Verkehrswende in Paris Allons enfants – mit Tempo 30

Es ist soweit: In Frankreichs Hauptstadt gilt ab Montag in den meisten Stadtteilen Tempo 30. Auch in Deutschland nimmt der Kampf um die Vorherrschaft auf den Straßen Fahrt auf.
Foto: Xavier Laine / Getty Images

Für Paris ist es ein weiterer Schritt hin zu einer Metropole, in der das Auto nicht länger dominiert: Große Teile der französischen Hauptstadt werden von diesem Montag an zur Tempo-30-Zone, die Stadtautobahn und wichtige Verkehrsachsen bleiben ausgenommen.

59 Prozent der Pariser hätten einer Geschwindigkeitsbegrenzung bei einer Umfrage zugestimmt, begründete die Stadtverwaltung den Schritt. 25 Prozent weniger Unfälle, zweimal weniger Lärm und mehr Raum insbesondere für Radfahrer lauten die Argumente für den Einschnitt. Auf 60 Prozent der Straßen gelte ohnehin schon Tempo 30, hieß es.

Das neue Tempolimit ist nur eine Maßnahme von etlichen zur Eindämmung der Autolawinen. Auf vielen Straßen wird im Moment gebaut – und zwar nicht, um zusätzliche Fahrspuren für Autos, sondern für Radfahrer zu schaffen. 52 Kilometer Pop-up-Radwege, sogenannte Coronapistes, werden in dauerhafte Radfahrstreifen umgewandelt. In anderen Straßen müssen die Autos komplett den Fußgängern weichen, öffentliche Begegnungsflächen und Fahrradstellplätze werden geschaffen, Bäume gepflanzt und Gartenflächen angelegt.

All dies fügt sich in einen 2018 vorgelegten Plan , der der Metropole ein Durchatmen mit mehr Grün, 1000 Kilometern Radwegen und neuen Straßenbahnlinien versprach. Der Motor hinter vielem ist Oberbürgermeisterin Anne Hildago, die Autos und Luftverschmutzung den Kampf angesagt hat. Bei schlechter Luft wird der Verkehr eingeschränkt, Schadstoffplaketten für Autos sind Pflicht. Einige Straßen sind für den Verkehr gesperrt – zum Beispiel das rechte Seine-Ufer – stattdessen ist dort eine Flaniermeile entstanden.

Auch in deutschen Städten regt sich immer größerer Widerstand gegen den »motorisierten Individualverkehr«. Ein Gutachten der Unternehmensberatung Roland Berger kam gerade zu dem Ergebnis, dass für eine erfolgreiche Verkehrswende – und damit für das Erreichen der Klimaziele – ein konsequenter Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) nötig ist. 50 Milliarden Euro zusätzlich  sollen dafür bis 2030 in den ÖPNV investiert werden. Geld, das Bund, Länder und Kommunen vor allem von Autofahrern kassieren sollten, etwa in Form einer Citymaut oder höherer Parkgebühren.

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Der klimaschonende Umbau der Mobilität gelinge nur, wenn ein Verkehrsmittel Platz und Subventionen abgebe. Die Bundesregierung müsse raus aus ihrer »Fragezeichenpolitik« und endlich klar sagen, was sie wolle, sagt Helmut Dedy, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. »Wir werden Autos verdrängen müssen. Städte für Menschen können nicht Parkplätze sein.«

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Doch sowohl hierzulande als auch in Frankreich regt sich auch Kritik gegen die Pläne: Bei der Umfrage zum Tempolimit wurden auch Bewohner des Großraums Paris befragt, die nicht alle gleich per Metro an ihr Ziel gelangen können. 61 Prozent von ihnen sprachen sich gegen die Maßnahme aus. Der Interessenverband der Autofahrer zweifelt ebenso den Zweck der Maßnahme an.

Der Fahrradclub ADFC indes sieht die französische Hauptstadt als Vorbild für ähnliche Regelungen in Deutschland. »Tempo 30 entspannt das Leben in den Städten, es macht sie sicherer, klimafreundlicher und leiser«, sagte ADFC-Bundesgeschäftsführerin Ann-Kathrin Schneider. »Wie in Paris und anderen europäischen Metropolen sollte es auch in deutschen Städten möglich sein, Tempo 30 innerorts als Regelgeschwindigkeit einzuführen.« Tempo 50 könne dann etwa an Hauptverkehrsachsen beibehalten werden, wo es schon breite Radwege gibt. »Paris wird durch Tempo 30 aufblühen, und das sollten deutsche Städte auch.«

sbo/dpa
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