IPCC-Klimabericht Der günstige Hebel zum schnellen Klimaschutz

Schnell CO₂ sparen, wo immer es geht, fordert der Weltklimarat IPCC in seinem neuen Bericht. Das wird teuer – ausgerechnet im Verkehr aber nicht. Dort ließe sich mit manchen Maßnahmen sogar Geld sparen.
Bereit zum Umstieg: Straßenbahn und Auto vor Rheinbrücke in Düsseldorf

Bereit zum Umstieg: Straßenbahn und Auto vor Rheinbrücke in Düsseldorf

Foto: Olaf Döring / IMAGO

Jetzt oder nie – das ist die zentrale Botschaft des dramatischen  Berichts , den der Weltklimarat IPCC am Montag veröffentlichte. Noch sei es möglich, den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, mit Glück auf 1,5 Grad. Doch selbst das Minimalziel sei nur zu erreichen, wenn die weltweiten Emissionen von CO₂ und anderen klimaschädlichen Gasen spätestens 2025 zu sinken beginnen.

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Das Uno-Gremium hat erstmals eine detaillierte Rechnung vorgelegt, welche Optionen nach dem Stand der Forschung wie viel zum Klimaschutz beitragen können, bis wann – und wie viel sie kosten. Physiker Stefan Rahmstorf vom Potsdamer Institut für Klimaforschung hob am Dienstag auf Twitter »die wichtigste Grafik« aus dem 3675-seitigen Bericht hervor: »Wo die großen Hebel sind, um die Klimakatastrophe noch abzuwenden«.

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Die Übersicht zeigt eine Kosten-Nutzen-Rechnung für den Klimaschutz bis zum Jahr 2030, zusammengefasst aus Kapitel 12  des IPCC-Berichts. Je länger die Balken, desto mehr Tonnen CO₂-Äquivalent ließen sich in diesem Jahrzehnt noch einsparen. Die größten Beiträge könnten mehr Wind- und Solarstrom liefern, gefolgt von einem Schutz der Wälder vor Abholzung, Speicherung von Methanemissionen aus der Landwirtschaft, Aufforstung und einer Umstellung von Industrieprozessen auf CO₂-ärmere Brennstoffe.

Alle Sektoren rot, außer Verkehr

Die Farbe der Balken zeigt jedoch die damit verbundenen Kosten: je dunkler die Rotfärbung, desto teurer für die Nutzer. Gelb lässt sich noch für weniger als 20 US-Dollar je Tonne CO₂ realisieren, blau bedeutet sogar eine Ersparnis im Lauf der Lebenszeit. Dabei fällt auf: Im Verkehrssektor sind zwar nur kleinere kurzfristige Beiträge realistisch, die sich auf etwa 3,8 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent bis 2030 addieren. Doch in keinem anderen Bereich ist der Klimaschutz so günstig zu haben. Hier dominiert die blaue Farbe. Bei Wind- und Sonnenstrom gilt das nur für die ersten zwei bis drei Milliarden Tonnen, jede zusätzliche Leistung wird teurer. Die meisten auf Gebäude, Industrie, Land- und Forstwirtschaft bezogenen Maßnahmen hingegen gehen sehr stark ins Geld.

Klima schützen und dabei sparen? Im Verkehr geht das laut IPCC, indem die schon heute vorhandenen Optionen genutzt werden:

  • den Treibstoffverbrauch von Autos  senken 

  • Elektroautos statt Verbrennungsmotoren

  • auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen

  • Schiffsverkehr effizienter organisieren

  • Lastwagen sparsamer fahren

  • Treibstoff sparen im Luftverkehr

  • Elektroantriebe im Warentransport nutzen

  • auf Fahrrad und E-Bike umsteigen

Grau statt blau gefärbt wurde die Grafik zu elektrischen Autos und Lastwagen, weil der Kostenvorteil zu unsicher  erschien. Im Textteil des Berichts wird jedoch auch hierfür eher von einer Ersparnis aus Nutzersicht ausgegangen. Die einzige vom IPCC aufgeführte Maßnahme, die mit Kosten von bis zu hundert Dollar je eingesparter Tonne CO₂ einhergeht, ist das Nutzen von Biosprit.

Der große Umbau folgt noch

Allerdings bliebe der größte Teil der verkehrsbedingten Emissionen erhalten, selbst wenn all diese Register zugleich gezogen würden. Dem IPCC-Bericht zufolge war der Verkehr 2019 für 8,7 Milliarden Tonnen CO₂-Äquivalent verantwortlich, 23 Prozent aller globalen Emissionen aus Energienutzung. Daher wäre das oben genannte Programm nur ein notwendiger, kein hinreichender Schritt, um die Klimakatastrophe abzuwenden.

Bis 2050 müsste der Verkehr darüber hinaus annähernd komplett dekarbonisiert werden. In diesem Zeitraum wäre eine Elektrifizierung der meisten Transportwege eine zentrale Option, heißt es. Für Lkw auf der Langstrecke, Schiffe und Flugzeuge müssten bis dahin alternative Treibstoffe wie Biosprit, Wasserstoff oder »potenziell« auch synthetische E-Fuels entwickelt werden. Die Kosten dieses Umbaus wurden nicht geschätzt.

Von »immensen Änderungen der globalen Infrastrukturinvestitionen« sprach der Chef des Umweltbundesamts, Dirk Messner, gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Diese seien aber nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Auch wenn es für die einzelnen Nutzer teurer werden dürfte, aus weltwirtschaftlicher Sicht wäre die Bilanz klar: »Das Klima zu retten ist dabei deutlich günstiger, als es nicht zu tun.«

ak/AFP