Nils-Viktor Sorge

Keine Kaufprämie für Diesel und Benziner Ausgebrannt

Nils-Viktor Sorge
Ein Kommentar von Nils-Viktor Sorge
Die Autoindustrie ist mit ihrem Ansinnen gescheitert: Es gibt keine Kaufprämie für Fahrzeuge mit reinem Verbrennungsantrieb. Endlich zeigt die Politik der Branche ihre Grenzen auf - und kümmert sich zugleich um deren Zukunft.
Foto: Ole Spata/ dpa

Lange ist VW-Chef Herbert Diess zuletzt durch Talkshows und Nachrichtensendungen getourt, um zu werben. Zu werben für die irrwitzige Idee einer Kaufprämie vom Staat für Autos mit Verbrennungsmotor. Lächelnd wiederholte sich Diess ein ums andere Mal. "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni wirkte in einem Interview  wie ein Kunde auf dem Hof, dem der Händler unnötiges Zubehör aufschwatzt.

Und genauso wenig wie manches vom Händler gepriesene Auto zum Kunden passt, so wenig hätte diese Prämie in die Welt des Jahres 2020 gepasst. Deshalb ist Diess mit seiner Charmeoffensive gescheitert, krachend und zu Recht. Gefördert werden im Konjunkturpaket nur Elektroautos.

Mit Diess erlitten andere Vorstandschefs Totalschaden, ebenso die Präsidentin des Branchenverbandes VDA, Hildegard Müller. Sie alle hatten für "moderne", "saubere" Autos mit Verbrennungsmotor getrommelt. Ein Widerspruch in sich, handelt es sich doch um eine Uralttechnik, an der die Branche viel zu lange festgehalten und herumgebastelt hat. Das sogar mit krimineller Energie, wie der Abgasskandal gezeigt hat.

Lobbyisten haben Kredit selbst verspielt

Es ist also nur konsequent, dass sich die Bundesregierung nicht länger zum Büttel von vielfach lernunwilligen Topmanagern, leitenden Ingenieuren und Lobbyisten macht. Diese Riege hat ihren Kredit verspielt, in der Öffentlichkeit schon länger, nun endlich auch bei den Politikern. Insofern ist das Corona-Konjunkturpaket eine überfällige Zäsur für die Branche und das Land.

Durchgesetzt haben sich ökonomischer und ökologischer Sachverstand. Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Olaf Scholz haben auf kluge Stimmen in Union und SPD gehört, sowie auf Wirtschafts- und Verkehrsexpertinnen.

Nicht das alte Geschäftsmodell mit Diesel und Benzinern wird über Wasser gehalten, der Impuls richtet sich in die Zukunft. Dabei geht es um mehr als Stückzahlen von E-Autos. Dazu gehören Milliarden für Ladeinfrastruktur, sauberere Lkw und Batterieproduktion. Das Geld wird Bau und Modernisierung von Fabriken anregen. Er zielt auf ein Verkehrssystem, in dem E-Autos als Stromspeicher zugleich die Energiewende unterstützen.

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Das alles ist mit Umdenken und viel Arbeit verbunden. Das mag für die Unternehmen zunächst unbequemer sein, als weiterzuwurschteln. Doch Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Autoindustrie hilft es mehr als eine Abwrackorgie im Stil des Jahres 2009. Sie brauchen nicht nur kurzfristig dringend wieder mehr zu tun. Auch in fünf oder fünfzehn Jahren muss es für sie noch Arbeit geben, auch wenn es vielleicht andere ist: weniger Teilefertigung, mehr IT, mehr Service.

Zu lange in Sicherheit gewiegt

Die viel beschworene Halde von nicht verkauften Verbrennerautos bekommen VW und andere Hersteller schon leer. Notfalls gewähren sie eben Rabatte. Geld ist genug da, fuhren die Konzerne zuletzt doch Jahr um Jahr Milliardengewinne ein.

Obwohl es konsequent ist, jetzt keine reinen Diesel- und Benzinautos zu fördern, muss sich die Bundesregierung kritische Fragen gefallen lassen. Sie hat die Autoindustrie jahre- und jahrzehntelang protegiert - im Guten, aber auch im Schlechten: Indem sie sich für schwache CO2-Grenzwerte in Brüssel eingesetzt hat, indem sie bei den manipulierten Motoren zunächst wegsah und den Boom raumgreifender und spritschluckender SUV tatenlos hinnahm. Sollte der nun doch recht rasante Schwenk zu E-Autos viele Verlierer hervorbringen, dann auch, weil die Regierung die Branche zu lange in Sicherheit gewiegt hat.

Anders lief es etwa in Frankreich, wo Regierungen schon lange Strafsteuern auf Spritschlucker erheben und E-Autos kräftig fördern. Es ist kein Zufall, dass der Renault Zoe das meistverkaufte Elektroauto auch in Deutschland ist und derzeit vergleichsweise kurze Lieferzeiten aufweist. Seine Produktion läuft seit Jahren geräuschlos und in hoher Stückzahl. Dagegen hat VW den Hoffnungsträger ID.3 immer noch nicht auf den Markt gebracht und gravierende Probleme, die Fertigung hochzufahren.

Gut, dass die E-Auto-Prämie Volkswagen dabei wohl auf die Sprünge hilft. Dann kann sich Herbert Diess auf das konzentrieren, was sein Kerngeschäft sein sollte: zeitgemäße Autos anzupreisen anstatt einer unsinnigen Subvention.

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