Laute Motorräder "Ohne den Sound springen die Käufer ab"

Tiefes Brummen oder nervöses Kreischen: Sounddesigner Thomas Görne erklärt im Interview, warum Fahrer auf den Klang ihrer Motorräder nicht verzichten mögen - und wie sich Anwohner dennoch besser schützen ließen.
Ein Interview von Emil Nefzger
Das Blubbern von Motorrädern wie dieser Harley kann für Anwohner beliebter Motorradstrecken zum Ärgernis werden. Das liegt jedoch nicht nur an der Lautstärke.

Das Blubbern von Motorrädern wie dieser Harley kann für Anwohner beliebter Motorradstrecken zum Ärgernis werden. Das liegt jedoch nicht nur an der Lautstärke.

Foto: Westend61/ imago images

SPIEGEL: Herr Görne, für Motorradfahrer ist der Klang ihres Bikes während der Fahrt beinahe eine Symphonie, für Menschen, an denen sie vorbeifahren ist er dagegen oft nervig. Woran liegt das?

Thomas Görne: Am empfundenen Lärm. Der ist aber nicht messbar, sondern hängt vom Kontext und unserer Haltung zu den Klängen ab. Ein Beispiel: Städte, in denen es unfassbar laut ist, kann man als wahnsinnig belastend, aber auch als extrem spannend empfinden. Die Stille auf dem Land kann beruhigen, aber auch bedrücken. Schalldruckpegel sind das einzig Messbare, die Lästigkeit können wir nicht bestimmen. Man muss sich hier bei Tucholsky bedienen, der von den Nachbarn, die mit einem Schreibtisch würfeln, geschrieben hat.

Während eine Person den Lärm als positiv empfindet, kann er für eine andere belastend sein. Hier kommt ein Faktor hinzu: Der Fahrer, dem der Lärm das positive Gefühl des Beherrschens seiner Maschine gibt, kontrolliert die Lärmquelle. Die Passanten und Anwohner sind ihm dagegen ausgeliefert.

SPIEGEL: Was ist für Anwohner dann nerviger: die reine Lautstärke oder der charakteristische Klang eines Motorrads?

Görne: Je tonaler, also je melodischer und besser identifizierbar der Klang wird, als desto störender kann er wahrgenommen werden, wie zum Beispiel bei einer Bohrmaschine oder einem Motorrad. Gleichzeitig werden tiefe Frequenzen oft als besonders störend empfunden.

SPIEGEL: Woran liegt das?

Görne: Tiefe Frequenzen kommen aufgrund der Beugung der Schallwellen weiter und können auch körperlich wahrgenommen werden, zum Beispiel das Geräusch eines vorbeifahrenden Lkw. Wenn diese Klänge wie bei einem lauten Motorrad auf einer ruhigen Landstraße ungefiltert hörbar sind, lösen sie zusätzlich sogenannte kreuzmodale Assoziationen aus. Das heißt: Diese Klänge beeinflussen Menschen nicht nur auf der akustischen, sondern beispielsweise auch auf der visuellen und haptischen oder emotionalen Ebene. Laut und tief empfinden wir beispielsweise als groß und kraftvoll.

SPIEGEL: Dieser Effekt klingt aus Fahrersicht allerdings eher erstrebenswert.

Görne: Ja. Wer sich auf so eine Maschine oder in so ein Auto setzt, bekommt diese metaphorische Wucht und Kraft übertragen. Und er fährt natürlich so, dass dieser Klang möglichst stark zur Geltung kommt. Aus Herstellersicht ist es ein glücklicher Zufall, dass der Verbrennungsmotor genau das vermitteln kann.

SPIEGEL: Wucht und Kraft dürften allerdings beim Zuhörer eher Furcht auslösen.

Görne: Zumindest lösen sie nichts Positives aus. Einmal durch diese unterbewusste Assoziation, aber auch, weil der Fahrer einem diesen Klang aufzwingt.

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SPIEGEL: Wenn vor allem von außen aufgezwungene, tiefe Klänge so eine starke Wirkung haben - nervt die tief brummende Harley dann stärker als eine kreischende Supersportmaschine?

Görne: Nein, eine Harley nervt anders. Hohe Klänge kommunizieren Helligkeit und Schärfe, die wiederum mit Aggression verknüpft sind. Gleichzeitig verbindet man sie mit dem Gebrüll von Raubtieren. Auch das hat körperliche Effekte, die dann von den Herstellern gepflegt werden. Man kann zum Beispiel in einer Werbung den Klang eines Sportwagens mit dem Brüllen eines Löwen oder dem Klang eines wütenden Elefanten austauschen, das fehlende Motorengeräusch fällt Zuschauern kaum auf. Auch hohe Klänge schaffen also eine - zumindest vom Fahrer - erwünschte Assoziation. Maschinen mit neutraleren Klangcharakteristiken werden dagegen von den Anwohnern mit Sicherheit als deutlich weniger störend empfunden.

SPIEGEL: Der Klang moderner Motorräder ist kein Zufallsprodukt, sondern wird gezielt entwickelt und durch Klappenauspuffe und Sounddesign beeinflusst. Würde es helfen, wenn die Hersteller anstatt auf sportliche oder mächtige Klänge bewusst auf einen neutralen Sound hinarbeiten?

Görne: Ja, aber das werden sie nicht tun. Fette, blubbernde Zweizylinder und kreischende Heißbrenner bleiben im Gedächtnis. Bei den Anwohnern negativ, bei den Fahrern positiv. Diese Klänge sind entscheidend für das Image, das die Maschinen transportieren sollen. Ohne den Sound springen die Käufer ab, so wie sich klassische Formel-1-Fans keine Rennen der Formel E anschauen wollen.

SPIEGEL: Wenn ein anderer Klang keine Option ist: Bliebe der positive Effekt des Sounds beim Fahrer erhalten, wenn die Maschinen einfach leiser werden?

Görne: Höchstwahrscheinlich, da der Motor weiterhin vibriert. Solange dieser Effekt vorhanden ist, ist die Lautstärke nur ein Aspekt. Der Schall allein macht nicht das Erlebnis. Das zeigt ein Beispiel aus dem modernen Bühnenbau: Dort wird der Bühnenraum immer stärker "stillgelegt", um die Lärmbelastung für die Musiker und technische Probleme durch Rückkopplungen zu reduzieren. Es gibt keine massiven Lautsprecher in Richtung der Band mehr, die Musiker hören sich nur noch über Ohrhörer. Dadurch fehlt aber die körperliche Wucht, insbesondere von tiefen Tönen. Manche Musiker tun sich deshalb schwer damit, die Musik zu spüren. Man nutzt deshalb sogenannte "Shaker" unter dem Boden, um die Vibration künstlich zu erzeugen. Die Musiker haben dann das Gefühl, die Musik wieder besser zu hören. Dieser Effekt ist beim Motorrad sicherlich identisch, die Vibration verstärkt auch dort die Empfindung des Klanges.

SPIEGEL: Solange man die Vibration spürt, fällt der leisere Sound also kaum auf?

Görne: Ganz genau. Man könnte deshalb an der Lautstärke und wahrscheinlich sogar am Klang einiges verändern, ohne dass das Gefühl, das die Fahrer so schätzen, verloren geht. Wenn man es schafft, das Prinzip der "Shaker" auf den Sitz oder die Bekleidung des Fahrers zu übertragen und so die Vibrationen besser weiterzugeben, könnte man vermutlich sogar auf einen Großteil der Lautstärke verzichten.