Große Übersicht der wichtigsten Arbeitswege So pendelt Deutschland

Die Zahl der Pendlerinnen und Pendler wächst, sie ziehen weiter weg vom Arbeitsplatz. Für viele ist das am Ende teurer als gedacht – und der Benzinpreis ist nicht das größte Problem.
Pendler am Bahnhof: Der Weg zur Arbeit wird für viele Menschen anstrengender – und teurer

Pendler am Bahnhof: Der Weg zur Arbeit wird für viele Menschen anstrengender – und teurer

Foto: Westend61 / Getty Images

Raus aus dem Homeoffice, rein ins Büro? Je schneller die Corona-Infektionszahlen zurückgehen und je mehr Arbeitgeber ihre Mitarbeiter in den nächsten Wochen zurück in die Zentralen beordern, desto schneller dürfte der Zoom-Effekt der vergangenen anderthalb Jahre verpuffen. Videokonferenzen und Heimarbeit hatten in der Coronakrise die zuvor oft überlasteten Pendlerstrecken spürbar entlastet. Das half auch dabei, dass der Verkehrssektor sein Klimaziel 2020 doch noch knapp schaffte.

Doch einen entscheidenden Trend hat die Pandemie nicht gebrochen. Die Wege zwischen Wohnort und Arbeitsplatz werden seit Jahren für Arbeitnehmer länger. Und längst nicht überall ist die Bahn so gut ausgebaut, dass sie als Alternative angenommen wird. So bleibt Pendeln auch ein Ärgernis – fürs Klima, aber auch wegen steigender Kosten.

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Etwa 13 Millionen Menschen pendeln zwischen verschiedenen Landkreisen . Rund 3,4 Millionen leben und arbeiten in unterschiedlichen Bundesländern, das sind 1,3 Millionen mehr als noch vor zwei Jahrzehnten. Das zeigen aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die die Linksfraktion im Bundestag ausgewertet hat.

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»Die Distanzen zwischen Wohnort und Arbeitsstätte wachsen, diesen Trend gibt es seit Jahrzehnten«, sagt Philipp Kosok, Projektleiter beim umweltorientierten Thinktank Agora Verkehrswende. »Autobahnen werden weiter ausgebaut, sodass Menschen längere Strecken in derselben Zeit fahren können.« Dazu komme die jahrelange Misere beim Wohnungsbau in den Städten, wo die Mieten immer höher steigen. »Dann wird der Umzug in suburbane und ländliche Gebiete attraktiver.«

Der Wechsel des Wohnorts erscheint oft erst als finanziell lukrativ. Doch dann schlägt das Pendel zurück: Angesichts wieder wachsender Staus und steigender Benzin- und Bahnpreise hat der Umzug oft einen Preis, der erst im Alltag erkennbar wird. Oft gehen viel mehr Geld und Zeit verloren als gedacht.

Wie sich der Pendleranteil durch Corona verändern wird, lässt sich aktuell kaum vorhersagen. »Nach der Pandemie werden Menschen zunehmend weiter entfernt von ihrem Arbeitsplatz leben«, sagt Agora-Experte Kosok. »Es ist aber noch nicht absehbar, wie das die Verkehrsströme beeinflusst, weil mehr Menschen im Homeoffice arbeiten.«

Die höchste Pendlerdichte in Deutschland hat die Hauptstadtregion. 225.000 Brandenburger haben ihren offiziellen Arbeitsplatz in Berlin. Vor der Pandemie waren die Autobahnen im Berufsverkehr meist dicht und die Regionalzüge überfüllt – wirkliche Fortschritte im Verkehrssystem des Speckgürtels gab es seitdem kaum. Zurück in die Zukunft, dürfte es für viele gestresste Beschäftigte heißen.

Niedersachsen ist das Bundesland mit den meisten Menschen, die ihren Arbeitsplatz in einem anderen Bundesland haben, nämlich knapp 440.000. Die größte Gruppe davon arbeitet in Bremen (knapp 120.000).

Zwang zum Pendeln soll es nicht geben

Auch im Westen und Süden sind die potenziellen Pendlerströme nach der Pandemie groß. 93.000 Nordrhein-Westfalen haben ihren Arbeitsplatz im benachbarten Niedersachsen, 64.000 in Hessen, und 85.000 zieht es in den Süden nach Bayern oder Baden-Württemberg, so die Auswertung.

Ein einziger Bus würde dagegen reichen, um alle Pendler von Bremen ins Saarland zu bringen: Es sind 41. Weiterhin fahren deutlich mehr Menschen aus dem Osten in den Westen des Landes als umgekehrt. 408.000 Ostdeutsche haben ihren Arbeitsplatz im Westen, umgekehrt sind es rund 178.000.

Linkenpolitikerin Sabine Zimmermann warnt die Arbeitgeber davor, nun wieder Präsenz im Büro zu verlangen. Einen Zwang zum Pendeln dürfe es mit Blick auf die Gesundheit der Mitarbeiter und den Klimaschutz nicht geben, dafür hätten zu viele Firmen »erstmalig positive Erfahrungen mit dem Homeoffice« gemacht.

Pendlerpauschale steigt – und entlastet Gutverdienende

Gleichzeitig dürften nicht diejenigen mit höheren Benzinpreisen belastet werden, die keine andere Wahl haben. »Es ist zynisch, wenn der Preis, um überhaupt zur Arbeit zu kommen, immer höhergeschraubt wird, was in erster Linie kleine und mittlere Einkommen trifft«, so die Bundestagsabgeordnete.

Doch ein steigender Benzinpreis trifft Geringverdiener nur deshalb vergleichsweise hart, weil der Staat diese beim Pendeln kaum entlastet. Zwar stieg die Pendlerpauschale von 30 auf 35 Cent pro Kilometer, um Härten durch die CO2-Abgabe zu lindern. Doch als Steuerabzug hilft sie vor allem Gutverdienenden. Wer wenig oder keine Steuern zahlt, profitiert kaum oder gar nicht.

Die aktuelle Aufregung um steigende Benzinpreise hat ohnehin eher mit gestiegenen Ölpreisen zu tun – und dem Wahlkampf. Derzeit verteuert die Klimaschutzabgabe Benzin um rund sieben Cent und Diesel um knapp acht Cent. An mancher Tankstelle schwanken die Preise im Tagesverlauf stärker. Zudem entspricht die Forderung der Grünen, den Benzinpreis insgesamt um 16 Cent zu erhöhen, tatsächlich weitgehend dem, was die Große Koalition schon beschlossen hat . In vielen anderen europäischen Ländern ist Sprit teurer .

Auf lange Sicht hält sich die Teuerung am Zapfhahn in Grenzen, vor allem verglichen mit den Kosten für ein Bahnticket. Seit 1995 hat sich der Preis für Superbenzin ungefähr verdoppelt. Der für eine Zugfahrt hat sich hingegen fast verdreifacht. Dieser Fakt scheint für Aufregung im Wahlkampf jedoch nicht zu taugen.

Mitarbeit: nis