Porsche 968 Turbo S unterm Hammer Palastrevolte in Blutorange

Für manche Autos muss man mehr bieten: Der SPIEGEL zeigt Autos mit berühmten Vorbesitzern und Raritäten, die versteigert werden. Diesmal: ein Porsche, der es mit dem 911 aufnehmen wollte.
Ein Hauch von 911: Dank runder Scheinwerfer ist der 968 optisch näher an den Porsche-Baureihen 911 und 928

Ein Hauch von 911: Dank runder Scheinwerfer ist der 968 optisch näher an den Porsche-Baureihen 911 und 928

Foto: Brian Henniker / Gooding & Company

Unterm Hammer: Ein Porsche 968 Turbo S, Baujahr 1993.

Warum mitbieten? Der Motor steckt vorn im Wagen, und er ist auch noch wasser- statt luftgekühlt: Für eingefleischte Fans des Porsche 911 ist bei diesem Sportwagen aus Zuffenhausen eigentlich alles falsch gelaufen. Trotzdem ist er irgendwie der ultimative Porsche der frühen Neunzigerjahre – und eines der seltensten Modelle des Herstellers.

Dabei ist der Stammbaum des Turbo S äußerst unglamourös. Sein Urahn ist der 924 – ausgerechnet, könnte man sagen. Der Wagen wurde lange als »Hausfrauenporsche« geschmäht und musste sich mit dem Vorwurf herumschlagen, kein echter Porsche zu sein. Denn der Mitte der Siebzigerjahre auf den Markt gekommene Sportwagen war das erste Porsche-Modell mit wassergekühltem Frontmotor – und der Vierzylinder wurde auch noch gemeinsam mit VW entwickelt, er steckte auch im VW-Transporter LT und im Audi 100.

Auch in der Seitenansicht sind die Unterschiede zum normalen 968 erkennbar, unter anderem an den Speedline-Felgen des 911 Turbo S

Auch in der Seitenansicht sind die Unterschiede zum normalen 968 erkennbar, unter anderem an den Speedline-Felgen des 911 Turbo S

Foto: Brian Henniker / Gooding & Company

Dabei punktete der Wagen mit einer ausgeglichenen Gewichtsverteilung und einem guten Handling – und wurde mit über 150.000 produzierten Exemplaren zum Kassenschlager. Ab 1982 gesellte sich der 944 dazu, unter dessen Haube endlich ein Porsche-Motor arbeitete. Auch er wurde ein Erfolg, zwischen 1982 und 1991 entstanden 163.000 Stück.

Anschließend folgte der 968 als finale Ausbaustufe – und 1993 schließlich der Turbo S als Spitzenräuber der Frontmotor-Porsche. Denn Porsche entwickelte eine Rennversion des 968, deren turbogeladene Version des Dreiliter-Vierzylinders 350 PS leistete, für Privatteams im GT-Rennsport. In bester Porsche-Tradition sollte es von diesem als Turbo RS bezeichneten Rennwagen auch eine Straßenversion geben, den Turbo S.

In der zivilen Version steckte ebenfalls der Dreiliter-Vierzylinder des 968 samt großem KKK-Turbolader, der dem nach heutigen Maßstäben geradezu gigantischen Vierzylinder zu 305 PS und einem maximalen Drehmoment von 500 Nm verhalf. Dazu kamen zahlreiche weitere Modifikationen: So lag der Turbo S tiefer als der Serien-968, erhielt kräftigere Bremsen, ein steiferes Fahrwerk und NACA-Lufteinlässe in der Motorhaube.

Gleichzeitig mussten die meisten Komfortextras weichen. Der Verzicht auf elektrische Fensterheber, Rücksitze und Zentralverriegelung sparte im Vergleich zum 968 etwa 70 Kilogramm an Gewicht ein. Das zahlte sich im Datenblatt aus. Den Sprint von null auf 100 km/h schaffte der Turbo S in fünf Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit lag bei 280 km/h. Damit wurde der Turbo S gewissermaßen zum Rächer der »Hausfrauenporsche«, denn der Wagen ließ die meisten Ausführungen seines berühmten Verwandten, des 911, hinter sich und erreichte die gleiche Spitzengeschwindigkeit wie ein 911 Turbo 3.6.

Gleichzeitig war der Wagen näher am 911 als seine Vorgänger – in vielerlei Hinsicht. So verfügte der 968 über runde, nach oben klappende Scheinwerfer und ähnelte so den »großen« Brüdern 911 und 928 – und er wurde nicht mehr bei Audi in Neckarsulm, sondern in Stuttgart-Zuffenhausen produziert. In der dritten Generation war der einst als »Hausfrauenporsche« geschmähte Wagen also mehr Porsche denn je – zum Erfolg wurde er trotzdem nicht.

Bereits nach vier Jahren und rund 11.000 Exemplaren endete die Produktion des Modells 1995, der Turbo S ist noch deutlich seltener. Ursprünglich sollten in einer Kleinserie 50 bis 100 Exemplare entstehen, zu einem Stückpreis von 175.000 Mark. Tatsächlich gebaut wurden jedoch nur 14 Stück – unter denen dieses Exemplar mit der Chassisnummer 0064 nochmals heraussticht. Es ist neben einem Prototyp einer von nur zwei im Farbton »Blutorange« lackierten 964 Turbo S.

Ursache der geringen Stückzahl ist ausgerechnet der große Bruder 911. Dem Auktionshaus Gooding zufolge strich die Porsche-Führungsriege den 968 Turbo aus Angst, den 911 zu übertrumpfen, aus dem Programm. Die Ursache dürfte jedoch deutlich banaler sein: Trotz der beeindruckenden Fahrleistungen entschieden sich die Kunden sowohl auf der Rennstrecke als auch für den Straßenverkehr im Zweifelsfall offenbar doch lieber für das Original, den parallel angebotenen 911 Carrera RS 3.8. Zwar hatte der 968 Turbo S durchaus das Potenzial, dem 911 auf Rennstrecke und Autobahn Paroli zu bieten – gegen die Historie und das Prestige des großen Bruders war er am Ende aber doch machtlos.

Zuschlag! Das Auktionshaus Gooding  versteigert den blutorangen 968 Turbo S ab dem 3. Mai online, erwartet wird ein Preis von rund einer Million US-Dollar. Wem das zu viel ist, dem bleibt immerhin eine virtuelle Ausfahrt, der 968 Turbo S kann auch im Rennspiel »Forza Horizon 4« gefahren werden.

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