ÖPNV in der Krise Der Abschied vom Auto fällt aus

Fast jeder zweite Bus- und Bahnkunde hat sich in der Pandemie vom Nahverkehr verabschiedet und fährt mit dem Auto, zeigt eine Studie. Die Krise des ÖPNV geht weit über Corona hinaus – und bringt die Verkehrswende in Gefahr.
Veraltet, schmutzig, unzuverlässig: Fahrgäste sind vom Zustand des Nahverkehrs oft enttäuscht. Sie wünschen sich bessere Verbindungen, Sauberkeit und mehr Flexibilität (Archivbild)

Veraltet, schmutzig, unzuverlässig: Fahrgäste sind vom Zustand des Nahverkehrs oft enttäuscht. Sie wünschen sich bessere Verbindungen, Sauberkeit und mehr Flexibilität (Archivbild)

Foto: Florian Gaertner / photothek / imago images

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In der Welt von Lisa und Max fahren Züge pünktlich, sind Busse sauber und kostenlos, funktionieren Sharing-Dienste reibungslos und ist jedes Dorf auch ohne Auto »schnell und unkompliziert« erreichbar – von der Lüneburger Heide bis zur »vegetarischen Alpenhütte«. Die Inszenierung auf Instagram bezahlt ein Lobbyverband der Verkehrsunternehmen.

Es ist eine Scheinwelt.

Die Werbetour der Influencer ist Teil einer verzweifelten Kampagne, mit der Bus- und Bahnbetreiber ehemalige Stammkunden zurücklocken wollen. Auf dem Höhepunkt der Coronapandemie brach die ÖPNV-Nutzung völlig ein. Doch anders als erwartet brachten Impfkampagne und Normalisierung des öffentlichen Lebens bislang nicht das Comeback der klimafreundlichen Mobilität. Dabei soll sich die Zahl der Nutzer in den nächsten Jahren verdoppeln, damit die Klimaziele des Verkehrssektors erreichbar bleiben.

»Als Rückgrat der Verkehrswende ist der ÖPNV aktuell ein Totalausfall«, sagte Verkehrsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) dem SPIEGEL. Das habe weniger mit der Sorge vor Ansteckungen und der Maskenpflicht zu tun, sondern mit dem Unvermögen der oft kommunalen Verkehrsbetriebe sich auf die dauerhaft veränderten Bedürfnisse der Menschen einzustellen.

»Fehlende Flexibilität und mangelnde Qualität«

Eine bislang unveröffentlichte Studie vom WZB und dem Sozialforschungsinstitut Infas attestiert dem ÖPNV eine »strukturelle Krise«, die sich nur noch bedingt mit der Pandemie erklären lässt. So fuhren im Frühjahr 2021 knapp die Hälfte der einstigen Bus- und Bahnnutzer lieber Auto. Das waren deutlich mehr als ein Jahr zuvor. Mitten im Lockdown stieg damals nur ein Drittel um.

»Dass viele Befragte den Nahverkehr aufgrund von Covid-19 meiden, ist nur die Hälfte der Wahrheit«, schreiben die Wissenschaftler. »Zur Wahrheit gehört, dass die fehlende Flexibilität und mangelnde Produktqualität starke Motive sind, den ÖPNV zu meiden.«

»Jenseits der Metropolen wie Hamburg oder München fahren Besserverdiener kaum noch mit den Öffis«

Verkehrsforscher Andreas Knie

So fällt es den Anbietern bislang schwer, sich auf die – auch durch die Pandemie – veränderte Arbeitswelt einzustellen. Wer morgens im Homeoffice arbeitet und erst nachmittags ins Büro fahren will, bemerkt beispielsweise schnell, wie ausgedünnt die Verbindungen außerhalb der morgendlichen und abendlichen Stoßzeiten vielerorts sind. On-Demand-Dienste wie per App bestellbare Shuttlebusse könnten diese Lücke leicht schließen – jenseits von Pilotprojekten und vereinzelten, regionalen Angeboten tut sich da aber wenig.

Den Anbietern fällt es bislang schwer, sich auf die – auch durch die Pandemie – veränderte Arbeitswelt einzustellen.

Den Anbietern fällt es bislang schwer, sich auf die – auch durch die Pandemie – veränderte Arbeitswelt einzustellen.

Foto: serienlicht / imago images

So lohnen sich Monats- und Jahreskarten für viele nicht mehr. Anders als prognostiziert, sinkt die Zahl der Abo-Besitzer aktuell sogar schneller als letztes Jahr. Bei der letzten Erhebung hatten noch 22 Prozent der Befragten ein Abonnement, inzwischen sind es nur noch 16 Prozent. Es rächt sich, dass es an flexiblen Alternativen mangelt.

Homeoffice-Tickets und Preismodelle wie Pay-as-you-go  beispielsweise bieten nur wenige Verkehrsbetriebe an. Dabei checkt der Fahrgast per App oder Chipkarte ein, und die Software errechnet später den günstigsten Tarif. Wer in wenigen Tagen öfter als sonst pendelt, dem wird der Preis für die Wochen- statt Tageskarte abgebucht. Im Ausland ist das vielerorts Alltag, in Deutschland die Ausnahme.

Die Reichen fahren Auto, die Armen und Alten nehmen den Bus

Die auf repräsentativen Umfragen, Interviews und Trackingdaten einer App beruhenden Daten der Studie zeigen eine tiefe soziale Spaltung bei der Wahl der Verkehrsmittel. »Jenseits der Metropolen wie Hamburg oder München fahren Besserverdiener kaum noch mit den Öffis«, sagt WZB-Experte Knie. Mit einem Anteil von zwei Prozent an den zurückgelegten Kilometern sei der Nahverkehr für höhere Einkommensklassen »praktisch nicht mehr existent«.

»Bus und Bahn nutzen jene, die keine andere Wahl haben«, so das Fazit. Ältere, die nicht mehr Fahrrad fahren oder Ärmere, die kein Auto für ihre oft langen Arbeitswege haben. Umgekehrt steigt die Zahl der mit dem Auto gefahrenen Kilometer mit dem Einkommen. Der oft beschworene und von Klimaschützern und Stadtentwicklern erhoffte Abschied vom Auto fällt auf absehbare Zeit aus.

Für die meisten Wege – fast 60 Prozent – bleibt das eigene Fahrzeug für die Deutschen die erste Option. »Der motorisierte Individualverkehr festigt seine Dominanz«, so die Studie. Zwar gehen auch mehr Menschen zu Fuß oder fahren Fahrrad, aber die Effekte für das Verkehrssystem insgesamt bleiben überschaubar.

Neue Pop-up-Radwege in einigen Städten und Umsatzrekorde bei Fahrradhändlern haben zunächst den Eindruck entstehen lassen, dass Deutschland über Nacht zum Radlerparadies geworden ist. Tatsächlich hat das Fahrrad in einigen Städten wie Erfurt, Magdeburg oder Kassel enorm an Bedeutung gewonnen. Doch während sich die Rad-Infrastruktur in den Städten überwiegend in einem miserablen Zustand befindet, ist sie auf dem Land erst gar nicht vorhanden. So stagniert der Anteil des Fahrrads am Gesamtverkehr im Vergleich zu den Vorjahren.

»Vom Fahrrad als Gewinner der Pandemie kann auf Basis unserer bundesweiten Daten leider keine Rede sein«, sagt Franziska Zehl vom WZB. Dass in einigen Städten spürbar mehr Radfahrende unterwegs sind, zeige aber, »dass dieses Verkehrsmittel dort punkten kann, wo ihm bereits Raum gegeben wird«. Wo es dagegen keine Radwege gibt, fährt entsprechend auch fast niemand Rad.

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Für die Klimaziele und Lebensqualität in den Städten verheißen die Rückbesinnung auf das Auto und die Abkehr von Bus und Bahn wenig Gutes. Verkehrsforscher Knie hat aber auch eine optimistische Interpretation der Ergebnisse parat: »Für eine wirksame Klimapolitik gilt der Verkehr als besonders kritisch, weil Menschen hier als veränderungsresistent gelten.« Die Erfahrungen in der Pandemie zeigten aber, dass das so nicht stimme. Der Trend ließe sich also auch wieder umkehren – aber nur, wenn der Nahverkehr flächendeckend zwischen Nordsee und Alpen besser wird.

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