Elektroauto Hongguang Mini EV Dieser Winzling hängt Tesla in China locker ab

Auf der Messe in Shanghai protzt die Industrie mit Luxus-Elektroautos. Ein chinesischer Hersteller zeigt indes, dass auch ein klitzekleiner Wagen zum Erfolg werden kann. Das Modell weckt in Europa Interesse.
Klein, aber oha: Das Wuling Mini EV

Klein, aber oha: Das Wuling Mini EV

Foto: Wuling

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Während die Autobranche in Deutschland noch unter der Coronapandemie leidet, feiert die Industrie in Shanghai die erste bedeutende Messe seit Langem – die Hersteller überbieten sich mit neuen, leistungsstarken Elektromodellen. So zeigt BMW den iX, ein Elektro-SUV mit bis zu 500 PS und 600 Kilometern Reichweite. Volkswagens ID.4 bekommt einen eigens für den chinesischen Markt konstruierten Bruder mit mehr Platz, den ID.6. Und mit dem kompakten Stromer EQB läuft erstmals ein Mercedes zuerst in China vom Band.

Erneut zeigt sich: Die Volksrepublik, ohnehin schon wichtigster Autoabsatzmarkt, wird für die Hersteller immer bedeutender. Dort erholt sich der Markt bereits, im ersten Quartal stiegen die Zulassungen der Strategieberatung Berylls zufolge im Vergleich zum Vorjahr um 75 Prozent. Bei Elektrofahrzeugen fiel die Steigerung mit 280 Prozent noch deutlicher aus.

Doch allen glänzenden SUV-Boliden fährt in China ein Winzling davon: Das Hongguang Mini EV der Marke Wuling, das gemeinsam vom chinesischen Hersteller SAIC und dem VW-Rivalen General Motors produziert wird. Der Zwerg entpuppte sich seit der Markteinführung im Juli als Bestseller und ist nach Angaben des Center of Automotive Management (CAM) Chinas beliebtestes Elektroauto. Von Januar bis März 2021 sind rund 103.000 Stück verkauft worden, erklärt der auf den chinesischen Automarkt spezialisierte Berater Jochen Siebert.

Dabei ließ er einen bedeutenden Konkurrenten hinter sich: »In beiden Monaten wurden mehr als doppelt so viele Wuling wie Tesla Model 3 verkauft«, erklärt CAM-Experte Stefan Bratzel. Damit ist der Kleinstwagen auf bestem Wege, eines der meistverkauften E-Autos der Welt zu werden.

13 Kilowatt stark, bis zu 170 Kilometer Reichweite

Aus technischer Sicht ist das Hongguang Mini EV das Kontrastprogramm zum Trend großer und schwerer Elektro-SUV. Der etwas weniger als drei Meter lange Flitzer kostet je nach Batteriegröße umgerechnet rund 3700 oder knapp 5000 Euro. Es stehen Akkus mit Kapazitäten von 9,3 und 13,8 Kilowattstunden zu Auswahl. Damit kommt der Wagen 120 und 170 Kilometer weit, auch dank des niedrigen Gewichts. Je nach Batterievariante wiegt er 665 oder 705 Kilogramm.

Ähnlich überschaubar ist die Leistung, der Motor des Mini EV bringt 13 Kilowatt auf die Straße. Zum Vergleich: Die Dauerleistung des Motors im Smart EQ fortwo liegt bei 41 Kilowatt. Für Berater Siebert passt der Wuling in die Zeit: »Es ist richtig, kleine und leichte Elektroautos für die Stadt anzubieten anstatt zwei Tonnen schwerer Monster, die sehr große Batterien benötigen.«

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Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 100 km/h, der Wagen ist aus rechtlicher Sicht ein Auto, erklärt Siebert. Er fällt nicht in die Gruppe der in China sehr beliebten, sogenannten Low Speed EV. Für diese üblicherweise bis zu 70 km/h schnellen Fahrzeuge benötigt man dort keinen Führerschein, sie gelten als gefährlich. Von ihren wurden in China laut Siebert zuletzt deutlich mehr als eine Million Stück im Jahr verkauft.

Mehrheit der Käufer unter 30 Jahre alt

Als Alternative gibt es nun den Mini EV. »Wuling ist es gelungen, weite Käuferschichten im Hinterland anzusprechen, aber auch in den Großstädten an der Küste finden die Käufer das Fahrzeug cool«, erklärt Siebert. Auch in Shanghai werde der Wagen gut verkauft.

Trotz aller Erfolge ist der kleine Wuling aber offenbar keine echte Gefahr für größere Modelle. Er sei kein direkter Konkurrent für das Tesla Model 3 oder den VW ID.4, so Siebert, »als 2+2-Sitzer mit maximal 170 Kilometern Reichweite ist das quasi ein reines Stadtauto«. Er sei aber deutlich sicherer als die vielen Low Speed EV und damit für viele Kunden in China attraktiv. »Eine große Farbauswahl macht den Wagen für junge Menschen sehr interessant, über 60 Prozent der Kunden sind 23 bis 30 Jahre alt«, so Siebert.

Der Kleinstwagen ist vor allem bei Käufern unter 30 Jahren beliebt

Der Kleinstwagen ist vor allem bei Käufern unter 30 Jahren beliebt

Foto: Wuling

So seltsam der Wagen auf den ersten Blick wirkt, so ungewöhnlich ist auch das Ziel, das der Hersteller mit ihm verfolgt. Denn Siebert zufolge verdient Wuling mit dem Mini EV kaum Geld. Das Ziel sei ein anderes: »Der Kleinwagen soll dem Hersteller möglichst viele sogenannte NEV-Credits einbringen, mit denen Autohersteller in China die Emissionen ihrer verkauften Verbrenner ausgleichen müssen«, erklärt der Chinaspezialist. »Dieser Plan scheint angesichts der hohen Verkaufszahlen aufzugehen.«

Interessant für Lieferdienste

Ein Export nach Deutschland in großem Stil dürfte deshalb unwahrscheinlich sein – obwohl es Autoexperte Bratzel zufolge einen Markt dafür gibt. »Kleine Lowcost-Elektroautos haben Potenzial«, so Bratzel. Für Pizzalieferanten oder Pflegedienste wäre der Wuling dem CAM-Experten zufolge nahezu ideal: »120 Kilometer Reichweite dürften ausreichen, gleichzeitig sind die Nutzungskosten wahnsinnig niedrig.«

Für ihn sind zwei Faktoren für den Erfolg solcher Mini-Stromer entscheidend. Sie müssten als vollwertiges Auto anerkannt und nicht als fahrende Einschränkung gesehen werden, erklärt Bratzel. »Und die Sicherheit muss passen, ansonsten ist so ein Auto nicht vermittelbar.«

Die wird für das Hongguang Mini EV jedoch zum großen Hindernis. »In Europa könnte das Fahrzeug in dieser Form nicht verkauft werden, da es nur einen Fahrerairbag hat und ESP fehlt«, erklärt Chinaspezialist Siebert.

Ein kleines Unternehmen in Lettland umgeht dieses Problem jedoch. Mittlerweile wird der Wagen als Dartz Nikrob EV für 9999 Euro in Lettland angeboten, mitsamt nachgerüstetem ESP und Beifahrerairbag. »Hier bin ich gespannt, wie das Fahrzeug im Euro-NCAP-Crashtest abschneidet, sollte es getestet werden«, so Siebert.

Trotz des deutlich höheren Preises ist der Dartz Nikrob immer noch ein Schnäppchen. Und nach Abzug der deutschen Elektroprämie würde er hierzulande theoretisch  weniger als 1000 Euro kosten.

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