Head-up-Displays im Auto Hey! Augen auf die Straße!

In Pkw dominieren zunehmend Bildschirme das Cockpit – und lenken häufig ab. Den Blick aufs Wesentliche sollen Head-up-Displays schärfen. Wohin entwickelt sich die Technik und worauf sollten Käufer achten?

Beim Autofahren gehören die Hände ans Lenkrad und die Augen auf die Straße. Das zumindest gilt in der Theorie und in der Fahrschule. Doch in modernen Autos haben es Fahrerinnen und Fahrer oft schwer, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Zahlreiche Informationen im Kombiinstrument, am Bildschirm des Bordcomputers oder auf dem Display des Navigationssystems binden Aufmerksamkeit.

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Head-up-Displays: Blick fürs Wesentliche

Foto: BMW

Abhilfe schaffen Head-up-Displays. Sie projizieren wichtige Informationen auf die Frontscheibe und somit direkt ins Blickfeld des Fahrers. Die Geräte wurden in den 1940ern für Kampfpiloten entwickelt, vor knapp 20 Jahren haben sie ihren Weg ins Auto gefunden und sind mittlerweile bis weit in die Kompaktklasse verbreitet.

Aus gutem Grund: Angesichts der anschwellenden Flut an Informationen sei es Aufgabe des Herstellers, Ablenkung für den Fahrer zu minimieren, sagt Pablo Richter vom Zulieferer Continental. Das habe nicht zuletzt das Urteil zum Touchscreen bei Tesla bestätigt. Demnach handelt unter Umständen ordnungswidrig, wer etwa die Scheibenwischer während der Fahrt in einem Untermenü am Bildschirm einstellt.

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»Die Technologie erhöht die Sicherheit«, sagt Hans-Georg Marmit von der Sachverständigenorganisation KÜS zum Head-up-Display, »weil der Fahrer nicht mehr nach unten schauen muss, wenn er Informationen wie die Geschwindigkeit oder die Navigationshinweise erfassen will«.

Da die Projektion außerdem mehrere Meter vor dem Auto zu schweben scheint, muss das Auge nicht zwischen Fern- und Nahsicht wechseln und die Informationen kommen schneller im Gehirn an. Das Ergebnis: Der Blick bleibt auf der Straße, und der Fahrer ist reaktionsschneller. Gerade Navigationshinweise seien besser wahrzunehmen, sagt Marmit.

Technisch basieren die Systeme auf einem extrem starken Display, das tief im Armaturenbrett verbaut ist und seine Grafiken über mehrere zum Teil bewegliche Spiegel auf die Frontscheibe projiziert. So wird nicht nur deren Krümmung ausgeglichen, sondern auch die Größe und Körperhaltung des Fahrers berücksichtigt. Die Scheibe ist mit einer speziellen Folie beschichtet.

Die Technik hat auch Nachteile

Angezeigt werden bei den allermeisten Systemen die Geschwindigkeit und bei aktiver Navigation auch die Abbiegehinweise. Zudem blenden viele Fahrzeuge wichtige Informationen der Assistenzsysteme ein, etwa den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit oder ein Symbol, das vor Kurven oder Ortseinfahrten zum Lupfen des Gaspedals animieren soll. Bei besonders sportlichen Fahrzeugen von Porsche, der M GmbH oder Mercedes-AMG gibt es zu Tempo und Abbiegehinweisen auch den Drehzahlmesser oder die Schalthinweise auf die Scheiben.

So hilfreich die Technik sein mag – sie ist nicht ohne Nachteile: Die Systeme benötigen viel Bauraum, Ingenieure müssen in der vollgepackten Instrumententafel Platz für einen Schuhkarton voller Kinotechnik schaffen. Designer müssen mit einer Art Loch im Armaturenbrett leben, bisweilen von der Größe eines DIN-A4-Blattes.

Und für die Fahrer ist die Sicht nicht immer perfekt. So sind die Anzeigen zwar bei Nacht genauso gut ablesbar wie bei extrem starkem Sonnenschein. Aber mit polarisierten Brillen ist das Head-up-Display nahezu unsichtbar. Außerdem können die Projektionen bei besonders schmutzigen Scheiben irritierend wirken, so Marmit weiter.

Billiglösung als Alternative

Alternativ zu dieser aufwendigen Technik hat sich in den vergangenen Jahren eine Art Billiglösung etabliert, die vor allem in günstigen Fahrzeugsegmenten zu finden ist: Statt auf die Frontscheibe werden die Informationen auf eine kleine Plexiglasplatte projiziert, die aus der Lenksäule klappt. Diese Lösung beansprucht weniger Bauraum. Sie ist vielleicht nicht so schön, doch auch mit ihr bleibt der Blick, wo er hingehört: auf der Straße.

Ihr Preisvorteil ist deutlich: Wo die Projektionen auf die Frontscheibe etwa beim Fünfer BMW oder der Mercedes E-Klasse mit rund 1200 Euro zu Buche schlagen, verkauft Opel die Klappscheibe im Zafira für knapp 500 Euro. Nicht überall lässt sich das System aber einzeln buchen: Wer etwa im BMW Zweier Active Tourer alles im Blick haben will, muss zur Klappscheibe auch eine Navigation bestellen und ist deshalb je nach Motorvariante und Grundausstattung mit Aufpreisen zwischen 1400 und 2600 Euro dabei.

Trend geht zum Megadisplay

Egal welches System eingesetzt wird, KÜS-Mann Marmit mahnt zum Maßhalten: »Da ist weniger meist mehr«, sagt der Experte. Er hält die Geschwindigkeitsanzeige in Verbindung mit Hinweisen zur Navigation und Warnungen der Assistenzsysteme für ausreichend.

Allerdings arbeitet die Industrie zusehends daran, die virtuelle mit der realen Welt zu verschmelzen: Augmented Reality heißt die Technik, die Informationen noch besser rüberbringen soll. So, wie heute schon auf manchen Navi-Bildschirmen Richtungspfeile in Straßenansichten gelegt werden, schweben dann künftig vor dem Auto virtuelle Wegweiser durchs Blickfeld, etwa in der neuen Mercedes S-Klasse .

Wer dafür 3500 Euro Aufpreis zahlt – anstatt der 1000 Euro für das bisherige System – blickt zehn Meter vor dem Auto auf einen virtuellen 77-Zoll-Bildschirm. Das ist die bislang größte derartige Projektion. Zudem folgt der Fahrer einer Art virtuellem Achterbahnwagen, der vor der Limousine durch die Straßenzüge fliegt.

Sorge, dass diese Entwicklungen mit der zunehmenden Autonomie beim Fahren überflüssig werden, haben die Entwickler nicht, sagt Continental-Experte Richter. Erst recht nicht, wenn die Projektionsfläche weiter wächst. Zulieferer wie 3M arbeiten an Folien, mit denen sich die Projektion auf die gesamte Scheibe ausweiten lässt.

Damit wird das Head-up-Display zur Bühne für Infotainment. Statt auf einem kleinen Tablet oder dem Smartphone gibt's das Internet, den Videostream oder das Computerspiel dann wie in Cinemascope. Und wenn der Computer dabei lenkt, gehören die Augen auch nicht mehr auf die Straße.

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