Ausgleich für hohe Spritpreise Wie das neue Neun-Euro-Ticket funktionieren soll

Mit einer Rabattaktion will die Bundesregierung die Bürger in Bus und Bahn locken. Wie weit können sie mit dem Neun-Euro-Monatsticket fahren, und worüber streitet sich die Politik noch? Der Überblick.
Fahrgäste steigen an der Station Hauptwache in Frankfurt am Main in die U-Bahn

Fahrgäste steigen an der Station Hauptwache in Frankfurt am Main in die U-Bahn

Foto: Hannes P. Albert / dpa

Die Preise für Kraftstoff haben seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine erheblich zugelegt. Zur Entlastung will die Bundesregierung eine einmalige Aktion umsetzen: Es soll ein Bus- und Bahnticket eingeführt werden, mit dem die Bundesbürger erheblich günstiger als bisher pendeln und auch eingeschränkt reisen können. Und natürlich soll das Ticket, das die Verkehrsbranche überrascht hat, den Kraftstoffverbrauch im Land senken. Das Neun-Euro-Ticket wird voraussichtlich ab dem 1. Juni erhältlich sein, es gilt aber nur für den Nah- und Regionalverkehr. Lange rangen Bund und Länder um die Umsetzung des Angebots. Doch jetzt stehen Einzelheiten fest – ein Überblick:

Immer auf dem Laufenden bleiben?

Fahrberichte, Analysen, aktuelle Nachrichten: So verpassen Sie keine Artikel aus der Rubrik Mobilität des SPIEGEL.

So aktivieren Sie Ihre Benachrichtigungen

Was kann das Sonderticket?

Mit einem Betrag von nur neun Euro monatlich sollen Reisende nicht nur den täglichen Weg zur Arbeit und zurück oder zum Einkaufen bewältigen können, sondern mit Bussen, S- und U-Bahnen sowie Regionalzügen auch Reisen ans Meer oder in die Berge bewerkstelligen können. Ganz so, wie es der Nah- und Regionalverkehr in der Republik erlaubt. So ist etwa eine Reise mit einer Regionalbahn zwischen Hamburg und Berlin möglich. Denn das Ticket gilt unabhängig von einzelnen Verkehrsverbünden für ganz Deutschland, allerdings nur für den Regionalverkehr, nicht aber für den Fernverkehr der Deutschen Bahn. Fahrten im öffentlichen Nahverkehr sind damit ebenfalls möglich, ein Kunde aus Hamburg kann damit auch den ÖPNV etwa in Berlin nutzen. Das Ticket soll ersten Angaben zufolge 90 Tage angeboten werden. Für alle drei Monate würden also 27 Euro fällig.

Ab wann gilt das Ticket?

Der Start der Aktion war zunächst für Anfang Mai anvisiert, wurde dann aber um einen Monat verschoben. »Wir sollten es nicht zu sehr in den Sommer verlagern, denn wir wollen ja jetzt in der akuten Situation einen Anreiz zum Energiesparen setzen«, hatte Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) gesagt. Deshalb gilt die Aktion nun vom 1. Juni bis Ende August, und zwar »monatsscharf«, wie es hieß. Das bedeutet: Wenn jemand das Ticket zum Beispiel Mitte Juni kauft, gilt es bis Ende Juni. Die Monatskarte verlängert sich nicht automatisch. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) rechnet nach einer ersten vorsichtigen Schätzung damit, dass insgesamt 30 Millionen alte und neue Fahrgäste das Ticket nutzen werden. Man sprach aber von einem großen Experiment.

Wo kann man das Ticket kaufen?

Der Verkauf des günstigen Tickets soll in erster Linie über die Verkehrsunternehmen vor Ort laufen. Die Tickets werden dort online oder über die Navigator-App der Deutschen Bahn und am Schalter erhältlich sein. Neben den Kundenzentren kann es entgegen ersten Angaben auch über Fahrkartenautomaten erworben werden. Wissing hatte eine Umstellung von Fahrkartenautomaten zunächst für unsinnig gehalten. Geplant ist laut VDV auch eine bundesweite App. Der Verband plant eine bundesweite Informationskampagne auch mit einer digitalen Plattform.

Wie wird das Ticket finanziert?

Die Pläne der Ampelkoalition für das Monatsticket waren am Dienstag auch Thema in Verhandlungen von Bund und Ländern über ein Finanzpaket für die Stützung und Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Dass der Bund die Kosten von 2,5 Milliarden Euro für das Ticket übernimmt, war unstrittig. Das Geld müsse aber vor dem Start über die Länder bei den Unternehmen und Verbünden sein, so der VDV. In Länderkreisen hieß es, schwierig seien vor allem die Verhandlungen über eine Summe von 1,5 Milliarden Euro – dieses Geld fordern die Länder, damit etwa gestiegene Energiepreise für die Verkehrsunternehmen kompensiert werden. Damit soll auch verhindert werden, dass andere Ticketpreise erhöht werden müssen.

Gibt es Bedenken oder Kritik?

Ja. Manche Expertinnen und Experten vermuten Überlastungen. Das Ticket soll am 1. Juni starten, das ist ein Mittwoch – am Wochenende darauf ist Pfingsten. Der Fahrgastverband Pro Bahn prognostiziert Probleme bei der Umsetzung und rechnet mit überfüllten Zügen auf touristisch beliebten Strecken. Um die Idee reibungslos umzusetzen, müssten mehr Züge bereitgestellt werden, so Pro-Bahn-Sprecher Karl-Peter Naumann. Ähnliches fordern auch regionale Fahrgastvereinigungen wie die »Aktion Münchner Fahrgäste«. VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff sagte, falls es zu übervollen Zügen komme, sei es schwierig, zusätzliche anzubieten. »Mit diesem Umstand werden Bund und Branche gemeinsam umgehen müssen.« Es gebe schlicht nicht mehr Kapazitäten.

Grundsätzlich bezeichnete Pro Bahn das geplante Sonderticket als guten Ansatz zur Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs, beklagte aber, dass das Ticket nur für den Regionalverkehr gelten solle und nicht für ICE, IC oder EC. Fernpendler gingen leer aus, dabei litten auch sie unter den hohen Energiekosten. Doch generell wird das Ticket als wichtiger Beitrag gesehen, der die infolge der Coronapandemie gesunkenen Fahrgastzahlen wieder ansteigen lassen kann.

Wie geht man mit Inhabern von Monats- oder Jahreskarten um?

Wer für das laufende Jahr bereits eine Rabattkarte – beispielsweise über seinen Arbeitgeber – besitzt oder ein Abo für den öffentlichen Nahverkehr in seiner Region, der hat möglicherweise schon dafür bezahlt. Nun können diese Kundinnen und Kunden die Kosten teils erstattet bekommen. Für Abonnentinnen und Abonnenten von Monatstickets soll es deshalb laut VDV einen Treuebonus ihres Verkehrsverbundes geben. Abokunden müssen sich den Angaben nach um nichts kümmern, die Rückzahlung soll automatisch erfolgen – etwa über eine Verringerung des Bankeinzugs oder eine Gutschrift. Darüber werden sie bald von ihrem Anbieter benachrichtigt, denn die Organisation ist Sache der jeweiligen Verkehrsunternehmen. Für Neukunden soll das Ticket ein Schnupperangebot sein. Sie sollen, sofern sie dem zustimmen, von den Verkehrsunternehmen Anschlussangebote bekommen. Und auch die Vorteile ihres jeweiligen Tickets bleiben trotz des Neun-Euro-Tickets erhalten. Das kann beispielsweise die Mitnahme von anderen Personen an Wochenenden betreffen.

Noch ist allerdings keine endgültige Entscheidung zu dem Ticket gefallen. Die Verkehrsverbünde arbeiten noch immer an Details zu einer Regelung mit Bund und Ländern. Denn auch der gesetzliche Rahmen muss geschaffen werden: Notwendig ist eine Änderung des Regionalisierungsgesetzes, auf dessen Basis Regionalisierungsmittel vom Bund an die Länder gezahlt werden zur Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs. Der Zeitplan ist eng, bis zum 20. Mai müssten Bundestag und Bundesrat zustimmen.

joe
Mehr lesen über