Gratis-ÖPNV in Luxemburg Abgefahren!

Ab heute macht Luxemburg den öffentlichen Nah- und Bahnverkehr kostenlos, als erstes Land weltweit. Die Idee wird gefeiert - und kritisiert.
Künftig Gratis: Die Straßenbahn im Luxemburger Bankenviertel Kirchberg

Künftig Gratis: Die Straßenbahn im Luxemburger Bankenviertel Kirchberg

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Harald Tittel/ dpa

Dezember 2018. Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel ist gerade für eine zweite Amtszeit als Regierungschef vereidigt worden, als er sich dazu entscheidet, eine Sensation zu verkünden: Der öffentliche Nah- und Bahnverkehr in Luxemburg soll kostenlos werden, und zwar für alle: Einwohner, Pendler, Touristen. Weltweit berichten Medien darüber, die ARD, die New York Times , auch der SPIEGEL.

Bettel sonnte sich in der globalen Aufmerksamkeit und verkündete: "Das steht uns einfach gut zu Gesicht und trägt enorm zum Image Luxemburgs bei.“

Am diesem Samstag tritt die Maßnahme in Kraft: Die Fahrkartenautomaten an den Bus- und Bahnhaltestellen des Großherzogtums werden abgerissen, die Ticketschalter in den Bahnhöfen geschlossen, die Zugbegleiter bekommen neue Aufgaben. Wer öffentlich fahren will, steigt einfach ein.

Aber bringt die Maßnahme überhaupt etwas? Wird die Anzahl der Passagiere steigen? Und wer profitiert vom Gratis-Transport?

Mehr geht nicht

Mylène Bianchy steht gerade auf einem Bahnsteig im Hauptbahnhof von Luxemburg-Stadt, als der Anruf des SPIEGEL sie erreicht. Bianchy ist die Präsidentin der luxemburgischen Eisenbahnergewerkschaft Syprolux. Im Hintergrund ist das Rauschen und Dröhnen des Bahnhofs zu hören, sie sagt: "Der Gratis-Transport ist an sich keine schlechte Maßnahme. Aber sie kommt zu früh. Die Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs in Luxemburg ist nicht bereit, so etwas anzubieten.“

Bianchy befürchtet, dass die Qualität des öffentlichen Verkehrs durch diese Maßnahme leidet. "Wir sind jetzt schon über der Kapazität. Die Züge sind voll. Das öffentliche Verkehrsnetz kann einen Ansturm durch Gratis-Fahrten überhaupt nicht bewältigen.“

Diese Sorge teilt auch Georges Melchers, Generalsekretär vom Landesverband der Gewerkschaft der Bediensteten im Transportwesen. "Wenn durch den Gratis-Transport die Anzahl an Fahrgästen steigt, dann wird es zu Engpässen kommen. Das Netz ist nicht bereit.“

Riskiert also jeder, der den kostenlosen Nahverkehr in Luxemburg ausprobieren will, vor überfüllten Zügen zu stehen?

Was ist der richtige Hebel?

Sollte das eintreffen, weiß Georges Melchers, wem der Schlamassel zu verdanken ist: "Diese Maßnahme war nicht wohlüberlegt von der Obrigkeit.“ Diese Obrigkeit hat allerdings überhaupt keine Angst vor einem überlasteten Verkehrsnetz. "Ich bin nämlich nicht der Meinung, dass es jetzt zu einem großen Sprung in den Passagierzahlen kommt“, sagte François Bausch dem SPIEGEL, der für das Projekt zuständige Mobilitätsminister von den luxemburgischen Grünen.

Der Gratis-Transport sei für ihn nur die Kirsche auf einem viel größeren Kuchen, sagt er - einem Infrastruktur-Investitionskuchen, wenn man so will. "Der kostenlose ÖPNV ist nicht der große Hebel, der die Leute dazu bewegt, auf die öffentlichen Verkehrsmittel umzusteigen. Das erreichen wir nur durch Investitionen in ein besseres Netz.“

Ähnlich sieht das Marc Wengler, Direktor der luxemburgischen Eisenbahngesellschaft CFL. "Keiner weiß, ob ein Anstieg bei den Passagieren kommt. Ich gehe aber nicht unbedingt davon aus“, sagt er. Im Grunde steht Wengler hinter der Maßnahme: "Der Gratis-Transport ist ein Meilenstein, ein wichtiges Signal. Und ein Bekenntnis der Regierung zum öffentlichen Transport.“

Nicht gerüstet für einen unerwarteten Ansturm

Gleichzeitig muss auch er einräumen, dass das Bahnnetz einen unerwarteten Ansturm auch überhaupt nicht verkraften könnte. "Die Passagierzahlen der luxemburgischen Bahn steigen seit 2005 jedes Jahr im Schnitt fünf Prozent. Bisher haben wir dieses Wachstum auffangen können. Aber wir sind auch schon seit einiger Zeit am Limit unserer Kapazität - vor allem in den Stoßzeiten und im Berufsverkehr.“

Dass Luxemburg investiert, um das Netz zu entlasten, ist unbestritten. Von 501 Millionen Euro im Jahr 2018 steigen die Investitionen in die Mobilität auf 806 Millionen im Jahr 2021. Allein in sein Bahnnetz steckt das Großherzogtum – mit rund 600 Euro pro Kopf  pro Jahr – mehr Geld als jedes andere Land Europas. Im Vergleich: Die Schweiz, die als Musterschüler in Bahnfragen gilt, investiert jährlich 365 Euro pro Kopf, Deutschland kommt nur auf 77 Euro. Das hat das Verkehrsbündnis Allianz pro Schiene berechnet .

Aber warum dann jetzt schon auf die Einnahmen durch Fahrkarten und Abonnements verzichten? Warum nicht erst das öffentliche Verkehrsnetz ausbauen? Ist das ganze doch vor allem eine Image-Maßnahme?

Ist es wirklich eine soziale Maßnahme?

"Sagen wir mal so: Ich bin nicht wütend, wenn die ganze Welt deswegen auf Luxemburg aufmerksam wird“, kommentiert François Bausch diesen Vorwurf gegenüber dem SPIEGEL. Für ihn ist der Gratis-Transport eben auch eine soziale Maßnahme. Jeder Einkommensklasse solle es möglich sein, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Doch dieses Argument ist schwer nachzuvollziehen. Zum einen war der öffentliche Verkehr in Luxemburg eh schon sehr billig: 440 Euro für eine Jahreskarte, die im ganzen Land gilt. Kinder und Jugendliche bis zu einem Alter von 20 Jahren fahren schon seit einigen Jahren umsonst.

Gleichzeitig sind auch die sozial schwächeren Menschen im reichen Luxemburg stark auf das Auto angewiesen. Eine Studie des nationalen Statistik-Instituts STATEC  ergab 2016, dass die Bewohner Luxemburgs fast 80 Prozent ihrer Strecken mit dem Auto absolvieren. Und: Dass auch Haushalte mit einem Netto-Monatseinkommen von 1850 Euro oder weniger im Schnitt jedes Jahr über 2600 Euro für Kauf und Instandhaltung eines Autos ausgeben.

Auch hier trägt das öffentliche Verkehrsnetz eine Mitschuld: Besonders im Nordteil des Landes sind die Luxemburger auf das Auto angewiesen - sogar wenn es nur dazu dient, damit bis zum nächstgelegenen Bahnhof zu kommen. Von Luxemburg-Stadt ausgehend führt nur eine Bahnstrecke nach Norden. Weite Teile des Nordens sind nur schlecht an den öffentlichen Transport angebunden.

Am Ende zahlt der Steuerzahler

Die Gewerkschaft Syprolux lässt das Argument der sozialen Maßnahme ebenfalls nicht gelten: "Durch das Wegfallen der Ticketeinnahmen kommen nun 41 Millionen Euro jährlich an zusätzlichen Kosten auf den Staat zu. Aber die zahlt im Endeffekt eben auch der Steuerzahler“, sagt Mylène Bianchy, die Präsidentin der Gewerkschaft.

Wer profitiert also am Ende vom kostenlosen ÖPNV in Luxemburg? Auf jeden Fall die Politiker, die sich mit dem Banner schmücken, das weltweit erste Land mit kostenlosem ÖPNV zu sein. Einige Tage vor Inkrafttreten der Maßnahme lud Mobilitätsminister Bausch zu einer internationalen Pressekonferenz ein, der Andrang der internationalen Medien ist wieder groß. So viel Aufmerksamkeit bekommt das Großherzogtum sonst meist nur bei Steuer- und Finanzskandalen wie den Luxemburg Leaks.

"Wir gehen davon aus, dass vor allem bisherige Fußgänger den Gratis-Transport nutzen“, sagt Mylène Bianchy. "Also schnell mal in die Tram oder den Bus, aber nur für eine Kurzstrecke.“ Dass wirklich Leute ihr Auto stehen lassen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren? "Für uns schwer vorstellbar“, so Bianchy.

Und dann muss die Gewerkschaftspräsidentin weiter, sie hat noch einen Termin: Mit der Eisenbahngesellschaft bespricht sie die Aufgaben des Aufsichtsbeamten – auf diesen neugeschaffenen Posten werden einige der Bediensteten umgeschult, die bisher in den Ticketschaltern saßen. Dort werden sie nämlich nicht mehr gebraucht.

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