Haltbare Fahrzeuge und ihre Besitzer Lang lebe das Auto

Wozu ein neues Auto, das alte fährt doch! Viele Menschen sind in ihren Wagen seit 30 Jahren oder länger unterwegs und haben Hunderttausende Kilometer abgerissen. Hier verraten sie, wie sie das geschafft haben.
Der BMW 2002ti ist seit mehr als 50 Jahren in Händen der Familie Nitzsche. Heute pflegt ihn Carsten, aber der 88 Jahre alte Onkel Gisbert erbat sich bei der Übergabe eine »gelegentliche Nutzung« des pfeilschnellen Oldtimers.

Der BMW 2002ti ist seit mehr als 50 Jahren in Händen der Familie Nitzsche. Heute pflegt ihn Carsten, aber der 88 Jahre alte Onkel Gisbert erbat sich bei der Übergabe eine »gelegentliche Nutzung« des pfeilschnellen Oldtimers.

Foto: Jörg Wellmann

Opel Kadett, dieser Name weckt bei vielen Menschen Kindheitserinnerungen. Und wer erinnert sich noch an den Volvo 240 – diesen fahrenden Ziegelstein, die Karosserie wie mit dem Lineal gezeichnet? Diese Modelle waren vor 35 Jahren populär, heute sind sie längst aus dem Straßenbild verschwunden.

Oder doch nicht? Zumindest manche Menschen fahren diese Autos immer noch. Sie können – oder wollen – sich nicht von ihren automobilen Gefährten aus dem vergangenen Jahrhundert trennen. Da kann die Automobilindustrie noch so moderne Vehikel mit immer ausgefeilteren Antriebs- und Assistenzsystemen entwickeln.

So wie Marion Jaenike. Die Bremerin fährt ihren VW Golf 2, Baujahr 1989, seit mehr als drei Jahrzehnten. Im Frühjahr 1990 wurde der Wagen erstzugelassen, Jaenike kaufte den Golf damals neu, nachdem sie lange darauf gespart hatte. »Ich bin kein Autofreak«, sagt die pensionierte Krankenschwester.

Doch über die Jahre wuchs ihr der Golf so ans Herz, dass ein Neuwagen für sie heute nicht mehr infrage kommt – auch aus Gründen der Nachhaltigkeit. Ihr VW mag alt sein, aber er steht technisch prima da. Rost ist kein Thema, auch weil Jaenike ihrem Wagen stets einen Tiefgaragenplatz gönnte.

Nach dem Bericht meldeten sich viele andere SPIEGEL-Leser, die ihr Auto seit einem Vierteljahrhundert oder länger fahren. Nicht alle haben einen Garagenplatz. Doch so etwas wie ein Erfolgsrezept für ein langes Autoleben scheint es doch zu geben: Dazu gehört eine regelmäßige Wartung und Rostvorsorge. Und tendenziell lieber Langstrecke fahren als nur kurz zum Supermarkt. Hier sind sieben Modelle, die einfach nicht totzukriegen sind.

Fiat Regata Weekend (1985)

Foto: Christian Wolk

Gegen einen VW Golf 2 war der Fiat Regata schon vor 35 Jahren ein Exot, erst recht als Kombiversion Weekend. 1985 kauften sich die Eltern von Christian Wolk den Fiat als Neuwagen in einem Bremer Autohaus. Wolks Vater hatte seinen ersten Fiat – einen 127 – im Jahr 1976 gekauft und seitdem eine Leidenschaft für italienische Autos. »Das Autohaus musste vor etlichen Jahren einem Supermarkt weichen«, berichtet Christian Wolk. Der Regata sei dagegen noch immer im Erstlack und ungeschweißt. »Und das, obwohl er rund 190.000 Kilometer in seinem zehnjährigen Alltagseinsatz bewältigt hat.«

Besonders an dem 75 PS starken Motor ist die elektronische Zündung im Zusammenspiel mit einem herkömmlichen Vergaser. »Somit muss man im Kaltstart noch den klassischen Choke nutzen, aber die Zündung arbeitet bereits elektronisch, also ohne Unterbrecherkontakt«, berichtet Christian Wolk. 1995 ließen seine Eltern den Regata in seine wohlverdiente Rente gehen. Seitdem wird der Wagen nur noch zu besonderen Anlässen wie Oldtimertreffen bewegt, dafür genügt das rote 07er-Kennzeichen. Dort ist der seltene Kombi mit der zweigeteilten Heckklappe eine Attraktion. Weniger als zehn Fiat Regata mit dieser Schlüsselnummer sind bundesweit noch zugelassen.

Opel Vectra A (1994)

Foto: Harald Wolf

»Opel, der Zuverlässige«, hieß es früher im Volksmund. Das kann Harald Wolf bestätigen. Er fährt seit mehr als einem Vierteljahrhundert einen Opel Vectra A 2.0 von 1994. »Wir hatten vorher schon drei Omega A mit der exakt gleichen Motorisierung und nutzen den Vectra nicht zuletzt wegen diesem grundsoliden Zwei-Liter-Motor von Opel sehr gerne«, berichtet Wolf. Seine Treue für Opel liegt mehr als nahe: Seine Frau und er wohnen in Rüsselsheim, wo der Hersteller seinen Sitz hat.

Gekauft hatte den Vectra 1994 Harald Wolfs Vater. 2012 gab der Senior das Fahren aus Altersgründen auf. »Meine Frau und ich haben den Wagen dann von ihm für symbolische 100 Euro übernommen«, erinnert sich Sohn Harald. 138.000 Kilometer habe der Opel problemlos abgespult, auf Langstrecke ging es bis nach Südfrankreich und in die Bretagne. Klar, Ölwechsel, Zahnriemenwechsel und andere notwendige Wartungsarbeiten fänden regelmäßig statt: »Aber wir hegen und pflegen den Vectra in keiner Weise, sondern nutzen ihn einfach nur als Gebrauchsfahrzeug.« Drei Jahre noch, dann winkt das H-Kennzeichen für diesen anspruchslosen Daily Driver.

Nissan Primera (1991)

Foto: Karl Hermann

In Berlin war gerade erst die Mauer gefallen, als Karl-Hermann Reith seinen Neuwagen bei einem Händler im Stadtteil Charlottenburg bestellte. Es war ein Nissan Primera, damals ein brandneues Modell der Japaner, der Nachfolger des Bluebird. Dabei wollte Reith eigentlich keinen Nissan. »Ich wollte einen Saab! Wie mein Vater«, sagt Reith. Doch der Vater hatte mit seinem reparaturanfälligen Auto aus Schweden oft Probleme. Der Primera des Sohnes erwies sich dagegen als robust: Der Motor schaffte 350.000 Kilometer ohne Mucken, bis auf die üblichen Verschleißteile wie Bremsscheiben oder Auspuff fielen praktisch keine Reparaturen an.

»Der Katalysator ist original von 1991 und schaffte bisher immer die ASU«, berichtet Karl-Hermann Reith. 2004 kauften er und seine Frau sich in Vorpommern einen kleinen Bauernhof. Der Primera kam mit und wurde dort zugelassen. Die Limousine sah auf Reisen aber auch Schottland, Italien, das Baltikum und sogar die Kanaren. Da liegt es nahe, dass man sich von so einem treuen Begleiter nicht mehr trennen möchte. Wobei: Wenn Nissan den Fast-Oldtimer für einen guten Preis in Zahlung nimmt, würde Karl-Hermann Reith sich doch von dem Primera trennen, wie er gesteht: »Gegen einen Nissan Leaf Elektrowagen.«

BMW 2002ti (1969)

Foto: Jörg Wellmann

Fahrer von modernen Mittelklassewagen schauen verdutzt, wenn Carsten Nitzsche aus Hameln sie mit seinem Uralt-BMW auf der Landstraße vernascht. Kenner reagieren begeistert. Bei dem Oldie von 1969 handelt es sich um einen BMW 2002ti, einst eine Rakete auf deutschen Straßen. Onkel Gisbert Nitzsche suchte damals ein passendes Fahrzeug für seine Motorsport-Aktivitäten. Mit dem 2002ti fand er die ideale Basis: Serienmäßig schon gut unterwegs, wurden alle bei Alpina verfügbaren Optionen verbaut: Motor in der höchsten Leistungsstufe (eine Prüfstandmessung ergab 173 PS) mit Schmiedekolben, Halbkugelbrennraum, 300-Grad-Nockenwelle und 45er Weber-Doppelvergaser. Dazu kamen Spezialitäten wie Abarth-Auspuffanlage, Koni-Fahrwerk und innenbelüftete Scheibenbremsen vorn.

Die gab es im 02er von BMW eigentlich erst im 1973 vorgestellten Turbo. Über dessen brachialen Auftritt debattierte sogar der Bundestag, weil er so gar nicht zur Ölkrise passte. Gisbert Nitzsche vermachte seinen 2002ti im Jahr 1999 dann seinem Neffen Carsten, damals wurde der BMW mit seinen 30 Jahren zum Oldtimer geadelt. Heute ist der Wagen 52 Jahre alt, aber immer noch bestens in Form. Onkel Gisbert hatte den 2002ti schon als Neuwagen gegen Rostbefall hohlraumversiegeln lassen, was 1969 sehr unüblich war. »So ist er in der 02-Szene bekannt als einziger unrestaurierter 02 in Familienbesitz«, sagt Neffe Carsten Nitzsche.

Volvo 245 (1989)

Foto: Eric Eisbrenner

Die DDR-Führung wäre lieber Mercedes gefahren, doch Autos vom Klassenfeind waren tabu. Man entschied sich für Volvo. Auch der 245 GL von Eric Eisbrenner aus Berlin stammt aus der ehemaligen DDR-Regierungsflotte. Im März 1990 erwarb Eisbrenner den fast neuen Kombi beim VEB MBH (Maschinenbauhandel) der damals noch real existierenden DDR. »Der Wagen ist für das Ministerium für Außenwirtschaft gefahren«, berichtet Eisbrenner, der im Stadtteil Prenzlauer Berg lebt. Dort parken heute viele großvolumige SUV am Straßenrand, auch als »Pampers-Bomber« geschmäht.

Die nahe gelegene Gethsemanekirche war zu Ostzeiten ein subversiver Sammelpunkt für Oppositionelle und die Bürgerbewegung. Eric Eisbrenner hatte seinerzeit über den MBH schon einen für DDR-Bürger höchst exklusiven Audi 100 erwerben können. »Da lag es für mich nahe, einmal vorbeizuschauen, ob nicht etwas aus der Regierungsflotte für mich dabei war«, erinnert er sich. So entdeckte er den Volvo 245 GL mit Automatikgetriebe, Anhängerkupplung, Klimaanlage und anderem Luxus. Viele Jahre später hätte Eisbrenner bei der staatlichen Abwrackprämie den Volvo fast einmal weggeben, denn im Heckbereich blühte der Rost. Doch ein Freund riet dem Berliner, den Wagen zu behalten. Eisbrenner ließ die Rostschäden beheben und spendierte seinem Volvo sogar eine neue Lackierung. Der Wagen dankte es ihm stets mit Zuverlässigkeit: »Er musste noch nie abgeschleppt werden.«

Opel Kadett GTE (1983)

Foto: Achim Gerstenberg

Opel Kadett, das hieß meist Brot-und-Butter-Auto. Achim Gerstenberg aus Rheinhessen verlangte dagegen das Spitzenmodell, als er 1983 ein Autohaus in Ingelheim betrat: einen Kadett GTE. »Den musste ich unbedingt haben, den Top-Kadett von Opel«, sagte sich der damals 24-Jährige. Der GTE war gerade neu auf dem Markt und sollte dem VW Golf GTI Konkurrenz machen. 115 PS, mit fünf Gängen handgerührt, gerade einmal tausend Kilogramm schwer: Das versprach Fahrspaß pur. »So war’s dann auch, zügig ging's dann um die Kurven, heute noch mit rund 160.000 Kilometern auf der Uhr«, schwärmt Gerstenberg.

Was längst vergessen ist: Mit mehr als zwei Millionen Stück war der Kadett D ein Opel-Bestseller. Vor allem wegen Rostproblemen sind gut erhaltene Veteranen heute selten. Das betrifft aber auch andere Autos aus dieser Zeit. Er selbst tat gut daran, den Kadett GTE direkt nach dem Kauf eine Hohlraumkonservierung zu spendieren. Dazu kam liebevolle Pflege, sodass der Opel fast 40 Jahre in einem hervorragenden Zustand überlebte. Aktuell befinde sich der Oldie im Winterschlaf, so Gerstenberg. Er freut sich schon auf den Frühling, dann darf sein Kadett wieder auf die Piste. »Heute bin ich über 60, und jedes Mal, wenn ich den Kadett fahre, fühle ich mich 35 Jahre jünger.«

BMW 325i Cabriolet (1988)

Foto: Andreas Eberlin

Auch Andreas Eberlin freut sich auf den Sommer, denn Schnee und gesalzene Straßen würde er seinem BMW 3er Cabriolet niemals antun. Seit 1988 fährt der Versicherungsmakler aus dem Schwarzwald den sportlichen und zugleich eleganten 325i der Baureihe E30 – gewissermaßen als Visitenkarte auf vier Rädern. Klassikerfans schätzen die Laufkultur des Reihensechszylinders alter Schule, der sonore 170 PS bietet. Dazu bestellte Eberlin seinerzeit eine schwarze Lederausstattung und die Sonderlackierung »Hennarot«, die eigens in der Sportabteilung von BMW – also bei M-Technik – erfolgte.

Seit dieser Zeit wird der BMW nur im Sommer und mittlerweile auf 127.000 Kilometern unfallfrei bewegt. »Die Zeit der Familiengründung überstand er dann als Zweitfahrzeug zum Glück – im Gegensatz zu vielen anderen Fahrzeugen – ohne Verkauf«, berichtet Andreas Eberlin. Die Treue zahlte sich für ihn aus, im wahrsten Wortsinn. Speziell die Cabriolets der zeitlos gezeichneten 3er-Baureihe E30 sind heute als Klassiker so begehrt, dass Eberlins betagter 325i sich wieder Richtung Neupreisniveau bewegt. Liebhaber zahlen für gute Exemplare inzwischen 25.000 Euro und mehr. Aber Andreas Eberlin möchte ja gar nicht verkaufen.

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