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Specialized S-Works Stumpjumper: Teure Fahrradtechnik-Parade

Foto: Stefan Weißenborn

Specialized S-Works Stumpjumper im Test Das Berg-und-Talrad

Das Stumpjumper von Specialized war 1981 das erste Mountainbike für den Massenmarkt. Der Nachfolger S-Works will nun ebenfalls Maßstäbe setzen – und zeigen, wie der Wunsch nach einem E-Antrieb verfliegen kann.

Der erste Eindruck: Die Gabel goldfarben, Kette und Kassette Regenbogen-schimmernd – ansonsten nur Schwarz: Das Bike schluckt viel Licht. Optisch dick aufzutragen, hat das MTB aber auch nicht nötig.

Das sagt der Hersteller: Das Stumpjumper S-Works sei ein »performance-getriebener Allrounder«, lässt Specialized wissen. Klingt nach einem Widerspruch in sich.

Ist es aber nicht, so der Produzent. Trailbikes, auch All-Mountainbikes genannt, zu denen das Stumpjumper zählt, sind zwar Alleskönner. Doch von einem Kompromiss könne keine Rede sein: Das Rad sei ein Stück Hightech in allen Belangen.

Tatsächlich ist es konsequent auf Gewichtsreduktion getrimmt. Rahmen, Gabel, Felgen, Sattelstütze, Lenker, Teile am Dämpfer sowie die Kurbeln sind aus Carbon. Nur 12,2 Kilogramm wiegt das Testrad. Die Fahrwerkskomponenten zählen zum Besten, was Zulieferer Fox im Regal hat.

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Wir haben es also mit einem Rad für Hobby-Biker zu tun, die es ernst meinen: Die Specialized-Rennteams nutzen das S-Works für Probeläufe, dann ist es mit Telemetrie-Messtechnik ausgerüstet. »Ein Alpen Cross wäre ideal«, nennt ein Specialized-Sprecher einen ambitionierten, aber idealen Anwendungsfall: »Du kannst Berge und Pässe erklimmen, hast aber auch viel Spaß bei Abfahrten ins Tal.« Dazu passt der 1x12-Einfachantrieb mit einer Übersetzungsbandbreite von mächtigen 520 Prozent. Das größte Ritzel mit 52 Zähnen ermöglicht einen sehr leichten Berggang.

Federgabel und Rahmendämpfer lassen sich auf sehr komplexe Weise einstellen. Manche Kunden seien davon zunächst überwältigt. Allein die Ein- und Ausfederungseigenschaften der Gabel lassen sich über vier Rädchen justieren. Man müsse sich an den eigenen Fahrstil herantasten, heißt es beim Hersteller.

Specialized versteht das Bike nicht als Machbarkeitsstudie oder Imageträger. Manchen Kunden sei das S-Works der hohe Preis wert.

Das ist uns aufgefallen: Es gibt Spezialbikes, und es gibt spezielle Bikes. Für Spezialeinsätze gemacht sind etwa Downhill-Bikes mit langen Federwegen und flachem Lenkwinkel, geeignet für krasse Talfahrten. Oder die geschwindigkeitsoptimierten Cross-Country-Bikes, die Rennmaschinen unter den MTB. Das S-Works zählt zu den speziellen Rädern unter den Alleskönnern.

»Geiles Bike!«, ruft im Wald ein anderer Mountainbiker mehr dem Fahrrad als seinem Testfahrer entgegen. Offenbar hat er im Vorbeifahren das Gerät identifiziert, obwohl sich der schwarze »S-Works«-Schriftzug vom Rahmen kaum abhebt.

Datenblatt Specialized S-Works Stumpjumper

Rahmen

Carbon, sechs Größen

Schaltung

SRAM Eagle AXS, elektrische 12-fach-Funkschaltung; Kassette 10-52 Zähne, Kettenblatt: 30. Zähne

Bremsen

SRAM G2 Ultimate, hydraulische Vier-Kolben-Scheibenbremsen, 200 mm vorn, 180 mm hinten

Bereifung (hauseigen)

Butcher, GRID casing, 29x2.3" (vorn); Purgatory, GRID Casing, 29x2.3" (hinten)

Gewicht

12,2 Kilo (Größe S4, ohne Pedale)

Gabel

Fox Float 34 Factory, 140 mm Federweg

Rahmendämpfer

Fox Float DPS Factory, 130 mm

Radstand

1228 mm (Größe S4)

Kettenstrebenlänge

432 mm

Preis

9999 Euro

Das Stumpjumper S-Works fährt sich leichtfüßig, antrittsstark und auf Wunsch komfortabel wie eine Sänfte. Gabel (140 Millimeter Federweg) und Rahmendämpfer (130 Millimeter) schlucken Wurzeln und grobes Geröll in fast allen Lagen gut weg. Erst wenn Schläge rasch aufeinanderfolgend ins Fahrwerk knallen, lassen sie den Rahmen vibrieren.

Dank 29-Zoll-Reifen läuft das Bike ruhig, zugleich bleibt es quirlig. Der Rahmen gibt sich verwindungssteif. Jedes Watt, das die Waden in die Pedale geben, scheint das S-Works in Bewegung umzusetzen. Aber natürlich liegt der Wirkungsgrad nicht bei 100 Prozent, im Kettenantrieb bleibt Kraft hängen wie auch in der Dämpfung. Physikalisch muss das so sein, aber es fühlt sich anders an.

Das Trailbike kommt einem Allrounder nahe, der die Balance zwischen Kletter- und Abfahrtstalenten sucht. An Steigungen beginnt das Vorderrad erst spät zu schweben. Da bewährt sich die Rahmengeometrie mit nicht zu kurzen Kettenstreben, einer ziemlich aufrechten Sitzposition und moderatem Lenkwinkel: Je flacher dieser ist, desto weiter vorn befindet sich das Vorderrad und erschwert das Bergauffahren. Andererseits ist er mit 65 Grad flach genug, um Berge sicher hinabzusausen: Je flacher der Lenkwinkel, desto geringer die Gefahr, über den Lenker zu fliegen. Dabei vermittelt der breite Lenker viel Gefühl fürs Terrain.

Das muss man wissen: Das S-Works hat einen historischen Vorgänger. Das Stumpjumper ist das erste, in Großserie hergestellte MTB der Welt. Allerdings hat das heutige Modell nichts mehr mit dem Ur-Typ zu tun, der 1981 erstmals die Produktionsstätte des kalifornischen Herstellers verließ.

Zusammengetüftelte Mountainbikes gab es schon seit Anfang der Siebziger, als eine Erfinderclique um Gary Fisher mit umgebauten Cruisern die Berge im kalifornischen Marin County unsicher machte. Der erste echte MTB-Rahmen wurde wohl 1977 geschweißt.

Das Stumpjumper besaß zwar seinerzeit ungewöhnliche Profilreifen, die aber waren auf 26-Zoll-Laufräder gezogen und schmaler als die heute verbauten Gummis. Der Rahmen war aus Stahl, nicht gefedert, montiert war eine Starrgabel, der Lenker schmaler. »Das würde man so nicht mehr machen«, heißt es bei Specialized.

Ganz anders das 2021er S-Works Stumpjumper: Schaltzüge fehlen, die Schaltung nimmt Befehle via Funk entgegen. Gleiches gilt für die hydraulische Teleskopsattelstütze. Sie gibt nach Tastendruck dem Körpergewicht des Fahrers nach – für mehr Beinfreiheit bei steilen Fahrten ins Tal, wo der Sattel auf Funksignal hin wieder auf die Ausgangshöhe schießt. Dafür braucht es aber recht viel Strom: Je nachdem, wie oft man Schaltung oder Sattelstütze bedient, müssen die Akkus alle paar Wochen bis Monate aufgefrischt werden. Ein Ladegerät liegt dem S-Works bei.

All die Edelkomponenten treiben den Preis auf 9999 Euro. Das Stumpjumper gibt es aber in diversen Ausführungen und damit auch günstiger. Wer eine ähnliche Performance erwartet, aber auf Carbonräder und -kurbeln, Funkkomponenten oder den düsteren Schwarz-Look verzichtet, kann zum Stumpjumper Expert für 5499 Euro greifen. Es wiegt gut zwei Kilogramm mehr. Wem eine weniger komplexe Federgabel genügt, zahlt für das Stumpjumper Comp 3999 Euro. Das günstigste Stumpy mit Alurahmen, das Stumpjumper Alloy, kostet 2199 Euro.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Das S-Works Stumpjumper ist eine Wadenkraft-Verwertungsmaschine. Und ja, dank all der teuren Technik ist der Wunsch nach einem E-Mountainbike beim Fahrer schnell vergessen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels und der Bilderstrecke hieß es, der erste Stumpjumper von 1981 habe einen Rahmen aus Aluminium gehabt. Tatsächlich war der Rahmen aus Stahl.