Nahverkehr Dauerhaft günstige Tickets gefordert

Was folgt auf das 9-Euro-Ticket? Umweltbundesamt, Linke und mehrere Verbände sehen den Zuspruch zur Rabattaktion für Bus und Bahn als Grund, eine langfristige Flatrate wie in Österreich einzuführen. Der Landkreistag hält dagegen.
Beliebte Aktion: Start des 9-Euro-Tickets am 1. Juni am Essener Hauptbahnhof

Beliebte Aktion: Start des 9-Euro-Tickets am 1. Juni am Essener Hauptbahnhof

Foto: Gottfried Czepluch / IMAGO

Aufgrund der hohen Nachfrage nach dem 9-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr fordert das Umweltbundesamt (UBA) auch nach Ende der Entlastungsmaßnahme im September vergünstigte Jahrestickets. »Die Idee, eine Flatrate für den ÖPNV in Deutschland in Form eines Deutschlandtickets zu haben, ist attraktiv«, sagte die UBA-Verkehrsexpertin Katrin Dziekan dem »Handelsblatt«  vom Mittwoch. Auch die Linke sprach sich für eine Verlängerung der Rabattaktion aus. Der Landkreistag äußerte hingegen Bedenken aufgrund der zu befürchtenden Einnahmeverluste.

Dziekan verwies im »Handelsblatt« auf das in Österreich umgesetzte Modell. Seit Oktober 2021 erlaubt dort das sogenannte Klimaticket die Nutzung des gesamten öffentlichen Nahverkehrs zu einem regulären Preis von jährlich 1095 Euro, nach dem Vorbild des 365-Euro-Tickets (ein Euro pro Tag) in der Stadt Wien. Eine solche Regelung »wäre aber mit erheblichen Kosten verbunden, für die eine ausreichende Finanzierung sichergestellt werden muss«, sagte Dziekan.

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Finanziert werden könnte ein solches Ticket demnach durch die Streichung klimaschädlicher Subventionen im Verkehrssektor. 2018 beliefen sich diese auf rund 30 Milliarden Euro. »Schätzungsweise würde diese Summe die Hälfte der Betriebskosten von Bus und Bahn in Deutschland decken«, sagte Dziekan. Zu den teuersten umweltschädlichen Subventionen zählt das UBA  den ermäßigten Diesel-Steuersatz, die Energiesteuerbefreiung für Kerosin, die Pendlerpauschale, das Fehlen einer Mehrwertsteuer auf internationale Flüge und das steuerliche Dienstwagenprivileg.

Zehn Prozent mehr Fahrgäste

Auch der Linken-Verkehrspolitiker Bernd Riexinger forderte im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets. »Das Pfingstwochenende hat gezeigt, dass es einen Riesenbedarf an günstigen Ticketpreisen gibt«, sagte Riexinger.

In den Großstädten habe sich die Zahl der Fahrgäste um rund zehn Prozent im Vergleich zu den Tagen zuvor erhöht, erklärte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). »Aber das zur Verfügung stehende Angebot reichte aus, um einen reibungslosen Betrieb zu gewährleisten.« Am Pfingstwochenende seien viele Züge auf touristischen Strecken überlastet gewesen. »Zeitweise mussten zudem an den großen Bahnknoten wie in Köln, Hamburg oder Berlin Bahnsteige wegen des großen Andrangs gesperrt werden.« Räumungen oder Teilräumungen von Fahrzeugen blieben demnach aber »die absolute Ausnahme«. Das deutlich erhöhte Fahrgastaufkommen über Pfingsten mache deutlich, »dass wir dringend die nötigen Investitionen in den Ausbau, in die Modernisierung und für Kapazitätserweiterungen unserer Angebote benötigen«.

Auch die Deutsche Bahn blickte »insgesamt auf einen geregelten Pfingstverkehr zurück«, jedoch mit »regionalen Auslastungsspitzen«. Mit 86.000 Zugfahrten sei bei DB Regio über das lange Wochenende »alles gerollt, was rollen kann«, teilte der Chef der Konzernsparte, Jörg Sandvoß, mit. Er sprach von einem Kraftakt der Mitarbeiter. Das 9-Euro-Ticket gilt auch als Werbeaktion, um Menschen zu einem dauerhaften Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn anzuregen.

Landkreistag fordert Geld für Ausbau statt Rabatt

»Es wäre jedoch ein Witz, wenn nach drei Monaten die Preise, auch wegen der hohen Energiekosten, überdurchschnittlich steigen«, so Linkenpolitiker Riexinger. Die Partei fordert, das 9-Euro-Monatsticket bis zum Jahresende zu verlängern und danach ein Jahresticket für 365 Euro einzuführen. Die Finanzierung des ÖPNV müsse auf eine neue Grundlage gestellt werden. »Die Ampel muss hier liefern. Ich begrüße, dass der Städte- und Gemeindebund, Umweltorganisationen, Gewerkschaften, Sozialverbände sich für einen kostengünstigen ÖPNV aussprechen«, fügte Riexinger hinzu. Ein 365-Euro-Jahresticket ergänzt durch kostenlose Tickets für Schüler, Auszubildende, Studenten sowie Haushalte mit geringem Einkommen sei »eine gute Idee als Anschlussmodell«.

Der Deutsche Landkreistag warnte indes vor den hohen Einnahmeausfällen durch eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets. Ziel aller Maßnahmen müsse ein attraktiver Nahverkehr sein, sagte Landkreistagspräsident Reinhard Sager dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Das erreichen wir nicht durch Fortschreibung des 9-Euro-Tickets.«

Für den Ausbau des Angebots fehlten finanzielle Mittel, eine Fortsetzung des 9-Euro-Tickets werde die Finanzlücken weiter vergrößern. »Insofern gefährdet es unsere eigentlichen Ziele und ist auf Dauer schlichtweg unbezahlbar«, sagte Sager. Er forderte »eine stabile ÖPNV-Finanzierung und eine deutliche Erhöhung der ÖPNV-Mittel«. Diese müsse »die großen Sanierungs- und Ausbaubedarfe auf Straße und Schiene und die massiv gestiegenen Bau-, Personal- und Energiekosten« berücksichtigen. Bund und Länder streiten über die Finanzierung des Nahverkehrs. Das Bundesverkehrsministerium will die vorhandenen Kapazitäten lieber stärker auslasten, statt sie im großen Stil auszubauen. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe soll bis zum Herbst Vorschläge liefern.

ak/AFP/dpa
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