Rechtsabbieger ADFC und Lkw-Verband fordern besseren Schutz für Radfahrer

Die Situation ist ebenso alltäglich wie gefährlich: Radfahrer wollen geradeaus, der Lkw daneben rechts abbiegen. Zwei Verbände fordern nun mehr Schutz vor den oft tödlichen Unfällen.
Rechtsabbiegende Lkw werden für Radfahrer immer wieder zur Gefahr, schützende Abbiegeassistenten sind bisher nicht verpflichtend

Rechtsabbiegende Lkw werden für Radfahrer immer wieder zur Gefahr, schützende Abbiegeassistenten sind bisher nicht verpflichtend

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ dpa

Rechtsabbiegende Lastwagen werden für Fahrradfahrer immer wieder zur tödlichen Gefahr. Allein in Berlin wurden seit Jahresbeginn zwei Fälle erfasst, in denen zwei Frauen (68 und 79 Jahre alt) auf diese Weise ums Leben kamen. Auch eine dritte Frau (35) starb - allerdings war es dabei ein Bus, der rechts abbog. Nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) schwankte die Zahl der bundesweit erfassten tödlichen Lkw-Abbiegeunfälle in den vergangenen Jahren zwischen 28 (2013) und 38 (2017).

Der Fahrradclub forderte die Politik und die Transportbranche nun gemeinsam mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) auf, mit mehreren Maßnahmen mehr Sicherheit für Radfahrer zu schaffen:

  • Getrennte Grünphasen an Ampeln

Abbiegende Kraftfahrzeuge und geradeaus fahrende Radler haben oft gleichzeitig Grün. Zeitlich getrennte Ampelphasen könnten den Verbänden zufolge für mehr Sicherheit sorgen, da beide Gruppen nicht mehr gleichzeitig losfahren würden. Das Modell könnte dem Positionspapier zufolge auch den Verkehrsfluss verbessern - denn bei starkem Radverkehr sorge die Trennung der Grünphasen dafür, dass mehr Autos abbiegen könnten.

"Separate Abbiegephasen würden zur Vermeidung von Pkw- und Lkw-Unfällen einen unglaublichen Vorteil bringen. Das Auto hat Rot, der Radfahrer Grün - und umgekehrt", sagt auch der Leiter der Unfallforschung der Versicherer, Siegfried Brockmann. Das sei zwar nicht überall machbar, solle aber an Unfallschwerpunkten geprüft werden.

  • Abbiegeassistenten zum Standard bei Lkw machen

So lange Lastwagen an einer roten Ampel stehen, könnten die Fahrer dank der Zusatzspiegel alles um sich herum sehen, erklärt Unfallforscher Brockmann. Gerade wenn das Führerhaus schon etwas schräg stehe, sehe der Fahrer aber nicht mehr dasselbe wie beim Anfahren. Genau hier könnten Totwinkelwarner, die Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen etwa mit einem Piepen vor drohenden Unfällen warnen, helfen. Solche Systeme sind bereits seit 2016 auf dem Markt verfügbar, bisher allerdings nicht verpflichtend . Dabei könnten sie laut Unfallforschung der Versicherer 60 Prozent der schweren Unfälle durch abbiegende Lkw verhindern.

BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt forderte deshalb alle Lkw-Besitzer auf, "zeitnah in leistungsfähige Abbiegeassistenzsysteme zu investieren, um die Unfallzahlen dauerhaft zu minimieren." Pikant: MAN bringt derzeit nach 20 Jahren erstmals eine neu entwickelte Lkw-Generation auf den Markt. Die soll den Fahrern das Leben mit allerlei Assistenzsystemen erleichtern. Im Angebot ist auch ein Abbiegeassistent - allerdings nicht serienmäßig.

  • Anfahrtsrouten zu Baustellen besser planen

Den Baustellenverkehr möchten ADFC und BGL gern vom Radverkehr trennen. Bei großen innerstädtischen Bauvorhaben sollen Kommunen dem Forderungskatalog zufolge deshalb die Anfahrtsrouten möglichst konfliktarm planen: Baustellenfahrzeuge sollen möglichst nicht auf wichtigen Fahrradstrecken fahren.

  • Verkehr an Kreuzungen trennen

Die bisherige Gestaltung von Kreuzungen begünstigt den Verbänden zufolge Unfälle. Auto- und Radverkehr sollen laut ADFC und BGL deshalb voneinander getrennt werden, um die Sicht zu verbessern und Unfälle zu vermeiden. Sogenannte "freie Rechtsabbieger", also Rechtsabbiegespuren, die eine Ampel umgehen, sollten künftig zurückgebaut werden und zusätzliche Finanzmittel zur Nachrüstung mit Schutzinseln oder deutlich vorgezogenen Haltelinien genutzt werden.

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Außerdem sollen in Forschungsprojekten neue Design-Standards für sichere Straßen und Kreuzungen entwickelt werden und schwere Unfälle systematisch ausgewertet werden, um die Infrastruktur verbessern zu können.

Besonders ältere Frauen gefährdet

Beide Verbände eine das Anliegen, "die angespannte Situation auf den Straßen zu entschärfen und Radfahrende besser vor schrecklichen Kollisionen mit Lastwagen - und damit auch die Lkw-Fahrerinnen und Lkw-Fahrer vor den traumatischen Folgen – zu schützen", erklärte BLG-Vorstandssprecher Engelhardt.

Die Opfer von Lkw-Abbiegeunfällen seien überwiegend ältere Menschen und darunter vor allem Frauen, sagt Unfallforscher Siegfried Brockmann. Vermutlich könne der Frauenanteil mit ihrem Vorkommen im Verkehr erklärt werden - "weil sie vielleicht eher als ältere Männer den Einkauf mit dem Fahrrad erledigen". Hinzu komme, dass jüngere Radfahrer möglicherweise schneller reagieren und das Schlimmste verhindern könnten, etwa mit Ausweichen oder einer Vollbremsung. Brockmann weist zudem auf die höhere Verletzlichkeit von Senioren hin: Bei der gleichen Art von Unfall, etwa bei Kollisionen ohne Überrollen, könne es sein, dass ein jüngerer Mensch mit Knochenbrüchen davonkomme, während ein älterer Radler sterbe.

ene/dpa