Deutsche Autoindustrie Abgehängt

Deutsche Autohersteller haben massive Lieferschwierigkeiten bei Elektroautos, am nachdrücklichsten blamiert sich VW. Eine Kaufprämie dürfte vor allem den Absatz von Verbrennern fördern - und den US-Konkurrenten Tesla.
Eine höhere Förderung von Elektroautos könnte Stromern wie diesen VW e-Golf in der gläsernen VW-Manufaktur Dresden zu höheren Marktanteilen verhelfen - die ohnehin schon langen Lieferzeiten aber deutlich steigen lassen

Eine höhere Förderung von Elektroautos könnte Stromern wie diesen VW e-Golf in der gläsernen VW-Manufaktur Dresden zu höheren Marktanteilen verhelfen - die ohnehin schon langen Lieferzeiten aber deutlich steigen lassen

Foto: Monika Skolimowska/ dpa

Wer dieser Tage bei einem VW-Händler nach dem Elektromodell ID.3 fragt, stößt auf Unverständnis. "Ich habe mich mal umgehört - wir wissen nicht, welches Auto Sie meinen", heißt es in einem Autohaus in Schleswig-Holstein. "Wollen Sie einen Gebrauchtwagen oder einen Neuwagen?", fragt eine Mitarbeiterin in Hamburg, obwohl der VW-Hoffnungsträger erst für diesen Sommer geplant ist. "Melden Sie sich im Juni noch mal", sagt schließlich ein Verkäufer, der sich auskennt, aber frustriert wirkt.

Auch bei anderen Elektromodellen hat VW Lieferschwierigkeiten. "Wer jetzt einen e-Up bestellt, bekommt den am Ende des Jahres", erklärt VW-Händler Wolf Warncke aus Tarmstedt (Niedersachsen) auf die Frage nach dem Kleinstwagen mit Batterieantrieb. Der E-Golf ist für 2020 sogar ausverkauft, bestätigt ein VW-Sprecher.

Nicht Angst vorm Liegenbleiben oder ein zu hoher Preis hält Interessenten also ab. "Es gibt derzeit nicht zu wenig Nachfrage, sondern zu wenig E-Autos", sagt Warncke.

Trend zu sauberen Autos verschlafen

Das Problem betrifft weite Teile der Branche. Bis Käufer einen eigens konfigurierten Smart EQ forfour erhalten, vergehen nach Angaben des Onlineportals Meinauto.de 32 Wochen, beim Opel Corsa-e sind es 26. Bei Herstellern aus dem Ausland sieht es ähnlich aus. Auf den Kia e-Niro warten Kunden laut dem Onlineportal 38 Wochen, auf Nissan Leaf und Renault Zoe 30 bzw. 20 Wochen. Am schnellsten bekommt man laut Meinauto.de einen BMW i3 - im Schnitt nach 14 Wochen.

Elektroautos? Fehlanzeige! Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, da das Land über eine Kaufprämie für Neuwagen als Ausweg aus der Corona-bedingten Wirtschaftskrise diskutiert, kann die Autoindustrie kaum Stromer liefern. Schuld an dem Debakel sind Topmanager, die den Trend zu sauberen Autos unterschätzt haben. Hinzu kommen Politiker, die auf Druck der Industrie Gesetze verabschiedet haben, die E-Autos faktisch ausbremsen.

Subvention von bis zu 11.000 Euro für E-Autos

Dabei könnte eine Kaufprämie von insgesamt bis zu 11.000 Euro pro E-Auto, wie von Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen vorgeschlagen, der Technik zum Durchbruch verhelfen - theoretisch. Das hätte viele Vorteile: E-Auto-Käufer sichern Arbeitsplätze mit Zukunft, der CO2-Ausstoß sinkt, die Luftqualität steigt.

Deshalb wollen viele Fachleute eine Kaufprämie am liebsten gezielt für umweltfreundliche Autos einsetzen. "Wenn es neue Subventionen geben soll, dürfen nur besonders klimaverträgliche Fahrzeuge wie Elektroautos eine Förderung erhalten", sagt der Vorstand des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, Klaus Müller. Auch die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer bezeichnete lediglich eine Elektroautoförderung als sinnvoll.

Doch diese würde wohl floppen - es fehlt am Angebot. Über Jahre hatten es Hersteller als nicht notwendig erachtet, Fabriken für E-Autos zu bauen. Stattdessen investierten sie in immer neue SUV-Modelle mit klimaschädlichem Verbrennungsmotor - der Gesetzgeber ließ sie gewähren.

Kaufprämie nützt Tesla und Verbrennern

Derweil errichtete US-Elektroautospezialist Tesla mehrere große Fertigungsstätten. Die Kalifornier könnten womöglich als einziger Hersteller genügend Elektroautos liefern, wenn eine zusätzliche Kaufprämie die Nachfrage anfeuert. Für ihr Model 3 gaben sie zuletzt eine Lieferzeit von etwa zwölf Wochen an. Zudem hat das Unternehmen bereits häufig auf die Schnelle Tausende Autos in Länder verfrachtet, wo der Staat E-Autos gerade besonders üppig förderte.

Ansonsten würden wohl Diesel- und Benzinfahrzeuge am stärksten von einer Prämie profitieren. Für Autos mit der Uralt-Technik sind bisher 3000 Euro Förderung angedacht.

Dabei interessieren sich Autofahrer zunehmend für Elektroautos, hat VW-Händler Warncke festgestellt. "Im ersten Quartal waren 40,5 Prozent unserer verkauften Fahrzeuge E-Autos", sagt Warncke. "E-Autos sind kein Nischenprodukt mehr, ihr Marktanteil ist so hoch wie nie zuvor." Fast jedes zehnte neue Auto in Deutschland hatte zuletzt einen Batterie- oder Plug-in-Hybrid-Antrieb.

Die Stromer werden stetig besser und günstiger. Die Reichweite des e-Up hat sich zum jüngsten Modellwechsel auf 260 Kilometer fast verdoppelt, der Preis ist auf 22.000 Euro gesunken. Dank der aktuellen E-Auto-Kaufprämie in Höhe von 6000 Euro könnten Batterieautos bei den Gesamtkosten mit Verbrennern mithalten, sagt Warncke. Die Hersteller hätten die steigende Nachfrage unterschätzt.

Möglichst hohe Gewinne mit SUV

Gleichzeitig verhindern bizarre EU-Umweltgesetze, dass sich E-Autos durchsetzen. An den Paragrafen haben die deutsche Regierung und die Autoindustrie maßgeblich mitgewirkt. Offiziell sollen diese Gesetze saubere Fahrzeuge marktreif machen - tatsächlich schaffen sie einen Anreiz, nur wenige E-Autos zu bauen.

Der Mechanismus funktioniert so: Im Jahr 2021 müssen Hersteller den CO2-Ausstoß ihrer dann verkauften Wagen auf durchschnittlich 95 Gramm pro Kilometer senken, ansonsten drohen hohe Strafzahlungen. Eigentlich hilft ihnen jedes verkaufte Elektroauto. Es fließt mit null Gramm in die Rechnung ein und wird sogar mehrfach gewertet.

Dennoch müssen die Unternehmen darauf achten, nicht zu viele Elektroautos zu verkaufen. Denn der 2021 tatsächlich erreichte CO2-Wert gilt als Berechnungsgrundlage für die danach zu erreichenden Zielmarken. Diese liegen 2030 um 37,5 Prozent unter dem Wert von 2021. Wer die vorgeschriebenen 95 Gramm genau schafft, muss neun Jahre später 59 Gramm erreichen. Wer hingegen im kommenden Jahr viele E-Autos verkauft und bei 85 Gramm landet, handelt sich für 2030 die Zielmarke von 53 Gramm ein.

"Die Hersteller versuchen, eine Punktlandung auf dem CO2-Grenzwert hinzulegen und ansonsten möglichst viele Gewinne mit SUV-Verkäufen zu erzielen", sagt Julia Poliscanova von der Umweltorganisation Transport and Environment.

Für den Bau von E-Autos sei das kontraproduktiv, sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. "Wer 2021 viele E-Autos ausliefert und den CO2-Ausstoß stark reduziert, müsste später noch größere Anstrengungen unternehmen, um den Wert weiter zu senken." Das wollten die Hersteller unbedingt vermeiden. "Dadurch sind die Kapazitäten in der Produktion relativ knapp bemessen, was wiederum zu langen Lieferzeiten führt."

Und so verkaufen Autohersteller derzeit nicht mehr Stromer als nötig. Ihre Elektroauto- und Batteriefabriken ziehen sie erst langsam hoch. Eine Kaufprämie, die Elektroautos endlich attraktiv machen würde, kommt ihnen eher ungelegen.

VW-Blamage: E-Golf ausverkauft, ID.3 nicht bestellbar

Geradezu absurd ist die Lage deshalb bei Volkswagen. Der Konzern will zum Elektromarktführer werden und seine Flotte, aber auch das Unternehmen CO2-neutral machen. An diesem Ziel halte man auch in der aktuellen Lage fest, erklärte ein Sprecher. Künftig wolle die Marke Elektroautos in allen Fahrzeugsegmenten anbieten - allerdings erst im Jahr 2022.

Derzeit haben die Wolfsburger dagegen kein einziges Elektroauto im Angebot, das kurzfristig bestellbar und verfügbar ist. Die ersten Exemplare einer Sonderedition des Hoffnungsträgers ID.3 werden nach VW-Angaben erst im Sommer ausgeliefert. Bestellbar ist der Wagen momentan nicht. Die Produktion in Zwickau sei nach dem mehrwöchigen Corona-Produktionsstopp aber wieder angefahren, heißt es in Wolfsburg.

"Die Nachfrage mit einer hohen Prämie weiter anzuheizen, wäre unklug", sagt Warncke, der Autohändler, angesichts der E-Auto-Misere. Eine Subvention für Verbrenner lehnt er erst recht ab. "Dieses Geld sollte man eher in Schnellladesäulen im ländlichen Raum und die Batterieproduktion in Deutschland investieren."

Warncke geht sogar noch weiter. Für Verbraucher schlägt er eine Mobilitätsprämie vor, die zum Beispiel 50 Prozent der Kosten einer Bahncard 100 finanziert oder eines Carsharing-Abos. "Damit die Verkehrswende gelingt, müssen wir Verkehrsmittel verknüpfen", sagt Warncke. "Wer nur Autos verkaufen will, hat kaum eine Zukunft."

Hersteller, die zu wenig von ihnen bauen, dürften es allerdings auch schwer haben.