 420 km/h und höhere Kapazitäten bieten - für einen deutlich niedrigeren Preis. Kritik am vor wenigen Tagen erfolgten Angebot des chinesischen Staatskonzerns kam jedoch auch aus der konservativen Partei.

Chinesisches Angebot stößt auf Widerstand

So bezeichnete der Abgeordnete Tom Tugendhat das Angebot , beim dem es sich seiner Meinung entweder um einen "außerordentlichen Akt der Güte eines kommunistischen Staates oder eine strategische Initiative" handle, als "extrem fragwürdig".

Angesichts all dieser Probleme aufzugeben ist für die Regierung jedoch keine Option. So empfiehlt ein im Auftrag des Transportministeriums erstelltes Gutachten  trotz aller Probleme den Bau von HS2 mit wenigen Änderungen, wie beispielsweise einer Reduktion der Zahl der Züge pro Stunde von 18 auf 14, fortzuführen. Denn der Bedarf für höhere Kapazitäten auf Großbritanniens Schienen sei immer noch vorhanden - und es gebe schlicht keine baubereiten Alternativen.

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