Umweltprämie mal anders 1100 Euro pro Jahr, wenn Sie Ihr Auto abschaffen

Die Zahl der Pkw steigt weiter – gerade in der Pandemie. Als Gegenmodell zu Autokaufprämien schlagen Umweltschützerinnen daher vor: Geld soll bekommen, wer auf ein Auto verzichtet. Eine Gemeinde probiert es schon aus.
Autofrei: Kinder spielen auf einer temporären Spielstraße in Berlin

Autofrei: Kinder spielen auf einer temporären Spielstraße in Berlin

Foto: Jörg Carstensen / dpa

In Denzlingen bei Freiburg wollen sie schneller sein, als der Rest der Republik. Bis 2035 will die 13.600-Einwohner-Gemeinde klimaneutral sein, so hat es der Gemeinderat im April beschlossen. Während schon auffällig viele Solaranlagen auf den Dächern installiert sind, bereitet der Verkehr die meisten Sorgen – wie fast überall in Deutschland. Der Ort streckt sich entlang der Hauptstraße, viele Alltagswege erledigen die Einwohner mit dem Auto.

Statt aber über Verbote und Verteuerungen zu streiten, probiert Bürgermeister Markus Hollemann das Gegenteil, um die Zahl der Fahrzeuge auf den Straßen zu reduzieren. Wer seinen Verbrenner abmeldet und sich verpflichtet, sich die nächsten drei Jahre keinen neuen zuzulegen, bekommt einmalig 500 Euro – als Zuschuss für eine Jahreskarte für den Nahverkehr, die 630 Euro kostet, oder für den Kauf eines E-Bikes.

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Die Gemeinde könnte nun zum Vorbild für die Metropolen werden, denn auch dort geht es entgegen allen verkehrspolitischen Zielen in die andere Richtung. Die Zahl der Autos sinkt nicht, sondern steigt.

Ansturm vor allem auf Gebrauchtwagen

»Der oft behauptete Trend ›Weg vom Auto‹ ist nicht zu erkennen«, sagt auch Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer, der gerade eine neue Analyse vorgelegt hat: Demnach stehen und fahren in 22 von 25 untersuchten Städten mehr Autos als im Vorjahr, etwa in Berlin, Leipzig, Hannover, Dortmund und Bochum.

Während der Pandemie hat sich das Problem verschärft. Als die Angst vor dem Virus ihren ersten Höhepunkt erreichte, begann der Ansturm auf die Gebrauchtwagen. Busse und Bahnen fuhren leer durch das Land, Autohändler machten gute Geschäfte. Plötzlich wollten auch Stadtbewohner, die bislang ohne Auto auskamen, ein eigenes Fahrzeug nur für sich – sicher ist sicher.

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Um etwa 500.000 Pkw erhöhte sich während der Coronakrise im vergangenen Jahr der Bestand in Deutschland, obwohl zunächst viel weniger Neuwagen vom Band rollten als üblich – wegen zwischenzeitlich still gelegter Fabriken und wegen des Chip-Mangels. Mögen Pop-up-Radwege und Bike-Boom die Verkehrswende zumindest in den Städten einen Schritt vorangebracht haben, droht die Autoschwemme diese um Jahre zurückzuwerfen.

Pandemie und Prämien stoppen den Abschied vom Auto

Beliebt waren bei den Umsteigern vor allem ältere Verbrenner. Das Durchschnittsalter der zugelassenen Pkw kletterte von 9,6 auf 9,8 Jahre, wie aus Daten des Kraftfahrt-Bundesamts hervorgeht. Hinzu kamen beispielsweise 126.000 Fahrzeuge, die älter als 30 Jahre sind, ein Pandemie-Plus von knapp 15 Prozent. Viele davon sind spritdurstig und stoßen überdurchschnittlich viel Schadstoffe und Emissionen aus.

Die Organisation Changing Cities, die sich für die Verkehrswende einsetzt, wirbt deshalb nun für eine Auto-Abschaffprämie von 1100 Euro – pro Jahr. Die Prämie entspricht beispielsweise in Berlin dem Preis für eine Nahverkehr-Jahreskarte für das Stadtgebiet samt Umland.

Das Geld soll erhalten, wer sich dauerhaft vom eigenen Fahrzeug trennt oder schon jetzt keines hat. Das könne auch Leute reizen, »die sich weniger für Klimaschutz interessieren, aber aus Kostengründen lieber auf ein eigenes Auto verzichten würden«. Allein für die Hauptstadt hochgerechnet summierten sich die Kosten damit auf rund eine Milliarde Euro pro Jahr.

Städte am Rand des Kollaps

»Um die Klimaziele zu erreichen und Städte wieder lebenswert zu machen, müssen wir den Kfz-Bestand deutlich reduzieren und innerhalb von zehn Jahren halbieren«, sagt Kerstin Stark von Changing Cities. Dabei gehe es auch um ein Signal vor der Bundestagswahl. »Die Debatte gerade im Wahlkampf, etwa über die Benzinpreise, verhärtet unnötig die Fronten.«

Mehr statt weniger Autos – das bringt das Verkehrssystem vor allem in Städten dem Kollaps näher. Die wichtigste Ressource in den Metropolen wird noch knapper: der öffentliche Raum. Von einer wirksamen »Parkraumbewirtschaftung«, wie Experten die Bepreisung von (Park-)Flächen nennen, sind die meisten Kommunen weit entfernt. Anwohnerparkausweise kosten im Jahr mitunter weniger als ein Gemüsestand auf dem Wochenmarkt pro Tag.

Stoßstange an Stoßstange: Autos und Lieferwagen drängeln sich auf dem Berliner Kaiserdamm

Stoßstange an Stoßstange: Autos und Lieferwagen drängeln sich auf dem Berliner Kaiserdamm

Foto: Michael Kappeler / dpa

Prämien zur Steuerung des Konsumverhaltens gibt es im Verkehr schon länger, zumeist kurbeln sie aber den Absatz von Autos an. Erst war es die Abwrackprämie, die nach der Finanzkrise alte durch neue Fahrzeuge ersetzte, nun hilft die Elektroautoprämie beim Abschied vom Verbrenner. Bis zu 6000 Euro gibt der Staat bei Neuwagen dazu, die nicht mehr als 40.000 Euro kosten.

Das unterstützt zwar den Umstieg auf die Elektromobilität. Andere Verkehrsprobleme löst der Kaufanreiz aber nicht – eher im Gegenteil. »Ein Auto durch ein ebenso platzfressendes Auto zu ersetzen, bringt uns in den Städten überhaupt nicht weiter«, sagt Stark. Die jährliche Anti-Auto-Prämie solle auch dazu dienen, die Fahrradbranche und neue Mobilitätsdienstleistungen anzukurbeln. Nicht nur die Menge, auch die Größe der Fahrzeuge nehme weiter zu. Die Prämie solle an alle fließen, die ein Jahr auf ein Auto verzichten, finanziert beispielsweise aus einem Fonds der Bundesregierung, auf den die Kommunen zugreifen können.

Mehr Raum für Radwege, Restaurants und Spielplätze

Wer ohnehin darüber nachdenke, vielleicht den Wagen abzuschaffen, weil er ohnehin nur für die Urlaubsfahrten gebraucht wird, bekomme so einen weiteren Denkanstoß. Auf den »Auto-befreiten Straßen« könnte so mehr Platz für soziale Begegnung, sichere Radwege, gastronomische Angebote oder auch Wohnungsbau entstehen, hoffen die Befürworter.

Zurückhaltend auf den Vorschlag reagiert Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher des Umweltverbands VCD. Für ihn ist es »noch nicht ausgemacht, ob solche Prämien für die Autoabschaffung der richtige Ansatz sind«. »Mir kommt es so vor, als würde hier der zweite vor dem ersten Schritt gemacht.« Zunächst müsste vor allem in Alternativen zum Auto investiert werden, etwa in ein leistungsfähiges Nahverkehrssystem auch jenseits der Metropolen. Das Geld, »das nach der Pandemie ja nicht gerade im Überfluss vorhanden ist«, sollte zunächst in Busse und Bahnen sowie die Fahrradinfrastruktur fließen.

Auch Mitnahmeeffekte fürchtet der Verkehrsexperte, gerade in der Anfangsphase. »Ich wohne in der Innenstadt, habe ohnehin kein Auto und bekomme ein Jobticket vom Arbeitgeber bezahlt. Die Prämie nach dem Modell von Changing Cities käme dann noch obendrauf. Wer aber am Stadtrand wohnt und gar keine Alternative zum Auto hat, dem nützt so ein finanzieller Anreiz auch nichts«, sagt Müller-Görnert. Erst einmal müssten die finanziellen und politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um umweltfreundliche Mobilität für alle zu ermöglichen. Der VCD fordert dafür ein Bundesmobilitätsgesetz.

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Mitnahmeeffekte hat Changing Cities schon eingepreist – und sieht sie nicht als echtes Problem. Schließlich werde entgegen aller Umweltbeteuerungen der Autoverkehr mit Milliarden subventioniert – in Form von kostenlosen Parkplätzen, dem steuerlichen Dieselprivileg und der steuerlichen Absetzbarkeit von übermotorisierten Dienstwagen. »Die Freie-Straßen-Prämie belohnt jene, die das eigene Auto abschaffen oder sich weiterhin keines zulegen«, sagt Kerstin Stark.

Im baden-württembergischen Denzlingen scheint sich die Idee bereits herumzusprechen. »Obwohl wir bislang noch keine Werbung machen für das Programm, haben in den letzten Wochen schon Dutzende Autofahrer ihre Fahrzeuge abgemeldet«, erzählt Klimaschutzkoordinatorin Lena Hartmann-Kist. Oft würden die Leute schon länger darüber nachdenken, etwa ihren Zweitwagen abzugeben.

Der finanzielle Anreiz sei dann der Anstoß, nicht noch länger zu warten. Außerdem finanziert die Gemeinde Zuschüsse für die Anmeldung bei Carsharing-Anbietern oder die Anschaffung von Lastenrädern. »Die Prämien sind ein kleines Puzzleteil unseres zukünftigen Mobilitätskonzepts«, sagt Hartmann-Kist, »aber der Zuspruch zeigt uns, wie groß die Signalwirkung ist.«

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