Elektrische Kleinlaster Warum monströse Autos plötzlich eine Klimahoffnung sind

Kolossale Pick-up-Trucks dominieren den US-Automarkt – mit fataler Umweltbilanz. Nun bringen Hersteller reihenweise E-Modelle, darunter Börsenneuling Rivian. Die Chancen für einen Wandel stehen überraschend gut.
Das erste in Serie gefertigte batterieelektrische Pick-up-Modell stammt vom US-Unternehmen Rivian. Der Rivian R1T wird seit September gefertigt.

Das erste in Serie gefertigte batterieelektrische Pick-up-Modell stammt vom US-Unternehmen Rivian. Der Rivian R1T wird seit September gefertigt.

Foto: Elliot Ross / Rivian

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Kommt die Elektromobilität in den USA jetzt in Fahrt? Dafür spricht vieles. Denn seit wenigen Wochen wird der Rivian RT1 produziert, der erste Serien-Pick-up mit Elektroantrieb.

Um das Start-up Rivian aus Plymouth im Bundesstaat Michigan hat sich ein gewisser Hype entwickelt. Beim soeben erfolgten Börsengang wurden 153 Millionen Aktien für 78 US-Dollar das Stück platziert, erwartet worden war eine Preisspanne zwischen 72 und 74 US-Dollar pro Aktie. Rivian verfügt nun über 11,9 Milliarden US-Dollar (10,3 Mrd. Euro) frisches Kapital. Gemessen am Aktienkurs ist das Unternehmen 76,4 Milliarden US-Dollar wert – und damit fast 10 Milliarden mehr als BMW. Das künftige Geschäft mit den elektrischen Pick-ups löst offenbar immense Erwartungen bei Investoren aus.

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E-Pick-ups: Diese Modelle sollen bald auf den Markt kommen

Foto: Tesla

Pick-ups sind rustikale Kleinlaster mit zwei bis sechs Sitzplätzen und dahinter einer offenen Ladefläche. Sie machten 2020 mehr als 20 Prozent aller Pkw-Neuzulassungen in den USA aus. Damit stehen sie für einen erheblichen Teil der CO2-Emissionen im US-Verkehr.

Die drei meistverkauften US-Modelle im vergangenen Jahr gehörten zu dieser Gattung. Zusammen machte das Trio 13 Prozent aller US-Neuzulassungen aus. An der Spitze wie schon in den 39 Jahren zuvor: der Ford F-150. Trotz der Coronapandemie verkaufte sich die Baureihe im vergangenen Jahr fast 800.000 Mal – ausschließlich mit Verbrennerantrieb. Dahinter folgten Chevrolet Silverado und der Ram Pick-up.

Gelingt es, die Fans der Pritschenwagen vom elektrischen Antrieb zu überzeugen, wäre das ein großer Fortschritt für den Klimaschutz. Die Chancen darauf sind gestiegen: Zahlreiche Hersteller – etablierte Autokonzerne und Start-ups gleichermaßen – haben elektrische Pick-ups angekündigt oder bereits vorgestellt.

In den USA sollen bis zum Jahr 2030 die Hälfte aller neu zugelassenen Fahrzeuge elektrisch fahren, so sieht es eine Verordnung von US-Präsident Joe Biden vor. Gelingen kann diese Wende nur, wenn die Pick-ups elektrifiziert werden. »Wenn wir es ernst meinen mit dem Abschied vom Benzin, dann müssen wir dringend über so ein Auto nachdenken«, sagte Tesla-Chef Elon Musk schon vor Jahren dem SPIEGEL.

Amazon unterstützt Rivian

Seit Jahren arbeiten deshalb etliche Hersteller daran, den ersten elektrischen Pritschenwagen auf den Markt zu bringen. Etablierte Firmen wie Ford, General Motors oder auch Elektropionier Tesla; und ebenso Start-ups mit Namen wie Canoo, Bollinger oder Alpha Motors.

Nun stiehlt ihnen Rivian die Show. Bereits 2018 zeigte das Unternehmen auf der Autoshow in Los Angeles den Prototypen des R1T. Das Interesse war gigantisch, es drängelten sich mehr Menschen um den Wagen, als sich an den Messeständen von Porsche, Audi oder Jeep aufhielten. Im Februar 2019 beteiligte sich Amazon mit 700 Millionen US-Dollar an Rivian.

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Der Rivian R1T läuft seit September im ehemaligen Mitsubishi-Werk in Normal im US-Staat Illinois von Band. Schon das ist mehr als ein Prestigeerfolg, die E-Pick-ups von Ford oder GM werden wohl erst 2022 antreten.

Knapp 50.000 Vorbestellungen für den Rivian RT1 liegen vor, hieß es im Prospekt zum Börsengang. Die Launch-Edition des Fahrzeugs kostet 75.000 US-Dollar, umgerechnet rund 61.500 Euro. Eine günstigere Basisvariante des Modells für dann 67.500 US-Dollar (57.000 Euro) soll folgen.

GM bringt elektrischen Hummer

Vier Elektromotoren, je einer pro Rad, leisten gemeinsam 588 kW (800 PS). Rivians Pick-up wird es mit drei Batteriegrößen geben: Die Speicherkapazität liegt bei 105, 135 oder 180 kWh; der Wagen kommt so auf 402, 483 oder 644 Kilometer Reichweite. An der Schnellladesäule kann er mit bis zu 160 kW aufgeladen werden. Das bedeutet: Die Wartezeit für einen zu 80 Prozent gefüllten Akku liegt bei 50 Minuten. Die Nutzlast des Wagens beträgt 800 Kilogramm, die Anhängelast fünf Tonnen.

Konkurrenz droht Rivian vor allem von Ford. Der F-150 kommt als F-150 Lightning im Frühjahr 2022 auf den Markt. Die Vorserienproduktion in Dearborn, Michigan, hat bereits begonnen.

Die Amerikaner scheinen Lust auf E-Pick-ups zu haben. 160.000 Menschen reservierten den elektrischen Ford für eine Gebühr von 100 US-Dollar laut Unternehmensangaben bereits vor. Ford will die Produktion der Pritschenwagen schrittweise steigern.

E-Autos scheinen in den USA eine Chance zu haben, wenn die Hersteller groß denken. »Die Amerikaner vertrauen seit Jahren auf Ford Trucks«, sagt Darren Palmer, verantwortlich für Fords batterieelektrische Fahrzeuge. »Jetzt vertrauen sie auf den F-150 als ihr erstes batterieelektrisches Fahrzeug.« Anfangs sollen rund 15.000 E-Modelle von Band laufen, 2024 plant Ford dann eine Fertigung von 80.000 Modellen pro Jahr.

Gemessen an den aktuellen Verkaufszahlen wäre dann jeder zehnte F-150 ein E-Auto. Angesichts der Ziele von Ford, 2030 weltweit einen 40-prozentigen E-Auto-Anteil vorweisen zu können, kann das jedoch nur ein Anfang sein. Die Basisvariante des F-150 Lightning kostet 39.774 US-Dollar (34.289 Euro) und damit knapp die Hälfte des Rivian-Modells.

Tesla schwächelt

Möglichst zügig will auch General Motors den E-Pick-up-Markt aufmischen. Der Hummer kommt zurück, als GMC Hummer EV – ein echter Brecher: mit mehr als 1000 PS Leistung, 800-Volt-Bordnetz, einer skalierbaren Batterie mit bis zu 200 kWh Kapazität und mehr als vier Tonnen Gesamtgewicht.

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Sollte dieser E-Pick-up jemals nach Deutschland kommen, müssten interessierte Käufer wohl zwingend ihren Führerschein prüfen. Denn mehr als 3,5 Tonnen darf man mit einer jüngeren Pkw-Fahrerlaubnis gar nicht fahren.

Ins Straucheln geraten ist hingegen Tesla. Der Produktionsstart des Cybertrucks wurde auf Ende 2022 verschoben. Dann soll der Wagen in der Gigafactory 5, die gegenwärtig in Texas entsteht, von Band laufen: mit Allradlenkung und bis zu 805 Kilometer Reichweite.

Klotzen, nicht kleckern – so scheint die E-Mobilität reif für den US-Markt.

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