SPIEGEL-Umfrage Große Mehrheit will Fahrverbote für laute Motorräder

Die Politik soll härter gegen Motorradlärm vorgehen, finden die meisten Deutschen - das zeigt eine SPIEGEL-Umfrage. Bisher blockiert Verkehrsminister Scheuer, doch auch die Mehrheit der Unionsanhänger ist für gezielte Streckensperrungen.

Zu Tausenden haben Motorradfahrer in ganz Deutschland zuletzt gegen Fahrverbote und andere Lärmschutzmaßnahmen protestiert, die genervte Anwohner schützen sollen. Es waren laute und machtvolle Demonstrationen, die offenbar auch Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beeindruckten. Er wolle "keine weiteren Verbote und Verschärfungen für Motorradfahrer", ließ der Politiker ein ums andere Mal ausrichten - und damit verschiedene Initiativen der Bundesländer gegen den Krach abprallen.

Doch offenbar gibt es eine schweigende, zumindest leise Mehrheit, die die Sache anders sieht: Rund 71 Prozent der Deutschen befürworten Fahrverbote für besonders laute Motorräder auf bestimmten Strecken - das hat eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Civey für den SPIEGEL ergeben.

Damit spricht sich der Großteil der Bevölkerung für eine Lösung aus, wie sie das österreichische Bundesland Tirol praktiziert. Dort dürfen viele Motorräder im Sommer einige beliebte Routen nicht mehr befahren - weder am Wochenende noch unter der Woche.

Betroffen sind Maschinen, die laut Zulassung ein Standgeräusch von mehr als 95 Dezibel aufweisen (Nahfeldpegel). Dazu zählen laut der Fachzeitschrift "Motorrad"  beliebte Modelle von Ducati, Harley-Davidson und BMW. Bei Verstößen droht Fahrerinnen und Fahrern ein Bußgeld von bis zu 220 Euro.

Zahlreiche Landkreise und Gemeinden wünschen sich ein ähnliches Modell für Deutschland. Allerdings fehlt eine gesetzliche Grundlage für derartige Fahrverbote. Minister Scheuer hat klargemacht, dass er diese nicht auf den Weg bringen werde.

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Dabei sieht es auch das Gros der Unionswählerschaft positiv, wenn Strecken für besonders laute Motorräder gesperrt würden - dafür sind ebenfalls 71 Prozent. Kritischer betrachten die Anhänger von FDP und AfD solche Fahrverbote. Doch auch bei ihnen überwiegen die Befürworter: Ihr Anteil beträgt knapp 54 Prozent bei den Liberalen und 48 Prozent (zu 45) bei den Rechtspopulisten. Am größten fällt die Zustimmung bei Sympathisanten der Grünen aus. Von ihnen wollen knapp 84 Prozent, dass laute Motorräder nicht mehr immer und überall fahren dürfen.

Zurückgewiesen hatte Scheuer zuletzt auch einen Vorstoß des Bundesrats, wonach beliebte Strecken am Wochenende für alle Motorräder gesperrt werden können. Besonders gegen dieses Ansinnen hatten die Motorradfahrer demonstriert.

Bisher ebenfalls erfolglos verlangt die Länderkammer deutlich schärfere Lärmschutzgrenzwerte für die Maschinen. Die avisierte maximale Lautstärke der Maschinen von 80 Dezibel (db/A) halten viele Fachleute indes für technisch nicht erreichbar, zumindest mit Verbrennungsmotoren. Auf den Wert kommt etwa ein vorbeifahrender Lkw.

Generell sollen die Lärmregeln für Motorradhersteller aber verschärft werden, fordern laut der Civey-Umfrage 74 Prozent der Deutschen. Bei den über 65-Jährigen sprechen sich sogar 85 Prozent dafür aus.

Zwar sieht der Gesetzgeber schon jetzt niedrige Grenzwerte vor. Allerdings müssen Hersteller nur bei realitätsfernen Tests nachweisen, dass ihre Maschinen diese einhalten. Auf der Straße sind die Bikes deutlich lauter. Für viele Fahrsituationen - dazu zählen hohe Geschwindigkeiten - sind gar keine Limits vorgesehen. Als Ärgernis gilt vielen Anwohnern auch nachträglich eingebautes Zubehör, das die Motorräder lauter macht. Viele dieser Vorrichtungen sind legal.

Dennoch wünschen sich gut 78 Prozent der Befragten mehr Kontrollen. So ließen sich zumindest mehr illegal getunte Maschinen aus dem Verkehr ziehen.

Für strengere Motorradregeln sprechen sich offenbar auch viele Bürger aus, die selbst kaum vom Lärm betroffen sind. Der Civey-Umfrage zufolge fühlen sich lediglich etwa 40 Prozent der Deutschen von Motorrädern sehr häufig oder eher häufig gestört - 53 Prozent hingegen selten oder nie.

Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.

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