IAA 2021 Sieht so wirklich die Zukunft aus?

Hier gleiten junge Frauen um polierte Autos herum, dort seilen sich Menschen von Brücken ab: Die IAA ist voll von Gegensätzen – und Schwarz-Weiß-Denken. Ein Spaziergang auf und abseits der Messe.
Aus München berichtet Felix Wadewitz
Aktivisten von Greenpeace demonstrieren vor Beginn der IAA auf dem Messegelände – am falschen Ort?

Aktivisten von Greenpeace demonstrieren vor Beginn der IAA auf dem Messegelände – am falschen Ort?

Foto: Sven Hoppe / picture alliance/dpa

Junge Frauen, die um Autos herumlaufen – haben sich die Hersteller von so etwas nicht lange verabschiedet? Die chinesische Marke Wey scheint das Memo nicht bekommen zu haben. Wie in alten Zeiten scharwenzeln Models im Scheinwerferlicht um die SUV herum. Am Stand C50 in Halle B3 fühlt sich die IAA, neuerdings als futuristische Mobilitätsplattform vermarktet, noch nach ganz alter Automesse an.

Manche vermissen das in München. Ganze Hallen sind mit Fahrrädern vollgestellt. Bei den Expertentalks geht es um alles Mögliche, aber weniger um Autos als bislang. »Sind scho wenig Autole zu seha«, sagt ein Besucher im Vorbeigehen. Er klingt enttäuscht. Dutzende Hersteller sagten ab, die anderen brachten weniger Ausstellungsobjekte als sonst mit.

Bis auf Renault, die chinesischen Marken und wenige andere sind vor allem deutsche Firmen vertreten. BMW, Mercedes und Volkswagen mit den Töchtern Audi und Porsche sind über ihren Autoverband VDA indirekt Gastgeber des Events, das jenseits der Messe auch in der Münchner Innenstadt stattfindet. Fast alle konzentrieren sich im Jahr 2021 auf Elektroautos.

Greenpeace fordert »Stop SUV«

Greenpeace fordert »Stop SUV«

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Trotzdem ist die Kritik an der Ausrichtung in diesem Jahr noch lauter als beim letzten Mal. In Frankfurt am Main vor zwei Jahren hatten die Veranstalter den Oberbürgermeister ausgeladen, der dann seine nicht gehaltene Rede trotzdem veröffentlichte. Frankfurt könne noch mehr Autos nicht vertragen, war der Tenor. Dazu kam die Blockade von Eingängen durch Demonstranten.

In München rollt die Stadt den Konzernen den roten Teppich aus. Die halbe Innenstadt ist zum Showroom geworden. Eine Ironie dieser IAA ist, dass sie die staureichste Stadt Deutschlands ausgerechnet durch das Aufstellen von Autos in der City teils zur autofreien Zone macht, weil die Zufahrten gesperrt sind. Die andere ist, dass auch Radwege blockiert sind, was mitunter für Unmut sorgt.

Autokritiker demonstrieren

Greenpeace demonstrierte vor der Messe, bevor Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sie eröffnete, andere Aktivisten seilten sich von Autobahnbrücken ab. Das brachte Staus und Stress, so richtig los gehen die Proteste aber erst in den nächsten Tagen. »Sand im Getriebe« will blockieren, und für eine Radsternfahrt  sind Zehntausende Teilnehmer angekündigt. Es könnten am Ende mehr werden, als die Messe Besucher mit bezahltem Ticket zählt.

Auf der Theresienwiese, wo sonst Oktoberfestbesucher den Rasen vollpinkeln, steht in diesem Jahr ein Protestcamp gegen die IAA. Veganes Essen und Workshops gibt es hier, die Polizei parkt in der Nähe und kontrolliert laut den Teilnehmern schon mal die Ausweise. Münchens Polizeipräsident hatte vor wenigen Tagen den »größten Einsatz »seit 20 Jahren« angekündigt.

Es sind zwei Parallelwelten. Die Hersteller zeigen ihre mondänen E-Autos und wollen auch mit Verweis auf ihre hierzulande mehr als 800.000 direkt Beschäftigten zukünftig ähnlich viele Fahrzeuge verkaufen wie bislang. Aus ihrer Sicht zeigen sie, wie sich die Zukunft klimafreundlich gestalten lässt, ohne auf das Auto zu verzichten. Volkswagen-Chef Herbert Diess etwa verwies auf die »großen Anstrengungen« wie Milliardeninvestitionen, um den CO₂-Ausstoß zu reduzieren.

Eine Aktivistin hängt an einer Autobahnbrücke. Der Verkehr kam zum Stillstand.

Eine Aktivistin hängt an einer Autobahnbrücke. Der Verkehr kam zum Stillstand.

Foto: WOLFGANG RATTAY / REUTERS

Die IAA-Gegner meinen mit ihrer Kritik die Gegenwart, den täglichen Verkehrskollaps in den Städten, den steigenden Anteil von Verbrenner-SUV bei den Verkäufen, die miserable Klimabilanz des Verkehrs. Und sie halten den Fokus auf das Auto an sich schon für einen Fehler im System. Die IAA ist da nur das Symbol für die Nähe zwischen Konzernen und Politik und alles, was schiefläuft bei der Verkehrswende.

Die Gemengelage bringt in dieser IAA-Woche politische Widersprüche mit sich. Während die Kanzlerin sich nach ihrer Rede besonders auffällig lange bei den Fahrrädern aufhielt, forderte ihr Verkehrsminister noch am Vortag eine Spritpreisbremse und torpedierte damit indirekt die Klimaziele des Mobilitätssektors. Der ist nach dem Corona-Stillstand wieder auf dem Weg, mehr Emissionen zu produzieren, als es die politischen Vorgaben vorsehen.

»VW, BMW und Co. verkaufen immer mehr Autos und lassen die Klimakrise immer weiter eskalieren. Und die Regierung schaut tatenlos zu, wie die Abgase von dicken SUV unsere Lebensgrundlagen zerstören«, sagte eine Sprecherin von »Sand im Getriebe«. Vielleicht wären die Proteste also vor dem Berliner Verkehrsministerium und nicht unbedingt vor einer Produktschau besser aufgehoben.

Tatsächlich ist es der Bund, der viele Kommunen ausbremst. Dort, vor Ort, fallen die Entscheidungen. Doch Städte und Gemeinden sind oft nicht frei, den Willen ihrer Bürger umzusetzen. Während Paris gerade eine der größten verkehrsberuhigten Zonen der Welt schafft, können deutsche Städte nicht einmal flächendeckend Tempo 30 einführen.

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Der Deutsche Städtetag, in dem sich die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister organisieren, plädiert bereits für Tempo 30 als Standardgeschwindigkeit. »Wir wollen den Verkehr in den Städten effizienter, klimaschonender und sicherer machen«, sagte Leipzigs Stadtoberhaupt Burkhard Jung. »Dafür brauchen wir aber vor Ort mehr Entscheidungsspielräume. Die Kommunen können am besten entscheiden, welche Geschwindigkeiten in welchen Straßen angemessen sind.«

Dem Wunsch der Städte und Gemeinden, Gebühren für Stellplätze im öffentlichen Raum selbst zu bestimmen, ist die Bundesregierung eher zögerlich gefolgt. Erst jetzt lassen Bundesländer, nach entsprechender Gesetzgebung des Bundes, ihren Gemeinden die freie Wahl. Das sorgt vor Ort bereits für heftige Konflikte. 360 Euro pro Jahr für einen Anwohnerparkausweis? Das erscheint manchem zu viel.

Den kompakten Stadtwagen ID.Life will VW erst in einigen Jahren auf den Markt bringen

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Foto: SASCHA STEINBACH / EPA

Nicht mehr das Auto ins alleinige Zentrum der Verkehrspolitik zu stellen, ist aber nicht nur eine Forderung von Ökoaktivistinnen und Bürgermeistern. Zur IAA fand sich ein Bündnis aus der Wirtschaft zusammen, zu dem vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen über Carsharing-Firmen bis zum »Bicycle as a Service«-Anbieter Swapfiets fast alle gehören, die jenseits der Autobauer für Mobilität im Land sorgen.

Gemeinsam fordern sie eine »deutliche Verlagerung vom privaten Auto und vom Lkw hin zu klimaschonenden Verkehrsträgern«. Autos seien auch elektrisch »nicht flächeneffizient und ressourcenschonend genug« – sie nehmen also zu viel Platz weg und bringen pro Fahrgast zu viele Tonnen auf die Waage.

»Bus, Bahn, Fahrrad, Shared Mobility mit Elektrofahrzeugen bieten viele Vorteile gegenüber dem motorisierten Individualverkehr«, heißt es in einem Positionspapier. »Die passenden Angebote für unterschiedliche Menschen und Bedürfnisse gibt es schon. Sie müssen jetzt konsequent finanziert, gefördert und umgesetzt werden.«

Statt einem »Auto-Gipfel«, wie sie zuletzt oft im Kanzleramt stattfanden, um über neue Finanzhilfen wie E-Kaufprämien zu sprechen, könnte es doch mal einen Gipfel für nachhaltige Mobilität geben, schlagen die Unternehmen und Verbände vor. Schließlich würden Bus, Bahn und die Sharing-Anbieter ähnlich viele Arbeitsplätze schaffen wie die klassische Autoindustrie.

Politisch war die IAA schon immer, nicht erst seit »Autokanzler« Gerhard Schröder (SPD) die IAA-Hallen durchstreifte. Schon Wilhelm II. eröffnete 1905 die Messe, wobei der Kaiser damals das Auto angeblich als eine »vorübergehende Erscheinung« betrachtete, so die Überlieferung. Dieses Jahr verteilte Angela Merkel nur sehr dosiert Lob an die Gastgeber. Sie freue sich, dass es viele E-Studien von der Messe vor zwei Jahren nun in die Serienproduktion schafften, so die Kanzlerin.

Die Konzerne wiederum, lange eher zaudernd, drängen die Politik in Berlin nun dazu, ihr neues Tempo auch zu übernehmen. »Ohne Wenn und Aber« stehe die Industrie hinter den Zielen für eine klimaneutrale Mobilität«, so die VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Nur würden jede Menge Ladestationen benötigt, »hier brauchen wir mehr, viel mehr Tempo«.

Die Autoindustrie warnt die Politik – das ist dann doch wieder eine Sache, die sich so schnell nicht ändert.

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