Automesse IAA Die Party, auf die sich (fast) niemand freut

Auf der IAA will die Autoindustrie zeigen, dass sie für die Zukunft gerüstet ist – doch Corona und Proteste könnten die Messe ausbremsen. Der Branche droht ein Imagefiasko, mancher hofft auf eine Absage in letzter Minute.
IAA-Konzeptpräsentation: Programm bereits abgespeckt

IAA-Konzeptpräsentation: Programm bereits abgespeckt

Foto: Sven Hoppe / dpa

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Mit der IAA ist es in diesem Jahr ein bisschen wie mit manchem Familienfest. Jeder weiß, es ist wichtig – und trotzdem hat kaum jemand so richtig Lust darauf.

Die Messe startet unter schlechten Bedingungen, und das liegt nicht an der Pandemie allein. Zudem haben das Auto sowie seine Macherinnen und Macher in der Gesellschaft gerade nicht den besten Stand, die Nähe zur Bundestagswahl birgt zusätzlich Brisanz.

Dabei hat sich der Verband der Automobilindustrie (VDA) als Gastgeber die Sache schön ausgemalt: Als »weltgrößtes Mobilitätsevent« rühmt Präsidentin Hildegard Müller den Branchengipfel, die erste europäische Autoshow nach fast zwei Jahren Pandemiepause. Der Beiname »Mobility« steht für einen Neuanfang, nachdem die Messe von Frankfurt am Main nach München umgezogen ist und ihr Konzept modernisiert hat.

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Umso ungünstiger, dass mehr als ein Dutzend Stammaussteller abgesagt haben, darunter Opel, Peugeot, Fiat, Toyota, Jaguar und Land Rover. Auch die Gästelisten sind kurz, klagt einer aus dem Event-Team eines Herstellers, der sonst Dutzende Journalisten einfliegen lässt. Diesmal dagegen hat er etwa aus den USA und aus Fernost nur Absagen kassiert.

Tatsächlich schauen viele knapp zwei Wochen vor der Messe bange auf die Inzidenz. In München lag sie am Freitag bei etwa 65 und damit zwar leicht unter dem deutschen Durchschnitt, in der Tendenz aber stark steigend.

Fällt die IAA womöglich sogar noch aus? Insider berichten, dass die Veranstalter den fatalen Anruf aus der Staatskanzlei fürchten, selbst wenn sie sich öffentlich demonstrativ optimistisch geben. Der Aufbau habe bereits begonnen, teilte eine VDA-Sprecherin dem SPIEGEL mit. Am Montag werde der Verband umfassend über die aktuellen Messeplanungen informieren.

»Bei der üblichen Besatzung dürften wir keine Gäste mehr auf den Stand lassen.«

Doch wenn sich der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) weiter als Anführer des »Teams Vorsicht« in Coronafragen inszenieren will, schaut er dem Treiben womöglich nicht mehr lange zu. Zumal schon das Oktoberfest nicht stattfindet, was Gastronomen und Biertrinker schmerzt.

Messen sind in Bayern seit August wieder erlaubt. Veranstalter müssen dabei umfangreiche Bestimmungen beachten, die die Infektion eindämmen sollen. Die Regeln werden nach Auskunft der Staatsregierung derzeit aber überarbeitet. Ab Anfang September und damit während der Messezeit soll ein neuer Rahmen gelten – doch wie der aussieht, ist noch unklar.

Rechtlicher Rahmen für die IAA ist noch nicht fixiert

»Die beabsichtigten Änderungen befinden sich derzeit noch in Abstimmung«, teilte eine Sprecherin des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege am Freitag dem SPIEGEL mit. »Zur zukünftigen Rechtslage können wir daher derzeit noch keine Aussagen treffen.« Diese unklare Situation trübt die Messevorbereitung – und trägt dazu bei, dass manche ein Aus für denkbar halten. Die Frage, ob es eine IAA-Absage ausschließen könne, ließ das Ministerium unbeantwortet.

Derweil fährt die IAA ihr Programm zurück. So hat der VDA die Showbühne am Königsplatz für bis zu 5000 Gäste kassiert. Darauf, dass es mit Beginn des Aufbaus kein Zurück mehr gibt, sollte sich der VDA nicht verlassen. Im Juli ist die Autoshow in New York weniger als zwei Wochen vor dem Start abgesagt worden. Beim Genfer Salon haben die Behörden 72 Stunden vorher »Stopp« gesagt.

IAA 2019: Vor Corona war die Autowelt eine andere – seither ist eine Messe nach der anderen ausgefallen

IAA 2019: Vor Corona war die Autowelt eine andere – seither ist eine Messe nach der anderen ausgefallen

Foto: Sean Gallup / Getty Images

Entsprechend vorsichtig planen die Hersteller. Ihre wichtigen Premieren zelebrieren sie vorher oder parallel digital, nach München kommen sie mit Rumpfprogramm und -personal. Weil nur wenige Besucher an die Stände und in Veranstaltungsräume dürfen, bleiben viele zu Hause. »Bei der üblichen Besatzung dürften wir keine Gäste mehr auf den Stand lassen«, klagt der Planer eines Importeurs, dessen Obergrenze bei 52 Personen am Stand liegt.

Champagner und Kanapees wird es unter diesen Umständen kaum geben. Inhalte könnten ebenfalls zu kurz kommen: Autos ohne Steckdose passen nicht mehr ins Konzept und bleiben weitgehend fern. Zulieferer fürchten laut dem Branchenblatt »Automobilwoche«, dass Verkaufsgespräche flachfallen, weil ihre Ansprechpartner nicht zur Messe dürfen.

Den letzten Rest guter Stimmung könnten Proteste gegen das Auto und die, die es bauen, verderben. Schon vor zwei Jahren in Frankfurt dominierte der Widerstand die Schlagzeilen. Die IAA 2021 ist womöglich noch leichter angreifbar aufgrund des Konzepts mit Präsentationen in der Stadt und der Blue Lane als Verbindungsstücke dazwischen.

»In Frankfurt gab’s einen Zaun und wer reinwollte, musste sich zumindest Tickets besorgen«, sagt einer bei Audi und fürchtet, dass es diesmal viel mehr Störmanöver geben könnte als 2019, als Demonstranten den BMW-Stand stürmten und auf Autos herumtrampelten. Kein Wunder, dass selbst Skoda sechs Sicherheitsleute angeheuert hat, um Besucher und Testwagen zu schützen. Dabei ist die Marke offiziell nicht auf der Messe, nur Gastgeber in einem Innenstadt-Café und ohnehin keine sonderlich polarisierende Marke.

Seit Monaten trommeln Klimaschützer und Autogegner von Greenpeace über den Fahrradklub ADFC bis hin zu radikalen Gruppen wie Smash IAA gegen die Messe, seit Wochen werden Aktionen geplant. Dass zwei Wochen nach der Ausstellung ein neuer Bundestag gewählt und dabei auch über den klimapolitischen Kurs sowie ein Tempolimit abgestimmt wird, stachelt die Stimmung zusätzlich an.

Proteste 2019 in Frankfurt am Main: In München könnte es mehr Störmanöver geben

Proteste 2019 in Frankfurt am Main: In München könnte es mehr Störmanöver geben

Foto: Sascha Steibach / EPA-EFE / REX

Zumindest auf Arbeitsebene gibt es bei den Ausstellern deshalb viele, die sich eine Absage wünschen. »Wir können hier eigentlich nur verlieren«, lautet oft der Tenor solcher Gespräche, und Corona scheint plötzlich wie eine opportune Begründung für ein Messe-Aus.

Doch manches Topmanagement sehnt sich offenbar nach dem Auftritt vor großem Publikum. Und so verbreiten die Konzerne Optimismus. Vor allem Mercedes und BMW, so heißt es in der Branche, hätten die IAA durchgeboxt. Insbesondere BMW wolle seinen Heimvorteil ausspielen. Nur VW-Chef Herbert Diess macht keinen Hehl daraus, dass er Automessen und besonders die IAA für verzichtbar hält. Er wollte aber offenbar nicht zum Spielverderber werden und macht deshalb mit dem Gros seiner Marken mit.

In einer Hinsicht hat der VDA einem möglichen Misserfolg vorgebaut. Ahnend, dass die zuletzt knapp 600.000 Besucher aus Fleisch und Blut bei der IAA in Frankfurt am Main unterboten werden, plant der Verband für München einen statistischen Kunstgriff – es werden physische wie virtuelle Messegäste gemeinsam gezählt.

Anmerkung: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, der VDA habe eine Anfrage des SPIEGEL zunächst unbeantwortet gelassen. Allerdings hat die Anfrage den VDA nicht erreicht, weil sie falsch adressiert war. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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