Mobilitätsmesse Diese Fahrräder sollen den Autos auf der IAA die Show stehlen

Die Fahrradlobby schäumt: Auf der Automesse IAA präsentieren sich erstmals viele Bike-Hersteller, die dafür Fahrradmessen ausgelassen haben. Immerhin zeigt die Branche, dass sie zunehmend Alternativen zum Auto bietet.
Foto: sblocs bikes

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Das Motto der diesjährigen IAA ist mit einem Ausrufezeichen versehen: »What will move us next!« Nicht fragen, erwägen und probieren sollen die Aussteller, sondern Lösungen präsentieren. Und eben darauf antworten, »was uns als Nächstes bewegen wird«.

Gemeint sind Autos? Ja, aber nicht nur.

Auch dem Fahrrad scheint eine tragende Rolle zugedacht. So suggeriert es ein Messeplakat, das im Vordergrund ein E-Bike zeigt und erst dahinter ein Auto. Überschrift: »E-zapft is!«

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Fahrradneuheiten auf der IAA

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Lars Scheider / Riese & Müller

Erstmals haben Firmen aus der Fahrradindustrie in großer Zahl bei der IAA Flächen gebucht, 90 Marken von 70 Herstellern sind vertreten und füllen zwei von neun Hallen. Darunter Branchenriesen wie Specialized, Hartje, Cannondale, Bulls, Canyon, ZEG oder Scott, aber auch kleinere Firmen wie Coboc (Urban-E-Bikes aus Heidelberg), Chike (E-Cargo-Bikes aus Köln), eFlow (E-Bike-Hersteller aus Berlin) oder Stromer (Speed-Pedelecs aus Oberwangen in der Schweiz). Den überwiegenden Anteil der 700 Aussteller machen allerdings immer noch Autohersteller und ihre Zulieferer aus.

Und so kaufen viele den Veranstaltern nicht ab, dass sie es ernst meinen mit dem neuen Konzept als Verkehrsmesse, auf der die Vernetzung von Verkehrsträgern sowie Klimaneutralität im Mittelpunkt stehe. So hatte es die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, angekündigt.

Kritik gibt es vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). »Wenn die IAA sich jetzt rühmt, eine Fahrradmesse mit angeschlossener Autoausstellung zu sein, ist das blanker Hohn«, lässt sich Bundesgeschäftsführerin Ann-Kathrin Schneider zitieren. »Das Fahrrad ist auf der IAA als grünes Feigenblatt zu Gast.«

Experte: Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Verkehrsmitteln

Auf der gerade zu Ende gegangenen Radmesse Eurobike war der ADFC mit einem Stand vertreten. Für München hat die Fahrradlobby hingegen eine Sternfahrt am 11. September angekündigt, auf der »für eine echte Verkehrswende und die Halbierung des Autoverkehrs« demonstriert werden soll. Fahrräder auf der IAA – das scheint manche Umweltschützer erst recht zu provozieren.

Eine Polarisierung von Autos und Fahrrädern missfällt Experten wie Jochen Eckart, Professor für Verkehrsökologie an der Hochschule Karlsruhe. Man solle die Verkehrswelt nicht nach Verkehrsmitteln unterteilen, sagt er: »Das geht an den Bedürfnissen der mobilen Menschen vorbei.« Diese fahren schließlich oft Auto und Fahrrad.

Vor allem junge Leute seien multimodal unterwegs, sagt der Wissenschaftler. »Sie nutzen verschiedene Öffis, das Fahrrad und auch das Auto«, den Pkw dabei oft im Rahmen von Carsharing. Wenn eine Messe dazu beitrage, »aus der ideologischen Diskussion rauszukommen«, sei das zu begrüßen: »Grenzen einreißen finde ich wichtig. Wenn Menschen zusammenkommen wie auf der IAA, dann trägt das zur Entspannung bei.«

Doch was für Fahrräder gibt es in München zu sehen? Sind sie eher Dekoration oder zeigen sie Messebesuchern technische Fortschritte auf?

Großer Trend sind – wie schon auf der Eurobike – elektrifizierte Lastenräder, die Hersteller als städtischen Autoersatz für Familien mit Kindern und Gewerbekunden sehen. So wird das niederländische Startup Dockr, das E-Lastenräder an Handel, Dienstleister und Gastronomie vermietet, seinen Marktstart für Deutschland ankündigen. Pendix aus Zwickau, bekannt für seinen Nachrüst-Mittelmotor, verpasst dem Lastenrad mehrere Motoren sowie einen Rückwärtsgang.

Riese & Müller zählt wie Cannondale zu den Marken, die die Eurobike ausgelassen haben und ihre Modelle für 2022 gleich auf der IAA Mobility präsentieren. Das missfiel vielen in der Branche. Die Marke aus Mühltal bei Darmstadt hat eines ihrer Lastenradmodelle mit weiterentwickelter Bosch-Technik renoviert, die auch andere Hersteller bereits in ihre Bikes integrieren. Bosch hatte zur Eurobike eine neue Produktgruppe präsentiert – bestehend aus einer App, die unter anderem Over-the-Air-Updates ermöglicht, einer neuen Bedieneinheit mit LED-Indikatoren, die E-Bike-Displays verzichtbar macht und einem großen Akku mit 750 Wattstunden.

Vorzüge des Fahrrades noch nicht bei allen angekommen?

Aber auch stylebetonte Urbanbikes, wendige Kompaktfahrräder mit Ladeoptionen für den Alltag, Falträder für die Mitnahme in der Bahn und reichweitenstarke Pendlerfahrräder werden gezeigt. Viele der Neuheiten können Messebesucher Probe fahren. Dazu hat die Messe einen »Open Space« in der Innenstadt Münchens eingerichtet. »Urban- und Lastenräder, das ist die hauptstrategische Ausrichtung auf den Ausstellungsflächen der Fahrradbranche«, sagt Bastian Diehl von der Messe München.

Hersteller wie Kettler Alurad, Bergamont oder Flyer gehen davon aus, ihre Produkte einem größeren Publikum als dem auf reinen Fahrradmessen zeigen zu können. »Die etablierte Bühne der IAA ist eine gute Gelegenheit, Impulse zu setzen«, sagte ein Specialized-Sprecher. Bei der Firma Internetstores, die unter anderem den Onlinemarktplatz Fahrrad.de betreibt, heißt es: Man könne »sich darüber austauschen, wie man Schnittstellen schafft, etwa Leasing-, Sharing- oder Mobility-as-a-Service-Dienste gemeinsam entwirft.«

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Nach Einschätzung von Verkehrsökologe Eckart könnte aber auch eine viel einfachere Rechnung aufgehen – dass auf der IAA Mobility Autofahrer erreicht würden, die sich auf reinen Fahrradmessen nicht herumtreiben. »Früher hatten wir grottige Bremsen, das Licht war schlecht, mussten andauernd Reifen flicken – heute ist das Fahrrad bequem und alltagstauglich geworden und macht auch noch Spaß. Das ist nicht bei allen angekommen.«

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