Arno Frank

Motorradfahrer-Demos Konflikt zwischen Brösel und Kant

Arno Frank
Ein Kommentar von Arno Frank
Zehntausende Motorradfans haben in Deutschland lautstark dagegen protestiert, dass sie leiser sein sollen. Dabei könnte man diesem schönen Hobby frönen, auch ohne völlig asozial aufzutreten.
Motorradprotest in Friedrichshafen: Zehntausende knatterten am Samstag mit ihren Maschinen durch Deutschland

Motorradprotest in Friedrichshafen: Zehntausende knatterten am Samstag mit ihren Maschinen durch Deutschland

Foto: Philipp von Ditfurth/ dpa

Erwartet worden war höchstens ein Drittel. Aber das Wetter war ideal, also wurden es 10.000 in Karlsruhe, 8000 in Stuttgart, 6000 in München, 5000 in Friedrichshafen am Bodensee. Das war, allein schon wegen der einschüchternden Geräuschkulisse, eine beeindruckende Machtdemonstration. Massenhaft haben Motorradfahrerinnen und -fahrer am Samstag in etlichen Städten der Republik gegen mögliche Fahrverbote protestiert.

Aber gegen wen genau, wofür?

Allein in Wiesbaden sollen es mehr als 7500 gewesen sein, mit abschließender Übergabe einer Petition im hessischen Landtag. Während die Motorradfahrer die komplette Innenstadt und zeitweise auch die Autobahn lahmlegten, fielen die 600 zeitgleich am Hauptbahnhof protestierenden "Black Lives Matter"-Aktivisten nicht weiter ins Gewicht. Es gab offenbar Wichtigeres. Und Lauteres.

Vielleicht haben aber gerade die ohrenbetäubenden Kundgebungen dazu beigetragen, dass der eine oder andere "Wutrocker" ein wenig hellhöriger wurde für die Bedürfnisse anderer Leute.

Kuttenträger unter den Motorradfahrern: Die Szene hat Nachwuchsprobleme

Kuttenträger unter den Motorradfahrern: Die Szene hat Nachwuchsprobleme

Foto:

Daniel Schäfer/ dpa

Die Szene hat Nachwuchsprobleme, kennt aber keine klassischen "Rocker" mehr - auch wenn sich manche Fahrer bisweilen noch gern als Peter Fonda verkleiden oder "Sons Of Anarchy" nachspielen. Es ist nicht einmal eine Szene, sondern der viel beschworene "Querschnitt durch die Gesellschaft".

Die Gesellschaft fährt Motorrad

Motorrad fährt der Erzieher, die Rechtsanwältin, der Ingenieur, die Bäckereifachverkäuferin, der Abgeordnete, die Journalistin und der Student. Wer ein erschwinglicheres Fortbewegungsmittel als das Motorrad sucht, muss schon aufs Fahrrad umsteigen. Aber damit kommt man nicht in dreißig Minuten aus der Innenstadt von Köln ins Bergische Land oder in drei Tagen nach Alicante.

Das Gros der Motorradfahrenden tritt selten so geballt auf wie am vergangenen Samstag.

Es zerstreut sich auf die landschaftlich schönen Strecken, ins kurvige Hinterland. Sehr zum Leidwesen vieler Anwohner, die genau dort im Garten bisweilen ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen können. Das Geheul und Gejodel wie aus der Vuvuzela stört nicht einfach nur die Ruhe, es schädigt auch die Gesundheit – vergleichbar einem Leben in der Abflugschneise eines großen Flughafens. Was der motorisierte Mensch genießen will, macht er durch seine Präsenz zunichte. Das alte Dilemma des Tourismus.

Verständlich also, dass der Bundesrat nun die Bundesregierung zu konkreten – teils absurden, teils logischen – Schritten zur "wirksamen Minderung und Kontrolle von Motorradlärm" aufgefordert hat. Für eine Massenmobilisierung der notorisch vereinzelten Kradpiloten sorgte vor allem die Erwägung von "zeitlich begrenzten Verkehrsverboten an Sonn- und Feiertagen aus Gründen des Lärmschutzes".

An der Streckensperrung hört der Spaß auf

Denn wo der Spaß nicht weitergeht, weil Streckensperrungen und auch nur temporäre Fahrverbote ihm Einhalt gebieten, da hört selbst für die gutmütigste Motorradfahrerin der Spaß auf. Da wird sie zur Staatsbürgerin, die Gebrauch macht von ihrem grundsätzlichen Recht, sich notfalls auch "ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln" (Art. 8 GG) - oder halt auf ihrer 200-PS-Kawasaki mit einem Endschalldämpfer von Akrapovič, der durchaus als Schallwaffe angesehen werden kann.

Schon im Vorfeld konnte man in zahlreichen Foren wie unter einer Lupe die Blitzpolitisierung noch der Unpolitischsten beobachten. Schließlich ist das Motorrad nicht trotz, sondern gerade wegen seiner herrlichen Idiotie ein Synonym für Freiheit. Ein gefährlicher Quatsch, der niemals auf die Straße dürfte, wäre er erst vorgestern erfunden worden und in Wahrheit älter noch ist als das Automobil. Ein Unsinn, den zu verbieten "die da oben" bisher vergessen haben.

So verwandelten sich die "zeitlich begrenzten Verkehrsverbote" in sozialen Netzwerken flugs in "Fahrverbote". Es folgten empörte Kommentare wie "Mit uns können sie's ja machen!", "Was wollen sie denn noch alles verbieten?" und "So fängt Diktatur an!1!". Immerhin wurde, wer gegen "das Merkel" und "grünes Gutmenschentum" wetterte, schnell in die Schranken gewiesen. Auch sind AfD-Sympathisanten, die auf der Empörungswelle surfen wollten, bald erkannt und aussortiert worden. Pegida ist, scheint’s, mit dem "Querschnitt der Bevölkerung" nicht zu machen.

Ein Motorradfahrer droht der Regierung mit Stimmentzug

Ein Motorradfahrer droht der Regierung mit Stimmentzug

Foto:

Roberto Pfeil/ dpa

Stattdessen führte das Aufbegehren gegen ein Fahrverbot (wegen Lärm) dazu, dass Zehntausende in den Innenstädten einen schrecklichen Lärm machten. Intuitiv keine Glanzleistung, performativ aber verständlich. Motorradfahrerinnen sind auch Wähler, und sie sind überdies Kunden beispielsweise jener Gastronomen und Herbergen in abgehängten Gebieten, die ohne diese Form von Knattertourismus nur noch landschaftsmusealen Wert hätten.

Augenfällig wurde am Samstag ein klassisches Problem, bei dem sozusagen Brösel gegen Kant steht: "Wir sind die Wilden und nicht zu zügeln, wenn wir über alle Pisten bügeln", sangen Torfrock in der "Werner"-Hymne "Beinhart" und bringen damit das rebellische Lebensgefühl des Motorradfahrers ganz gut auf den Punkt.

Immanuel Kant entgegnet, dass "die Freiheit des Einzelnen", sich beim Hochdrehen am Schlürfen seiner offenen Dell’Orto-Vergaser zu erfreuen, dort endet, wo "die Freiheit des anderen beginnt", etwa als Anwohner der betreffenden Pisten von derlei akustisch überschießender Lebensfreude unbehelligt zu bleiben.

Und aber halt auch umgekehrt - wie immer, wenn "berechtigte Interessen" miteinander kollidieren. Interessen übrigens, die der Bundesrat mit seinem Beschluss  "in einen fairen Ausgleich" bringen möchte.

Meine Freiheit, mit der Guzzi durch den Taunus zu bollern, steht demnach gar nicht zur Disposition. Es ginge darum, dass ich das Bollern verantwortungsvoll gestalte.

Es ist zur Kenntnis zu nehmen, dass das Wispertal nicht der Nürburgring ist. Es ist ratsam, sich an Tempolimits zu halten. Es ist freundlich, untertourig statt im ersten Gang durch Ortschaften zu fahren. Es gibt jenseits hormoneller Notwendigkeiten keinen Grund, im Stand vor einer Ampel am Gashahn zu drehen. Es ist gerade bei modernen Maschinen nicht nötig, sie nach jeder Spitzkehre bis in den roten Bereich zu drehen.

Demo gegen sich selbst

Es ist eigentlich ganz einfach. Wem tatsächlich an einem Miteinander gelegen ist, sollte zumindest in Erwägung ziehen, dass nicht jeder Anwohner das Gewittern seiner Harley für ein Geschenk der Götter hält. Andernfalls machen die Anwohner politischen Druck. So geht das.

Im Grunde haben die Motorradfahrerinnen und -fahrer am Samstag also gegen sich selbst demonstriert. Gegen die schwarzen Schafe in den eigenen Reihen, die mit Auspuffen aus dem florierenden Zubehörhandel herumgondeln. Gegen Hersteller, die ihre Produkte unnötig mit Auspuffklappen ausstatten – teilweise per Knopfdruck zu öffnen, damit's bei Bedarf schön "sinnlich" beziehungsweise "asozial" wird. Alles Punkte übrigens, die auf Automobile ebenso zutreffen. Oder, mit Einschränkungen, auf die Szene der sonntäglichen Laubbläser.

Anzusetzen wäre also nicht pauschal, sondern beim einzelnen Fahrer. Und bei einer Industrie, die sich in Sachen PS und dB seit Jahren ungehindert ein Wettrüsten liefert.

Bürokratische Hürden helfen nur bedingt. In Tirol haben die Behörden bereits streckenweise Einschränkungen durchgesetzt. Fahrverbote gelten dort für Maschinen mit mehr als 95 eingetragenen Dezibel. Die Ducati Multistrada, mit der die österreichische Polizei die Verbote durchsetzen muss, macht einen Lärm von 102 Dezibel. Ab Werk. 

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