Automesse Klimaschützer rufen zum Protest gegen neue IAA auf

Die Automesse IAA will ihr piefiges Image abstreifen. Statt Opel, Tesla und Toyota kommen Hersteller von Fahrrädern, E-Scootern und Flugtaxis nach München. Klimaschützer bezweifeln einen echten Sinneswandel.
Klimaproteste bei der letzten IAA 2019 in Frankfurt am Main

Klimaproteste bei der letzten IAA 2019 in Frankfurt am Main

Foto: Sascha Steibach / EPA-EFE / REX

Neue Stadt, neues Konzept: Nach jahrelangem Niedergang an ihrem traditionellen Standort in Frankfurt am Main kommt die Internationale Automobilausstellung in München als IAA Mobility daher. Mit Zukunftsthemen rund um die gesamte Mobilität will der Verband der Automobilindustrie (VDA) den Besucherschwund stoppen.

Weniger Autos und mehr Alternativen stehen deshalb auf dem Programm. Allein 50 Fahrradhersteller sind dabei. Die neuen Schwerpunkte Klimaschutz, Digitalisierung und Mikromobilität sollen auch ein Publikum ansprechen, das sich nicht für SUV und PS-Zahlen interessiert. »What will move us next«, lautet der neue Werbespruch der IAA – es müsse nicht immer das Auto sein.

Doch zeugt das alles von echtem Sinneswandel, oder ist es eine Mogelpackung? Die meisten Umwelt- und Klimaschutzorganisationen kaufen der Industrie die demonstrative Wandlung vom Saulus zum Paulus nicht ab. »Kurz vor der Bundestagswahl will sich die Autolobby bei der IAA einen grünen Anstrich geben«, kritisiert ein Bündnis aus BUND, Greenpeace, Deutscher Umwelthilfe, Naturfreunden Deutschlands und der Öko-Verkehrsklubs ADFC und VCD.

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»BMW, Volkswagen, Daimler und Co. verdienen nach wie vor ihr Geld mit viel zu dicken Autos, die das Leben in den Städten ersticken. Statt Alibipräsentationen müssen die Autokonzerne ihre Produktion umstellen auf kleinere, klimafreundliche Fahrzeuge. Diesen Umstieg muss die nächste Bundesregierung mit einer Verkehrspolitik beschleunigen, die auf Rad-, Fuß- und öffentlichen Verkehr setzt. Dazu gehört auch die Halbierung des Autoverkehrs«, so das Bündnis. Für den 11. September planen die Organisationen 17 Demonstrationszüge und eine Radsternfahrt mit Zehntausenden Teilnehmenden.

Noch nachdrücklicher als die Umweltverbände könnte das Aktionsbündnis »Sand im Getriebe« in München seinen Protest kundtun. Die Klimaschützer kündigten eine »große Aktion zivilen Ungehorsams« an. »Im September stellen wir uns dem zerstörerischen Autowahnsinn in den Weg«, sagte eine Sprecherin. Bereits in Frankfurt blockierten die Aktivisten 2019 Teile des Messegeländes, was damals für mehr Aufmerksamkeit sorgte als die neuen Autos und die Stimmung unter den Ausstellern und Besuchern trübte.

Merkel spricht zur Eröffnung – wenn Delta nicht dazwischenkommt

Trotz der Ausbreitung der hochansteckenden Delta-Variante des Coronavirus gehen die Veranstalter fest davon aus, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel in knapp vier Wochen die erste internationale Großveranstaltung in Deutschland seit dem Beginn der Pandemie eröffnen wird. Das Münchner Oktoberfest dagegen wurde abgesagt. Die Messe und die neuen Konferenzen seien unter Pandemiebedingungen geplant worden, »unabhängig von Inzidenzwerten«, so die Messegesellschaft. Nur wer geimpft, genesen oder getestet ist, darf kommen.

Auch für Probefahrten mit Elektro-, Wasserstoff- und automatisierten Autos zwischen Messe und Innenstadt gelten Maskenpflicht und Hygienevorschriften. Durch dezentral organisierte Veranstaltungen an verschiedenen Orten in der Stadt und auf dem Messegelände sollen die Warteschlangen möglichst kurz werden, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Dazu kommen Liveübertragungen der Diskussionsveranstaltungen im Internet, sodass Teilnehmer gar nicht erst nach München reisen müssen. Man wolle auf keinen Fall »Jahrmarktatmosphäre«, beteuern die Veranstalter.

Flugtaxi des deutschen Herstellers Volocopter (Archivbild)

Flugtaxi des deutschen Herstellers Volocopter (Archivbild)

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Die Verjüngung der einst weltgrößten Automobilmesse soll einerseits die Transformation zeigen, in der die Branche steckt. Andererseits ist sie dem Umstand geschuldet, dass die vorangegangene Messe in Frankfurt vor zwei Jahren ein Flop war und auch für München viele Hersteller absagten. Mit Opel bleibt sogar ein deutscher Autobauer der Veranstaltung fern, Mutterkonzern Stellantis will die Kosten sparen. Allein dadurch fehlen mehr als ein Dutzend bekannter Marken: von Alfa Romeo über Citroën, Chrysler und Fiat bis zu Peugeot. Auch Toyota, Tesla und General Motors schauen sich das neue Konzept aus der Ferne an.

Selbstfahrende Elektroshuttles und Flugtaxis

»Wir haben das Ziel, diejenigen Aussteller, die 2021 nicht dabei sind, zu motivieren, 2023 zurückzukommen«, sagte VDA-Geschäftsführer Jürgen Mindel. Volkswagen, BMW und Mercedes – über ihren Verband indirekt Mitveranstalter – sind aber nicht ganz allein. Ford, Renault und Hyundai samt der Tochter Kia haben sich genauso angekündigt wie die expansionsfreudigen Marken Xpeng Motors und Great Wall aus China.

Rund 100 automobile Neuheiten, vor allem elektrische, gibt es in München zu sehen. Dazu gesellt sich fast alles, womit Mensch von A nach B kommen kann: Scooter, Pedelecs, Elektroroller, selbstfahrende Shuttles und Flugtaxis. Neben dem Individual- soll auch der Nahverkehr eine größere Rolle spielen. So kutschieren autonome Elektrokleinbusse die Besucher über das Gelände.

fww/dpa/rtr
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