Rabattaktion Neun-Euro-Ticket könnte im Chaos enden

Räumung überfüllter Züge, gesperrte Bahnhöfe: Die Bahngewerkschaft EVG warnt vor den Folgen des Neun-Euro-Tickets, das im Juni kommen soll. Schon jetzt seien manche Strecken überlastet.
Noch normal: Pendler- und Reiseverkehr vor Ostern am Hauptbahnhof von Frankfurt am Main

Noch normal: Pendler- und Reiseverkehr vor Ostern am Hauptbahnhof von Frankfurt am Main

Foto: Andreas Arnold / dpa

Das für den Sommer geplante Neun-Euro-Ticket könnte den öffentlichen Nahverkehr nach Einschätzung der Bahn-Gewerkschaft EVG in ein bislang nicht gekanntes Chaos stürzen. »Ich rechne mit Räumungen überfüllter Züge und wegen Überlastung gesperrten Bahnhöfen«, sagte der EVG-Vorsitzende Klaus Hommel am Mittwoch am Rande einer Vorstandssitzung seiner Gewerkschaft in Fulda. Kein Bahnunternehmen sei bislang ausreichend auf den zu erwartenden Andrang der Kunden vorbereitet.

Bundesverkehrsminister Volker Wissing hingegen nannte das Ticket »eine tolle Chance, ein tolles Angebot«. Der Nahverkehr als klimafreundliche Alternative werde dadurch sichtbarer, sagte der FDP-Politiker in Berlin. Das Angebot werde bundesweit gelten und könne auf einzelnen Strecken zu einer hohen Auslastung führen. »Aber wir wollen ja, dass wir mehr Nutzerinnen und Nutzer bekommen.«

Das Bundeskabinett billigte dazu am Mittwoch eine Gesetzesformulierung. Wissings Plänen zufolge soll das Ticket ab Anfang Juni für drei Monate gelten. Fahrgäste könnten dann für nur neun Euro im Monat bundesweit den Nahverkehr nutzen. Das ist Teil des zweiten Entlastungspakets der Bundesregierung wegen der sprunghaft gestiegenen Energiepreise.

Milliarden nur zum Schließen von Lücken

Der Bund will den Ländern 2,5 Milliarden Euro für die Einnahmeausfälle in den drei Monaten ersetzen, hinzu kommen 1,2 Milliarden Euro wegen coronabedingt gesunkener Fahrgastzahlen. Dieser Betrag ist 400 Millionen Euro geringer als zuvor vereinbart. Wissing will die drei Monate des Neun-Euro-Tickets nicht berücksichtigen. In dieser Zeit gebe es den Corona-Effekt nicht, außerdem kämen die neun Euro pro Ticket den Verkehrsbetrieben zugute und zugleich profitierten sie als große Dieselverbraucher auch vom zeitgleich beschlossenen Tankrabatt.

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Mehrere Länder pochen aber auf den ursprünglich vereinbarten Ausgleich. Außerdem fordern sie Hilfe für die Mehrkosten an Energie, unter anderem infolge des Ukrainekriegs: 1,5 Milliarden Euro laut einem Schreiben von Bremens Mobilitätssenatorin Maike Schaefer (Grüne), der Vorsitzenden der Verkehrsministerkonferenz.

Zudem ist all dieses Geld nur gedacht, um Lücken zu füllen. Für Ausbau und Modernisierung des Nahverkehrs hatte die Ampelkoalition höhere Regionalisierungsmittel ab 2022 zugesagt, im Bundeshaushalt bislang jedoch nicht eingeplant. Die Länder fordern drei Milliarden Euro jährlich.

Plan könnte im Bundesrat scheitern

Ohne die Zustimmung der Länder im Bundesrat kann das Neun-Euro-Ticket vermutlich nicht Anfang Juni angeboten werden. Wissing verwies auf Nachfragen auf das starke finanzielle Engagement des Bundes: »Alle können zufrieden sein.«

Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) warnte vor einer »Kosten- und Liquiditätsfalle«. Wenn die Finanzierung nicht zügig geklärt werde, könnten ausgerechnet zum Start des Neun-Euro-Tickets manche Betriebe gezwungen sein, »das Betriebsangebot zurückzufahren«. Zugleich betonte der VDV, man bereite die Aktion bereits mit Hochdruck vor, etwa mit einer zusätzlichen bundesweiten Ticketplattform.

Hotspots an touristischen Strecken

Auf touristisch attraktiven Strecken arbeiteten Busse und Bahnen schon ohne dieses Angebot an den Grenzen ihrer Kapazität, sagte Gewerkschaftschef Hommel. Er verwies auf Erfahrungen beim 1995 eingeführten Wochenend-Ticket der Deutschen Bahn, das damals zu einem sehr starken Andrang der Kunden geführt hatte, die auch längere Reisen mit den Nahverkehrstickets absolvierten. Einen ersten Tiefpunkt erwarte er schon zum Pfingstwochenende (4.-6. Juni), sagte der EVG-Chef.

Aktuell stünden nicht genug Fahrzeuge zur Verfügung, warnte die Gewerkschaft. »Die Züge von Dresden nach Bad Schandau sind schon jetzt jedes Wochenende überfüllt«, sagte Hommel. Weitere Hotspots seien die Rhein-Schiene sowie die Strecken Hamburg-Westerland und Mannheim-Bodensee. »Wir fürchten eine Überlastung des Systems bis hin zum Stillstand.« Bei den Bahnhöfen könnten nach EVG-Einschätzung unter anderem die Hauptbahnhöfe in Nürnberg und Ulm schnell an ihre Grenzen kommen. Ein besonderes Problem sei der Fahrrad-Transport, für den es keine ausreichende Infrastruktur gebe.

Das Bahnpersonal sei grundsätzlich hoch motiviert, die Kunden zu betreuen, sagte der Gewerkschafter. Es sei aber jetzt schon klar, dass zusätzliches Personal in den Zügen und an den Bahnsteigen benötigt werde. Die Unternehmen müssten sich schnell um Leiharbeiter bemühen und dem eigenen Personal in der Sommer- und Urlaubszeit Anreize setzen. Dafür seien ausreichende und schnell gezahlte Finanzmittel notwendig. Es bestehe auch die Gefahr, dass sich bei Problemen der Unmut der Fahrgäste gegen das Personal richte.

»Das Vorhaben der Ampelkoalition will Gutes erreichen, dabei wurden aber die Konsequenzen nicht bedacht«, meinte der Gewerkschaftschef. Er verlangte eine offene Kommunikation zu den anstehenden Problemen ebenso wie nachhaltige Investitionen in das Verkehrssystem. Für ein besseres Angebot und eine ökologische Verkehrswende müsse die Kleinstaaterei im Nahverkehr aufhören.

ak/dpa/Reuters
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