Italien Ferrari-Land wird Fahrrad-Land

Deutschland diskutiert über eine Kaufprämie für Autos, Italien will das Volk aufs Zweirad setzen. Die Regierung lockt mit üppigen Zuschüssen für eine „alternative Mobilität“. Es scheint zu funktionieren.
Radfahrer in Rom

Radfahrer in Rom

Foto: Cecilia Fabiano/ DPA

Forlì ist eine 100.000-Einwohner-Stadt in der oberitalienischen Region Emilia-Romagna, etwa 25 Kilometer von Ravenna und genauso weit von der Adria entfernt. Von dort vermeldet die Online-Lokalzeitung "Forlì today" Erstaunliches: Den Fahrradgeschäften gehen die Räder aus.

"Mein Laden ist fast leer", zitiert das Medium Verkäufer Fabrizio Turchi. Und die Schar der Rad-Suchenden nimmt nicht ab. "Die Leute kommen und erwarten, dass sie mit einem Rad an der Hand wieder rausgehen", aber wer nicht mit den wenigen Velos auf der Resterampe zufrieden ist, muss ein paar Wochen warten. Doch Turchi und seine Kollegen können jubeln: "Die Verluste der vergangenen Monate sind bald ausgeglichen."

Der überraschende Run auf die Räder wird nicht nur aus der Flachlandgemeinde Forlì vermeldet. In vielen Städten entdecken Bürger einen Hang zum Radfahren. Sogar in Rom, der Stadt auf den berühmten, aber die Tretlust hemmenden sieben Hügeln. "Der Römer hat keine Beine, sondern Räder", hieß es früher und gemeint waren die vier Räder unterm Auto. Ganze ein Prozent aller Fahrten absolvierten die Stadtbewohner noch im Jahr 2014 mit dem Rad, doch das ändert sich.

Zwar nimmt die Zahl der Radfahrer in Italien seit längerem stetig zu. Aber einen solchen Rad-Hype wie jetzt hat es nie gegeben. Und dass die autoverliebten Hauptstädter im Fahrradladen Schlange stehen, war undenkbar. Nicht vorstellbar auch, dass ein Fahrradgeschäft, wie das römische Ciclo-LAB (übersetzt etwa: Rad-Labor), "so gut wie keine Räder mehr", hat, wie dessen Chef halb euphorisch-halb traurig sagt. Und der nahe am Hauptbahnhof praktizierende Kollege im Zio Bici - auf Deutsch der Fahrrad-Onkel - verkündet, offenkundig selbst total überrascht, er habe in den letzten Tagen viermal so viel verkauft wie sonst. Er könne auch jetzt nicht länger telefonieren, er habe die Bude voller Menschen.

Und weg geht das ganze Sortiment: Vom klassischen Drahtesel, zeitgemäß mit Leichtgewichtrahmen und Schaltungen mit zwei Dutzend Gängen, über die sehr gern gekaufte Version mit muskelschonendem Elektromotor, auch als E-Roller sehr schick, bis zu den sehr trendigen, aber nicht leicht zu kontrollierenden Hoverboards und Segways - auf denen man im Stehen rollen kann, ohne zu strampeln.

500 Euro-Prämie fürs Rad

Entfacht wird der aktuelle Rad-Boom mit staatlichen Geschenken. Da man ja bald Geld bis zum Abwinken haben wird - allein vom Recovery Fund der EU sollen 170 Milliarden Euro nach Italien fließen, die Hälfte davon als Kredit, der Rest als Geschenk  -  kann man natürlich ganz viele schöne Dinge bezahlen. Und das Programm "Buono mobilità" (zu deutsch etwa: Mobilitäts-Bon) ist da nur eine Winzigkeit, die 120 Millionen kostet. Funktionieren soll es so:

Wer sich ein, im weitesten Sinne zum Fahrrad gehörendes Fortbewegungsmittel zulegt, bekommt 60 Prozent des Kaufpreises vom Staat. Höchstens allerdings 500 Euro.

Der Ablauf soll ganz einfach sein: Via Internet meldet sich der Käufer bei einer staatlichen Stelle an, weist sich aus, damit nicht ein anderer dessen Prämie abgreift, und bekommt dafür einen Gutschein, freilich nur einmal. Mit dem Bonus-Bon geht er zum Händler, der zieht den Staatszuschuss gleich vom Preis ab und holt ihn sich später mit dem Bon beim Staat zurück.

Aber so einfach geht es dann noch nicht. Die Webseite ist leider nicht fertig und die Staatsbürokratie noch nicht startklar. So muss der Käufer wohl noch zwei, drei Monate mit der etwas umständlicheren Variante zufrieden sein und sich mit der Rechnung die Prämie nachträglich holen. Dem misstrauen, nicht ohne Grund, manche Radinteressenten und wollen lieber abwarten, bis der direkte Abzug beim Kauf möglich wird. Freilich, warnen die Händler, könne dann der Fonds längst geleert und die Marktlage noch enger sein. Denn viele Radhersteller in aller Welt haben in den vergangenen Monaten Corona-bedingt nicht produziert und manche Zulieferer fallen noch immer aus.

120 Millionen für … ja was eigentlich?

Was genau der Effekt der Fahrradprämien sein soll, ist nicht wirklich klar. Es ist ein Ansatz jedenfalls, der sich von Plänen für eine Autokaufprämie in Deutschland deutlich unterscheidet. Er soll zu einer "alternativen Mobilität" in den großen Städten und urbanen Ballungsräumen beitragen, sagt die zuständige Ministerin für Infrastruktur und Transport, Paola De Micheli.

Deshalb wird die Radprämie nur Italienern angeboten, die in großen Städten und Ballungsräumen leben. Ob die viel Geld oder wenig haben, ob sie weiter mit dem Auto zur Arbeit fahren und das neue Superrad nur gelegentlich am Wochenende zur sportlichen Ertüchtigung nutzen oder mit dem Hoverboard die Bürgersteige und mit dem Mountainbike die Waldwege unsicher machen - das ist offenbar alles egal.

Ein Verbund von 30 Kommunen in der Emilia-Romagna will das Regierungsprogramm deshalb mit einer zusätzlichen Version ergänzen, "Bike to work" genannt. Zum Beispiel sollen

  • Radfahrer für den Weg zur Arbeit bis zu 50 Euro im Monat Kilometergeld  bekommen, 

  • mehr Fahrspuren für den öffentlichen Nahverkehr und 250 Kilometer neue Fahrradwege bereitgestellt werden,

  • Pendler, die mit Eisenbahn und Rad zur Arbeit fahren, Zuschüsse zum Kauf eines Klapprades bekommen, und

  • sie das Klapprad kostenlos in der Bahn transportieren können.

Das könnte dem staatlich entfachten Fahrradboom dann auch einen ökologischen Sinn geben. Etwa in Forlì. Denn die Rad-aktive Flachland-Stadt ist bei "Bike to work" natürlich mit von der Partie.