Mikroautos Die fetten Jahre sind vorbei

Die Autos werden immer größer und verstopfen Städte, Parkhäuser, Wohnviertel. Insgeheim weiß wohl auch die Industrie, dass es so nicht weitergehen kann - und arbeitet an klitzekleinen Alternativen.
Das schwedische Start-up Uniti hat das Elektro-Kleinstauto One entwickelt

Das schwedische Start-up Uniti hat das Elektro-Kleinstauto One entwickelt

Foto: Uniti One

Mindestens zweimal am Tag zeigt sich in Ballungsgebieten, wie der Straßenverkehr auf den Infarkt zusteuert. Wer heute mit einem aktuellen Modell in ein älteres Parkhaus fährt, merkt ebenfalls: Autos sind viel zu groß geworden. "Wenn die Städte eingreifen, um den privaten Autoverkehr zu beschränken, dann kann das unter anderem über die Größe der Fahrzeuge passieren", sagt Marcus Willand, Mobilitätsexperte beim Beratungsunternehmen MHP.

Für Autohersteller ist das eine alarmierende Nachricht. Sie sind mit ihren fetten SUV auf Irrfahrt: Wer auch in Zukunft attraktive Fahrzeuge für Kunden in Metropolen anbieten möchte, sollte kleiner denken. Sehr viel kleiner. Genau das geschieht bereits.

Kein Platz da: Mercedes-SUV neben Fiat 500

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Foto: Richard Baker / In Pictures / Getty Images

Tatsächlich brütet die Industrie längst über Kleinstfahrzeugen. "Nach unseren Erkenntnissen arbeiten nahezu alle etablierten Automobilhersteller an Kleinstfahrzeug-Konzepten. Und zudem arbeiten auch große Zulieferunternehmen und Mobilitäts-Start-ups an Mobilen speziell für den Verkehr in Ballungsräumen", sagt Mobilitätsexperte Willand.

Lieber kleinere Autos als gar keine mehr

Aktuell entstehen die unterschiedlichsten Fahrzeuge für die Städte der Zukunft: Vom klassischen Kleinstwagen nach Art des Smart, der bereits vor 23 Jahren auf den Markt kam, bis hin zum elektrisch unterstützten Lastenrad, das den Kurzstrecken-Lieferverkehr emissionsfrei und unkompliziert machen soll. Ausnahmslos geht es dabei um elektrisch angetriebene Vehikel.

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Foto: Citkar

Und auch wenn die Corona-Pandemie einige Zeitpläne durcheinanderbrachte und ambitionierte Projekte jetzt erst deutlich später verwirklicht werden können - der grundsätzliche Trend zum Kleinstmobil bleibt.

Der japanische Autohersteller Toyota beispielsweise hat einen elektrisch angetriebenen, 2,49 Meter langen Zweisitzer bereits zur Serienreife gebracht. Das Fahrzeug sei "speziell für die täglichen Mobilitätsbedürfnisse von Kunden entwickelt, die regelmäßig kurze Strecken zurücklegen", sagt Toyota-Entwicklungschef Akihiro Yanaka. 100 Kilometer Reichweite und eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h reichen dafür aus.

Ähnlich positioniert sind auch der in Schweden entwickelte, 3,22 Meter lange Elektrodreisitzer Uniti One, für den bereits Vorbestellungen (Basispreis 17.767 Euro) entgegengenommen werden. Oder der in Aachen produzierte, 3,34 Meter lange Viersitzer E-Go Life (Basispreis 22.702 Euro, nach Abzug des Umweltbonus 13.221 Euro), der ebenfalls rein elektrisch fährt. Fiat wiederum, jahrzehntelang führend bei der Konzeption konventioneller Kleinwagen, arbeitet daran, die vor knapp einem Jahr vorgestellte Elektrostudie Concept Centoventi (Länge 3,68 Meter) zur Serienreife zu bringen. Das wird jedoch frühestens 2021 der Fall sein. Und auch die französische Technologie- und Unternehmensberatung Altran hat mit dem elektrischen Schmalspurmobil Iris samt digitaler Vernetzung und Sharingsoftware ein innovatives Mobilitätskonzept in der Entwicklung.

Ob sich diese Art von Fahrzeug durchsetzen wird, hängt wesentlich davon ab, mit welchen konkreten regulatorischen Maßnahmen die Städte den Straßenverkehr eindämmen werden. Gibt es dann zum Beispiel bestimmte Zonen, in die nur noch elektrisch angetriebene Fahrzeuge bis zu dieser oder jener Länge einfahren dürfen? Es würde die Akzeptanz und Attraktivität von Kleinstfahrzeugen gewiss erhöhen, wenn ihre Insassen besondere Zufahrtsrechte erhalten. MHP-Berater Willand sagt: "Natürlich ist so ein Kleinstwagen kein Traumauto, sondern ein Nutzgegenstand, der jedoch immerhin Individualmobilität ermöglicht. Für die Hersteller wird das Geschäftsmodell mit diesen Fahrzeugen erst dann spannend, wenn es um wirklich große Stückzahlen geht."

Noch sind Kleinstfahrzeuge Nischenprodukte

Ob es wirklich große Stückzahlen werden? Der französische Hersteller Renault bietet bereits seit Frühjahr 2012 das elektrische Kleinstfahrzeug Twizy an. Von dem Schmalspurmobil, dessen zwei Sitzplätze hintereinander angeordnet sind, wurden seither knapp 30.000 Exemplare verkauft, rund 5600 davon in Deutschland. Bislang ist die Nachfrage nach derart rudimentären Automobilen also überschaubar. Nur weil mit ihm die Parkplatzsuche einfacher wird, der Schadstoffausstoß geringer ist und sowohl Kaufpreis als auch Ressourcenverbrauch um ein Vielfaches niedriger, wechselt offenbar kaum jemand vom Standard-Pkw in ein Kleinstfahrzeug.

Möglicherweise ändert sich dies. Die Diskussion über Klimaschutz, verkehrsberuhigte Zonen, autofreie Innenstädte und generell intelligentere Mobilitätslösungen geht beharrlich weiter. Dabei werden auch Lösungen für die wachsende Paketflut aus dem Onlinehandel gesucht. Alternative Lieferfahrzeuge für die Stadt sind gefragt. Der Automobilzulieferer Schaeffler etwa hat das vierrädrige Pedelec Bio-Hybrid entwickelt - sowohl in einer zweisitzigen Pendler- als auch in einer einsitzigen Cargo-Variante. Derzeit laufen die letzten Praxistests mit den bis zu 25 km/h schnellen, halbverkleideten Vehikeln, deren Serienfertigung in den kommenden Monaten angepeilt wird.

Die "letzte Meile" per Lastenrad

Auch die Berliner Firma Citkar hat ein Pedelec mit Ladefläche oder wahlweise Ladebox entwickelt. Das Modell Loadster bietet bis zu 250 Kilogramm Nutzlast inklusive Fahrer, eine Energieversorgung der E-Maschine per Wechselakku und eine elektrische Unterstützung bis zu einem Tempo von 25 km/h. Vor wenigen Wochen begann der Verkauf. VW arbeitet ebenfalls an einem Lastenfahrrad. Das Cargo E-Bike wurde im Frühjahr einem ausführlichen Praxistest in Hannover unterzogen, danach sollte der Serienstart erfolgen. "Zentrale Komponenten des Lastenrads wie Rahmen, Lenkung oder Federung sind Eigenentwicklungen und werden auch von uns produziert", betont ein VW-Sprecher.

Ob Pedelec, Schmalspur-Mobil oder Elektro-Kleinstwagen - wenn auch in Zukunft in immer stärker verdichteten Städten der Verkehr fließen soll, werden solche Fahrzeuge wohl eine zentrale Rolle spielen. Übrigens auch für die Unternehmen, die sie bauen und betreiben. MHP-Experte Willand sagt dazu: "Wenn man zehn oder zwanzig Jahre die Zukunft blickt und sich vorstellt, dass viele solcher elektrisch angetriebenen Kleinstfahrzeuge nicht mehr als Privat-Pkw, sondern autonom und in großen Flotten in urbanen Verkehrsräumen unterwegs sind, dann versteht man, wie diese Konzepte eine auch ökonomisch interessante Dynamik entfalten könnten."

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