Motorräder aus China Ab durch die Mitte

Motorräder aus China haben ein schlechtes Image. Zu Recht? Unser Autor hat ein Modell getestet – und erkundet, wie die erste Marke aus der Volksrepublik den Sprung nach Europa angeht.
Von Peter Ilg
Die Mash X-Ride 650 erinnert optisch sehr an die Yamaha XT 500

Die Mash X-Ride 650 erinnert optisch sehr an die Yamaha XT 500

Foto: Peter Ilg

Mehrere europäische Unternehmen lassen ihre Motorräder in China bauen – um die 1500 Euro weniger kosten sie als Maschinen, die in Europa oder Japan hergestellt werden. Mondial aus Italien, Brixton aus Österreich und Mash aus Frankreich nutzen diesen Preisvorteil in der Volksrepublik.

Mash bietet Maschinen zwischen 50 und 650 ccm an. Seit diesem Spätsommer ist die X-Ride 650 im Programm. »Unsere Produktphilosophie ist einfache Technik, die funktioniert«, sagt Heide Porten, Geschäftsführerin von Mash Motors in Deutschland. Alle Maschinen sind Retrobikes, Kopien erfolgreicher Motorräder und zuverlässiger Motoren aus den Siebziger- bis Neunzigerjahren.

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Die X-Ride ist optisch ein Klon der XT 500 von Yamaha. Eine schlichte Straßenenduro ohne Schnickschnack. Wo nicht viel dran ist, kann auch nicht viel kaputtgehen. Ein Beispiel: Der Tacho der X-Ride ist analog, rund und hat die Größe einer etwas größeren Armbanduhr. Er zeigt zentral die Drehzahl, klein Geschwindigkeit, Uhrzeit und Tankinhalt. Einen Tageskilometerzähler gibt es nicht und zu verstellen ist am Tacho auch nichts. »Wir schwimmen mit unserer spartanischen Ausstattung gegen den Strom der Zeit«, sagt Porten. Fahrmodi, Traktionskontrolle, Handyanbindung, das alles ist tabu.

Der Motor ist ein Nachbau des Aggregats aus der Honda Dominator, ein Einzylinder mit 650 ccm, aber modern mit Einspritzanlage statt Vergasern. Für einen hubraumstarken Eintopf läuft der Motor rund, er ballert aber, wie es bei Einzylindern mit Dampf erwartet wird. Der Antrieb leistet 40 PS. Das reicht in der Stadt und auf der Landstraße in Geschwindigkeitsbereichen zwischen 80 und 120 km/h. Mehr quält den Motor, weil er nicht für mehr als 5000 Umdrehungen gebaut ist. Die X-Ride mag es lieber unter- statt hochtourig, eher gemächlich statt aufgeregt.

Ungehobelt wie ein raues Brett

Aufgrund ihrer Aufmachung und Ausstattung mit grobstolligen Geländereifen sollte sie eine Enduro sein. Dafür müsste sie aber unterschiedlich große Raddurchmesser haben. Hat sie jedoch nicht, sondern vorn und hinten 17-Zoll-Felgen. Deshalb ist sie eher eine Super Moto, eine Maschine für Rennstrecken von Hobbyfahrern. Die X-Ride passt aber nirgendwo richtig hin, denn die Reifen sind so knüppelhart, Schräglage auf der Straße ist nur begrenzt möglich.

Fürs Gelände ist wiederum das Federbein unpassend. Es taucht zwar bei Unebenheiten ein, federt aber erst spät wieder aus, was das Fahrwerk steinhart macht. Deshalb fährt sich die Maschine ungehobelt wie ein raues Brett.

»Im nächsten Jahr bieten wir zwei Varianten der X-Ride an«, stellt Porten Abhilfe in Aussicht. Beide Motoren sind dann Euro-5-tauglich. Die aktuelle Variante wird es weiterhin geben, dazu eine echte Enduro mit großem Rad vorn, kleinem hinten und deutlich längeren Federwegen. Das dürfte die bessere Wahl sein.

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Motorräder aus China: Modelle von Voge und Mash

Foto: Voge

Die X-Ride lässt Mash bei Shineray fertigen. Der Konzern baut Autos, Motorräder, Quads und sollte sich auskennen. »Dennoch leiden wir unter dem Makel, qualitätsschwache Chinakracher zu verkaufen«, sagt Porten. Manche Defizite hat die X-Ride tatsächlich, wie die mangelhafte Lackierung am Einfüllstutzen des Tanks. Und nach wenigen Tagen ist bereits die Tankuhr ausgefallen. Insgesamt macht die Maschine aber einen robusten Eindruck. Knapp 6000 Euro Neupreis sind ein lukratives Angebot für Biker mit kleinem Budget.

Dies ist auch der Ansatz des einzigen echten Motorradherstellers aus China in Deutschland, der seit Mitte dieses Jahres seine Maschinen verkauft. Voge ist die erste eigene Marke von Loncin, einem der größten Zweiradproduzenten Asiens. »Die Motorräder richten sich an Käufer, bei denen das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vordergrund steht«, sagt Gerald Federl, Geschäftsführer von MSA, dem Importeur der Maschinen. In dieser Zielgruppe gibt es viele Einsteiger- und Wiedereinsteiger, aber auch erfahrene Biker, die ein Zweitfahrzeug im mittleren Hubraumsegment kaufen.

Voge feiert mit vier neuen Modellen sein Debüt, zwei haben 300 ccm Hubraum, zwei 500 ccm. Die kleineren Motoren sind Einzylinder, die größeren Zweizylinder. Zwei Maschinen sind Naked-Bikes, eine Retro und eine Reiseenduro. Das Design des Quartetts ist nicht chinesisch, sondern europäisch und japanisch und daher den Maschinen etablierter Hersteller sehr ähnlich. Sie kosten zwischen 3700 und 5800 Euro. MSA stellte in diesem Spätherbst kein Testmotorrad mehr zur Verfügung. Auch ohne Ausfahrt lässt sich aber erkennen, wie der Hersteller das europäische Publikum gewinnen will.

Hersteller werben um junge Fahrer

»Im nächsten Jahr heißt unsere Herausforderung erst mal Euro 5, bevor sich zeigen wird, ob Voge für ein höheres Hubraumsegment reif ist«, sagt Federl. Er würde eine Erweiterung nach oben begrüßen, weil Motorräder um die 700 Kubik in Deutschland sehr beliebt sind. In dieser Klasse kennt sich Loncin aus, denn die Chinesen bauen für BMW deren Reihenzweizylinder für die 750er und 850er.

Aus dieser Kooperation sind der Firma deutsche Qualitätsansprüche vertraut. »Wir können deshalb davon ausgehen, dass die Motorräder von Voge qualitativ gut sind und der Konzern sich das Wissen um die Technologie und den Markt mit europäischen Mitarbeitern eingekauft hat«, sagt Werner Hagstotz, vom Consulting-Unternehmen Hagstotz ITM. Motorräder sind sein Spezialgebiet und seine Leidenschaft. Mit MSA hat Voge außerdem einen erfolgreichen Exporteur anderer Marken und dadurch ein bestehendes Händler- und Servicenetz mit 70 Firmen allein in Deutschland.

Voge setzt mit seinen 300 und 500 Kubikmaschinen insbesondere auf Fahrer der 125er-Einstiegsklasse. »Das sind 18- und 19-Jährige, bei denen 1200 Euro mehr oder weniger ein entscheidendes Argument für oder gegen den Kauf einer Maschine sind«, sagt Hagstotz. So viel mehr kostet etwa eine Honda CB 500 im Vergleich zur Voge 500 R. Dass der Voge-Motor ein Honda-Nachbau ist, daran stoßen sich die Chinesen selbst nicht. »Chinesen bauen nach, um besser zu werden«, sagt der Marktforscher. Für ihn sind Kopien in China keine zweite Wahl, sondern Technik mit Potenzial.

Voge baut gezielt in kleinen Hubraumklassen, die von Europäern und Japanern in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurden. Vor der neuen Konkurrenz müssen sich BMW und Ducati, Kawasaki und Harley-Davidson nicht fürchten, meint Hagstotz, ganz im Gegenteil: »Mit ihren günstigen Angeboten sorgen die Chinesen für eine Markterweiterung und ziehen neue Biker in den Motorradmarkt, die, wenn sie älter sind und mehr Geld haben, eventuell eine BMW oder eine andere Premiummarke kaufen.« Wie Voge in den Markt geht, das ist laut Hagstotz professionell: »Das ist kein Vortasten und Ausprobieren, sie setzen auf Wissen und Können.«

Loncin ist größter Motorradexporteur Chinas. Deshalb werden andere chinesische Motorradhersteller aufmerksam beobachten, wie es für das Unternehmen in Deutschland läuft. »Wenn Voge erfolgreich ist, ziehen andere nach«, sagt Hagstotz. Insofern hat die chinesische Premiere eine Pilotfunktion.

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