Motorradfahren mit Pkw-Führerschein Fünf Renner für die neue Freiheit

Autofahrer dürfen mit ihrem Führerschein seit diesem Jahr leichte Motorräder fahren - manche halten das für gefährlich, doch die Nachfrage boomt bereits. Wir zeigen, für welchen Fahrertyp sich welches Bike eignet.
Von Peter Ilg
Foto: Gearshift/ Yamaha

Mit dem neuen Bußgeldkatalog ging einiges schief, bei der Pkw-Maut auch - doch bei einem anderen Projekt hat Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) seine Vorstellungen durchgesetzt, und das einigermaßen geräuschlos. Seit diesem Jahr dürfen Autofahrer im Alter von mindestens 25 Jahren, die seit fünf Jahren den Autoführerschein haben, Leichtkrafträder fahren. Das sind Motorräder und Motorroller mit einem Hubraum bis 125 Kubikzentimeter und 15 PS.

Bedingung ist, dass die Fahrerin oder der Fahrer in einer Schulung war, die allerdings ohne Prüfung endet. Neun Unterrichtseinheiten in der Fahrschule - dann besitzen sie die Berechtigung dafür.

Nach einem guten halben Jahr zeigt sich: Die Aufwertung des Autoführerscheins hat in der Zweiradbranche zu einem kleinen Kaufrausch geführt. Im ersten Halbjahr 2020 gab es bei den Leichtkrafträdern ein Plus von 45 Prozent auf knapp 16.000 Stück, bei den Leichtkraftrollern waren es sogar 68 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum (2020: knapp 15.000), teilt der Industrie-Verband Motorrad Deutschland (IVM) mit. "Auf die Regelung, dass Autofahrer ohne großen Aufwand auch leichte Krafträder fahren dürfen, haben viele gewartet, wie man sieht", sagt Reiner Brendicke, Hauptgeschäftsführer des IVM.

30- bis 35-jährige Autofahrer wollen schnelle Roller fahren

Der Anstieg an Neuzulassungen ist für ihn "stark verbunden mit der geänderten Führerscheinregelung". Das zeigen die Zahlen. Die deutlich höhere Zunahme bei den Rollerverkäufen begründet er damit, dass "viele Autofahrer nun einen Roller als Zweit- oder Drittfahrzeug nutzen". Roller lassen sich leicht fahren, brauchen wenig Platz und sind viel günstiger als ein Auto. Es überrascht nicht, dass die Fahrlehrer von der vorgeschriebenen Schulung profitieren. "Wir haben einen deutlichen Zulauf in den Fahrschulen", sagt Dieter Quentin, Vorsitzender der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände. Das sind vor allem 30- bis 35-jährige Autofahrer, die Roller fahren wollen.

Immer auf dem Laufenden bleiben?

Fahrberichte, Analysen, aktuelle Nachrichten: So verpassen Sie keine Artikel aus der Rubrik Mobilität des SPIEGEL.

So aktivieren Sie Ihre Benachrichtigungen

Aber ist passiert, was Kritiker befürchtet haben? Kam es zu vermehrten Unfällen in der kleinen Motorradklasse? Wegen solcher Fragen steckte Scheuer für seinen Vorstoß vor einem Jahr massive Kritik aus unterschiedlichen Richtungen ein, mit stets denselben Befürchtungen: Der deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) und die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände hielten den Vorschlag für wenig sinnvoll. Sie alle warnten vor fehlender fahrerischer Kompetenz aufgrund unvollständiger Ausbildung und als dessen Folge eine Zunahme von getöteten und schwer verletzten Fahrern. 

Ob das Szenario eingetreten ist, ist aber noch unklar. "Eine detaillierte Aussage dazu kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht getroffen werden", sagt Matthias Haasper, Forschungsleiter am Institut für Zweiradsicherheit. Die Verordnung ist noch jung und der Fahrschulbetrieb war pandemiebedingt bis Ende Mai deutschlandweit eingestellt. 

Zudem ist nach Ansicht von Haasper eine altersklassenabhängige Sonderauswertung notwendig für die neue Regelung der 125er-Klasse. "Autofahrer, die nun Roller fahren, sind älter, verkehrserfahren und damit eindeutig weniger unfallgefährdet als jüngere ab 16, die überwiegend Leichtkrafträder fahren", sagt Haasper. Eine differenzierte Fahrerlaubnis bedingt eine spezielle Auswertung des Unfallgeschehens. Was bislang feststeht, ist ein weiterer, genereller Rückgang der Verunglücktenzahlen von Motorradfahrern, "insbesondere auch in diesem Jahr von Januar bis April", sagt Haasper. In diesem Zeitraum passierten im Vergleich zum Vorjahr 11,6 Prozent weniger Verkehrsunfälle mit motorisierten Zweirädern, laut Statistischem Bundesamt. Darin ist die Gruppe der Leichtkraftfahrer enthalten - wird aber nicht gesondert ausgewiesen. 

Welche Motorradmodelle aber eignen sich für welchen Fahrertyp? Die Auswahl ist groß, wir stellen fünf Fahrzeuge aus unterschiedlichen Gattungen vor:

Foto: Rudi Schedl/ KTM DUKE

Für Raubeine: KTM 125 Duke

Das kleine Biest ist das mit großem Abstand beliebteste Leichtkraftrad in Deutschland. Die kleine Maschine ist optisch nahezu identisch mit den großen Dukes von KTM. Das ist typisch auch bei anderen Herstellern. Das unverkleidete Motorrad ist auf technisch hohem Niveau, etwa durch die elektronische Krafteinspritzung. Die Duke kostet 4728 Euro. Naked-Bikes wie die KTM und vollverkleidete Sportmaschinen dominieren die Leichtkraftradklasse. Die Preise liegen zwischen 3500 und knapp mehr als 5000 Euro.

Foto: Gearshift/ Yamaha

Für angehende Rennfahrerinnen: Yamaha R 125

Die R 125 ist ein vollverkleidetes Rennmotorrad im Bonsaiformat. Sie sieht aus wie ihre großen supersportlichen Schwestern, nur eben kleiner. Mit einem Preis ab 5116 Euro gehört sie zu den teuren Leichtkraftmaschinen, bietet dafür aber für diese Klasse ungewöhnliche Techniken wie Anti-Hopping-Kupplung. Das 142-kg-Leichtgewicht schafft eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h. Angetrieben wird die Maschine von einem wassergekühlten Einzylinder-Viertaktmotor, was üblich ist bei Leichtkrafträdern.

Foto: Vespa

Für unbeschwerte Genießer: Vespa Primavera 125

Wer an Roller denkt, hat Vespa im Kopf. Die Motorroller aus Italien sind weltweit Kult und in Deutschland weitverbreitet. Gleich vier Roller aus dem Piaggio-Konzern, zu dem Vespa gehört, liegen auf den ersten vier Plätzen der meistverkauften Leichtkraftroller im vergangenen Jahr. Allen voran die klassisch elegante Primavera 125 zum Preis von 4610 Euro. Roller sind leicht zu fahren und ideale Zweitfahrzeuge für die Stadt und für Ausflüge aufs Land. Das ist auch zu zweit bequem.

Für moderne Romantiker: Schwalbe L3E

Die ehemals zweitaktende Schwalbe aus der ehemaligen DDR hat heute Kultstatus. Govecs, ein Hersteller von Elektrorollern aus München, hat den Namen des Vogels in Lizenz übernommen und baut die ursprünglich knatternde Schwalbe nun mit leisem Elektromotor und optisch ziemlich nahe am Original nach. Der Roller läuft 90 Sachen, kommt etwa 90 Kilometer weit und es dauert rund fünf Stunden, bis die Akkus an der Haushaltssteckdose geladen sind. Der Preis liegt bei 6990 Euro.

Foto: Kymco

Für Nutzwertliebhaberinnen: Kymco Agility+ 125i CBS

Kymco ist der größte Hersteller von Rollern aus Taiwan und seit gut 25 Jahren in Deutschland vertreten. Das Unternehmen hat mehrere 125er-Roller im Angebot, darunter mit den Agility City und Like II zwei Modelle unter den verkauften Top Ten 2019. Der Agility ist der beliebtere und mit 2143 Euro günstigere Roller. Der Tank ist ungewöhnlich unter dem Trittbrett, was der Stabilität dient. Die Räder sind schmäler und höher als bei europäischen Rollern wie der Vespa. Deshalb wirkt der Kymco luftiger und lässt sich leichter bewegen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.