Sorgen wegen Billigfahrschein Verkehrsunternehmen rechnen mit 30 Millionen Neun-Euro-Ticket-Nutzern

Busse und Bahnen könnten von Juni an proppevoll werden. Verkehrsexperten warnen nun vor verschiedenen unerwünschten Folgen des Flatrate-Fahrscheins. Und die Betreiber rufen um Hilfe – vor allem wollen sie mehr Geld.
Noch ist Platz: Passagierin mit Fahrrad in der Berliner S-Bahn

Noch ist Platz: Passagierin mit Fahrrad in der Berliner S-Bahn

Foto: Sabine Brose / Frank Sorge / IMAGO

Für die geplanten Neun-Euro-Monatstickets für Busse und Bahnen im Sommer fordern die Betreiber deutlich mehr Geld vom Staat. Mit den vom Bund bisher zugesagten 2,5 Milliarden Euro ließen sich nur Einnahmeausfälle ausgleichen, hieß es vom Bundesverband Schienennahverkehr als Organisation der regionalen Verkehrsverbünde am Montag in einer Bundestagsanhörung. Es werde aber auch Mehraufwand im Betrieb entstehen – etwa für zusätzliches Personal und Fahrzeuge. Das werde »ein gigantischer Akt«, sagte der stellvertretende Geschäftsführer Robert Dorn.

Der Verband der Verkehrsunternehmen schätzt die Zahl der Ticketnutzer auf ungefähr 30 Millionen pro Monat. Allein der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr schätzt nach einer Umfrage, dass 2,5 bis 3 Millionen Menschen das Ticket kaufen werden – die Hälfte aller Erwachsenen, die bisher kein Abo haben, plus eine Million Stammkunden, deren Abo sich auf neun Euro verbilligt. Für das Risiko, dass für noch mehr Fahrgäste als erwartet höherer Aufwand entsteht, fordert die Branche eine »Nachschusspflicht« des Bunds. Es handele sich um ein großes Experiment.

Die Frage sei auch, was nach den drei Monaten passiere. Die Tickets seien so unschlagbar günstig, dass es im September natürlich einen Preissprung geben werde – schon durch die Rückkehr zu den aktuellen Tarifen. Zugleich müssten die Anbieter mehr für Energiekosten bezahlen. Daher seien längerfristige Finanzzusagen für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nötig.

Die Sondertickets sollen im Juni, Juli und August bundesweit Fahrten im Nah- und Regionalverkehr ermöglichen – für je neun Euro im Monat, also viel günstiger als normale Monatskarten. Dies ist Teil des Entlastungspakets der Ampelkoalition wegen der hohen Energiepreise. Zugleich soll es ein Schnupperangebot sein, um Kunden anzulocken.

Fahrradmitnahme unsicher

Ob die Aktion tatsächlich eine Werbung für den Nahverkehr wird, bezweifeln manche Branchenkenner angesichts des erwarteten Andrangs. Es zeichnet sich bereits ab, dass es in vielen Zügen eng werden dürfte und die Fahrradmitnahme womöglich zum Problem wird.

Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) warnte nun davor, diesen Service während der Neun-Euro-Aktion einzuschränken. Das hatte der Fahrgastverband Pro Bahn gefordert. Die Sommermonate seien die Hauptsaison für den Radtourismus, teilte der ADFC am Montag mit. Im Gesamtjahr 2021 seien mehr als fünf Millionen Menschen für Tagesausflüge mit dem Rad oder für Radreisen mit der Bahn angereist.

»Es wäre auch klimapolitisch eine Katastrophe, wenn man all diese klimafreundlich Reisenden 2022 zwingen würde, mit dem Auto statt mit der Bahn zum Ostseeküstenradweg, ins Allgäu oder an den Bodensee zu fahren.« Die Deutsche Bahn rechnet mit sehr vollen Zügen und rät von der Fahrradmitnahme ab. Die Mitnahme könne nicht garantiert werden, teilte sie mit.

Der ADFC äußerte sich anlässlich der Anhörung im Verkehrsausschuss des Bundestags generell skeptisch zum Neun-Euro-Ticket. »Es ist zu kurzfristig und kein nachhaltiges Angebot, denn an der schlechten ÖPNV-Verfügbarkeit besonders in ländlicheren Regionen ändert das günstige Ticket natürlich nichts«, sagte Bundesgeschäftsführerin Ann-Kathrin Schneider. Wichtiger sei es, den öffentlichen Verkehr längerfristig günstiger zu machen und das Angebot zu verbessern und auszubauen.

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Bayern droht mit Blockade im Bundesrat

Die Forderung, der Bund müsse deutlich mehr Geld für Ausbau und Modernisierung des ÖPNV nachschießen, unterstrichen praktisch alle Expertinnen und Experten in der Bundestagsanhörung. Andernfalls drohe das Neun-Euro-Ticket »zum Sargnagel des privaten Busgewerbes« zu werden, warnte Christiane Leonard, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer. Als Ausgleich für drastisch teurere Energie wären eigentlich Tariferhöhungen nötig. Zudem würden mehrere Nahverkehrszüge durch Umsteigen zu Fernreisen kombiniert. Dieses Angebot »kannibalisiere« Busreisen, mit denen die Unternehmer im Sommer sonst Geld verdienten. Ab dem Herbst seien daher Insolvenzen und Streckenschließungen besonders auf dem Land zu befürchten.

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Eine »Schlagseite der Debatte« beklagte Matthias Stoffregen vom Bahn-Wettbewerberbündnis Mofair: Es sei problematisch, den Autoverkehr mit einem Tankrabatt von 3,2 Milliarden Euro und den öffentlichen Verkehr mit einer rund drei Milliarden Euro teuren Rabattaktion anscheinend gleich zu behandeln. Die Schiene werde von höheren Energiekosten viel stärker getroffen, weil aktuell vor allem Börsenstrompreise explodierten – und müsste stärker gefördert werden, um fossile Energieträger zu meiden. Dennoch setze die Nahverkehrsbranche »alles daran, das Neun-Euro-Ticket zu einem Erfolg zu machen«. Denn »wenn es ein Katalysator für mehr Fahrgäste wird, haben wir alle gemeinsam viel gewonnen«.

Bundestag und Bundesrat sollen das Finanzierungsgesetz für das Ticket in dieser Woche beschließen. Aus den Ländern wurden aber erneut Forderungen nach mehr Geld und Warnungen vor einem Scheitern laut. Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) drohte mit einer Blockade am Freitag im Bundesrat. Die Länder verlangen, dass der Bund die Regionalisierungsmittel deutlich erhöht, mit denen Länder und Verbünde Verkehrsleistungen bei den Anbietern bezahlen. Die Deutsche Bahn hatte den Verkaufsstart für das Ticket für den 23. Mai angekündigt – wenn das Gesetz durchkommt.

ak/dpa-afx
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