Smartphone am Fahrradlenker Eine Frage der Halterung

Fahrradfahrer haben ein Problem: Wohin mit dem Handy? Zum Glück gibt’s Halterungen für den Lenker, die - man ahnt es - selbst immer smarter werden. Aber ist das alles noch erlaubt?
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Fotostrecke: Eine Frage der Halterung

Foto: Cobi/ Bosch E-Bike Systems

Das Handy klingelt, man fummelt es aus der Hosentasche und wäre so einhändig radelnd beinahe gegen das nächste parkende Auto gerumst. Fahrradfahrer, die es nicht lassen können, kennen das Problem. Smartphone-Gewische und Pedale-Treten - das passt nicht zusammen, das birgt Ablenkungsgefahr. Kann zum Unfall führen und sieht außerdem - so im Sattel - nerdig aus. 

Andererseits taugt das Smartphone zum Ersatz des klassischen Fahrradcomputers und dient sich als Alleskönner auch dem Radler an. Über entsprechende Apps navigiert es zum Ziel, trackt Fitnessdaten und streamt Musik. Am E-Bike kann es zum zentralen Display für die Motorsteuerung werden. Die Tempoanzeige wie früher am Fahrrad-Tacho als Highlight? Selbstverständlich möglich, aber in seiner Schlichtheit längst eine Information aus der Fahrrad-Steinzeit.

Smartphone-Halterungen sollen dem Radler während der Fahrt die Funktionsvielfalt der digitalen Begleiter verfügbar machen - auf sichere Weise. Doch Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), hegt Zweifel an der Technik.

Das Handy im Sichtfeld erhöhe den Druck, zum Beispiel auf einkommende Nachrichten sofort zu reagieren, sagt der Experte: "Dies ist für andere Verkehrsteilnehmer vielleicht etwas weniger gefährlich als beim Auto, für den Radfahrer selbst aber doppelt gefährlich." Fürs Telefonieren hält der Unfallforscher Halterungen schlicht für überflüssig. Dies funktioniere auch gut mit Kopfhörern und dem Handy in der Tasche. Nur eine Ausnahme lässt Brockmann gelten: wenn das Handy ausschließlich als Navigationsgerät mit Sprachausgabe genutzt wird. Zieleingabe vor Fahrtantritt, versteht sich. 

Radfahrer könnten zu illegalem Handeln verleitet werden

Unter rechtlichen Aspekten kommen an den Halterungen beziehungsweise dem, was sie mit sich bringen, ohnehin Zweifel auf. Wer sich das Telefon an den Lenker schnallt, wird es auch benutzen. Und damit werden Radler zu illegalem Handeln verleitet. Faktisch befinden sich Radler beim Interagieren mit dem Smartphone in einer Grauzone. Denn schnell passiert es, dass sie dem Gerät mehr Aufmerksamkeit widmen, als sie das dürften.

Erlaubt ist es laut Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung (StVO) Fahrrad- wie Autofahrern gleichermaßen, "ein elektronisches Gerät, das der Kommunikation, Information oder Organisation dient", zu benutzen, wenn es dafür "weder aufgenommen noch gehalten wird". Dieses Problem lösen Handyhalterungen. Es kommt aber darauf an, wie die Geräte bedient und genutzt werden.

Die StVO erlaubt dazu zwar, eine "kurze, den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen angepasste Blickzuwendung zum Gerät" oder auch eine Sprachsteuerung und Vorlesefunktion. Doch der Sicherheit sei all das nicht förderlich, sagt Roland Huhn, der beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) als Rechtsreferent arbeitet. Er sagt: "Am sichersten ist das Fahren mit dem Handy in der Tasche."

Nur halten sich viele Radfahrer nicht daran. Um das zu bestätigen, braucht man nur einmal in Hamburg oder Berlin den Straßenverkehr zu beobachten. Ob vor diesem Hintergrund Handyhalterungen das Radfahren sicherer machen könnten, weil diese dessen Bedienung wenigstens in Bahnen lenken? Dazu gibt es laut Roland Huhn "keine wissenschaftlichen Erkenntnisse". Fest steht jedoch: Wer als Radfahrer gegen Paragraf 23 der StVO verstößt, muss laut ADFC mit einem Verwarnungsgeld von 55 Euro rechnen.

Ungeachtet dessen ist das Angebot an Halterungen fürs Smartphone und deren Produktvielfalt groß. "Von aufwendig bis total simpel ist alles dabei", sagt David Koßmann vom industrienahen Pressedienst-Fahrrad (pd-f) in Göttingen, einer Art Lobby-Agentur in Sachen Fahrrad. Als Preisspanne nennt Koßmann rund 10 bis 60 Euro. Das Spektrum reiche von einfachen Silikonbändern, die um den Lenker gewickelt werden, bis zu Geräten mit Stromversorgung des Smartphones über den Nabendynamo.

Beim Kauf sollte vor allem auf die Befestigung geachtet werden

Es gibt Halterungen mit Regenschutzhülle, mit zusätzlicher Box für Kleinkram oder Upcycling-Produkte aus Lkw-Plane oder ausgedienten Schläuchen von Traktorreifen. Teils ist für Radler, die keinen Dynamo am Rad haben, eine Powerbank mit USB-Ports schon integriert. Andere Halterungen sind universell einsetzbar, zum Beispiel am Kinderwagen oder an der Autowindschutzscheibe mit Zusatzadapter. Die Halterungen nehmen manchmal nur bestimmte Smartphone-Modelle auf oder sind in der Größe variabel auch für XXL-Handys geeignet. Sitzt das Telefon auf einem Kugelgelenk, kann es für eine bessere Draufsicht auch im Winkel verstellt werden.

Achten sollte man vor dem Kauf auch darauf, wie die Halterung befestigt wird. Es gibt Schellen für Vorbau oder Lenker, teils auch zur werkzeuglosen Montage. Manche werden mit Gummibändern oder Kabelbindern befestigt, andere mit Klettverschlüssen. Grundsätzlich gilt: Schnell anzubringende Lösungen eignen sich für spontane Einsätze - etwa, wenn man mehrere Fahrräder hat oder sein Telefon am Bikesharing-Rad fixieren möchte. Doch sie bieten dem Telefon oft weniger Halt und Schutz vor Vibrationen.

Unter den vielen Herstellern - Quadlock , Messingschlager , Fahrer Berlin , Topeak , Delta Cycle , Rokform , Thule , iOmounts , Finn  oder Morpheus  - sticht Cobi  hervor, nicht nur beim hohen Preis. Über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter mit Geld versorgt, weckte das 2014 gegründete Start-up schnell Interesse von Bosch, das das Unternehmen aufkaufte. Seit 2017 ist Cobi hundertprozentige Tochter von Bosch E-Bike Systems.

Für pd-f-Mitarbeiter Koßmann bietet das System Cobi die "weitestgehende Smartifizierung von Telefon und E-Bike". Das Handy findet ebenfalls in einer Halterung Platz. Über Bluetooth mit der Einheit gekoppelt, ersetzt es über eine App das Display des E-Bikes, erweitert es aber um Funktionen des eigenen Handys.

Zum Tracking von Tour- oder Fitnessdaten - zum Beispiel wird die Trittfrequenz direkt vom Rad abgegriffen - ist Cobi kompatibel mit den gängigen Apps Komoot und Strava. Während das System für E-Bikes nur mit Boschmotoren zusammenarbeitet, gibt es auch eine Produktvariante für alle normalen Fahrräder. Mit abgespecktem Funktionsumfang - der aber immer noch groß und teuer ist. Mindestens 250 Euro muss man dafür hinblättern.

Bedenken, dass das System vom Verkehrsgeschehen ablenke, hält Erik Troppenz aus der Marketing-Abteilung von Cobi für unbegründet. Schließlich bediene der Radler alles per Daumen-Controller und müsse die Hände nicht vom Lenker nehmen. Zudem sei die Cobi-App bewusst minimalistisch und ablenkungsarm gestaltet und biete für selbst getätigte Anrufe nur Zugriff auf sieben vorausgewählte Kontakte sowie verkürzte Spotify-Listen. "So kommt man erst gar nicht in die Verlegenheit, sich durch 200 Einträge zu scrollen." So etwas wäre dann aber auch wirklich verboten.