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E-Roadbike Scott Addict E-Ride

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Stefan Weißenborn

Scott Addict E-Ride Premium im Test Teurer Tarnkappenrenner

Superleicht, superclean, superteuer: Scotts erstes E-Rennrad ist ein fein abgestimmtes Pedelec, das man kaum als solches erkennt. Für preisbewusste Kunden gibt es immerhin eine Sparversion.

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Der erste Eindruck: Ziemlich schimmernd, das Fahrrad – der Mattlack am Rahmen changiert in vielen Farben.

Das sagt der Hersteller: Der Carbonrahmen wiegt nur wenig mehr als ein Kilo, das Komplettrad 10,9 Kilo. Damit sei das Scott eines der leichtesten E-Rennräder am Markt, sagt Tobias Engelmann vom Fahrradhersteller mit Sitz in der Schweiz. Den Rekord für das leichteste E-Rennrad beansprucht für sich derzeit der monegassische Hersteller HPS mit dem rund zwei Kilo leichteren Modell Domestique, das mit kleinerer Batterie und schwächerem Motor fährt – dafür aber deutlich teurer ist.

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Ist das Scott, das unterhalb der 10.000-Euro-Marke bleibt, also ein Schnäppchen? Ganz so weit will Engelmann dann doch nicht gehen. Aber, beteuert er, beim Addict-E-Premium seien so viele teure Komponenten an Bord, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich auch zu ähnlich ausgestatteten Rennrädern ohne Motor attraktiv sei. Das Scott rollt auf Hochprofil-Carbonrädern, die allein schon rund 1600 Euro kosten, montiert sind Komponenten von Shimanos Top-Gruppe im Rennradbereich (Dura-Ace), geschaltet wird elektromechanisch.

Ebenfalls aus Carbon: der Lenker, der Vorbau, die Sattelstütze. »Das sind alles komfortsteigernde Bauteile«, freut sich Engelmann. Kohlenstofffasern sind nicht nur verwindungssteif und leicht. Sie sind in vertikaler Richtung auch nachgiebig – gut für die Dämpfung. Engelmann schränkt jedoch ein: »Wenn man nicht schon Hunderte Kilometer im Rennradsattel gemacht hat, dann ist es schwierig, die feinen Unterschiede herauszuspüren.«

Motor:

Mahle Ebikemotion Hinterradnabe, 250 Watt, 40 Nm Drehmoment

Akku:

252 Wh (Range Extender: 208 Wh)

Tretunterstützung:

bis max. 25 km/h, abschaltbar

Rahmen:

Carbon, fünf Größen

Schaltgruppe:

Shimano Dura-Ace Di2 Disc, 2x11 Gänge, 50/34 Zähne

Kassette:

Shimano Dura-Ace, 11 bis 30 Zähne

Bremsen:

Shimano Dura-Ace hydraulische Scheibenbremsen, Discs vorn und hinten 160 mm

Bereifung:

Schwalbe Pro One Microskin TL-Easy, Fold, 700 x 30C

Laufradsatz:

Syncros Capital 1.0 40e Disc (Carbon)

Gewicht:

10,9 kg (in Größe L; ohne Pedale); zulässiges Gesamtgewicht: 120 kg

Radstand:

1008 mm

Preis:

9499 Euro

Das ist uns aufgefallen: Wie schwer das Addict E-Premium als Pedelec zu erkennen ist. Der Hecknabenmotor ist so klein, dass er sich von der Seite betrachtet zwischen Bremsscheibe und Ritzelpaket versteckt. Erst mit einem Blick von oben durch die Speichen entdeckt man ihn.

Den Akku konnten die Entwickler platzsparend und unsichtbar im Unterrohr verstauen, weil er mit 208 Wattstunden Energiegehalt baulich klein ist. Er ist dort fest integriert, zum Laden muss also das ganze Rad an die Steckdose gestöpselt werden. Zudem liefert Scott serienmäßig einen Range Extender in Form eines Zusatzakkus mit einer Kapazität von 252 Wh mit. Der kann am Getränkehalter angebracht werden und lädt dann über die Ladebuchse in Tretlagernähe den Hauptakku nach.

Beide Akkus kombiniert bieten also eine Kapazität von 460 Wh, Scott verspricht damit eine Gesamtreichweite von 120 Kilometern oder 2200 Höhenmetern. Das aber sollte nur als grober Richtwert gesehen werden, da solche Werte von vielen Faktoren abhängen: dem Körpergewicht von Fahrerin oder Fahrer, der Unterstützungsstufe, dem Gegenwind. Und nicht zuletzt hängt die Reichweite auch davon ab, wie viel seiner Strecke man schneller als Tempo 25 fährt: Ab dieser Geschwindigkeit schalten sich Pedelec-Motoren ab – und auf einem Rennrad kommt das oft vor.

Apropos abgeschalteter Motor: Auch in diesem Zustand gibt sich das High-End-Bike leichtfüßig und setzt die Beinkraft scheinbar ohne großen Verlust in Bewegung um. Der Grund: Zum einen wiegt das Addict nur etwa halb so viel wie ein Pedelec mit Mittelmotor, zum anderen ist der Carbon-Effekt durchaus fühlbar. Obendrein gibt sich der Racer laufruhig, gegenüber der unmotorisierten Addict-Reihe liegt der Schwerpunkt tiefer, die Kettenstrebe wurde leicht verlängert.

Auch bei aktivem Motor bleibt das E-Bike unauffällig: Die 40-Nm-Einheit ist kaum hörbar, die Unterstützung bleibt dezent. Bei Tempo 25 fadet die Unterstützung so unmerklich aus, dass man mit dem Fahrtwind in den Ohren manchmal nicht mehr weiß, ob der Mahle-Motor nun mithilft oder nicht. Erst die höchste der drei Motorstufen schafft saftigen Schub. Und ein Kraftloch, wenn man sie abschaltet.

Einziger Kritikpunkt: Weil bauartbedingt ein Trittfrequenzsensor fehlt, ermittelt die Motorsoftware den Grad der Unterstützung aus gefahrenem Tempo und der Umdrehungsgeschwindigkeit der Kassette. Vor allem an Steigungen bei langsamer Fahrt genügt es, die Kurbel ohne viel Druck auf die Pedale rotieren zu lassen, und schon zieht das Bike wie ein Mokick an – für ein Rennrad unpassend.

Das muss man wissen: Den größten Komfortgewinn bringen nicht die von Tobias Engelmann gepriesenen Carbonteile, das dicke Lenkerband oder die aufrechte Sitzposition, sondern die Shimano Dura-Ace Di2 2x11-Schaltung mit zwei Kettenblättern vorn. Sie schaltet schnell und treffsicher und: halb automatisch.

Es genügt, das Schaltwerk zu betätigen, dann verrichtet der Umwerfer seine Arbeit selbsttätig. Das ist nicht nur sehr bequem, sondern vermeidet auch Verschleiß fördernde Ritzel-Kettenblatt-Kombinationen – den sogenannten Kettenschräglauf, wenn zum Beispiel die Kette hinten und vorn gleichzeitig auf den größten oder den kleinsten Zahnkränzen läuft.

Die Funktionen des Mahle-Motors lassen sich am Rad selbst indes nur eingeschränkt benutzen. Über einen Knopf mit LED-Ring auf dem Oberrohr wird das Scott ein- und ausgeschaltet und die Fahrstufen gewechselt. Mehr Funktionen bietet die Mahle-Ebikemotion-App. Erst sie zeigt Tempo, Fahrstatistiken und Reichweiten an oder bietet eine Navi-Funktion. Allerdings werden die Karten nach einer dreimonatigen Testphase kostenpflichtig, mit einem Preis von zum Beispiel 4,49 Euro für Europa.

Sportler können sich mit der App auch vor Überanstrengung schützen: Dazu muss der Radler seine Herzfrequenz über Bluetooth an die App senden – zum Beispiel mit einem kompatiblen Brustgurt. Beginnt das Herz schneller zu pumpen, als man dies in der App festgelegt hat, mischt der Motor wieder kräftiger mit, um den Puls zu beruhigen.

9499 Euro kostet das Premium-E-Ride – das ist kein Schnäppchenpreis. Die gute Nachricht: Scott zwingt seine Kundschaft nicht zum High-End-Snobismus. Das Einstiegs-Bike der Addict-E-Ride-Reihe mit gleichem Carbonrahmen und Mahle-Motor, aber einfacheren Komponenten gibt’s für 4499 Euro. Verzichten muss man bei diesem Preis unter anderem auf die E-Schaltung und die Carbonräder. Der Zusatzakku ist als Option erhältlich. Das Komplettrad wiegt dann rund 1,3 Kilo mehr.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Mit dem Addict E-Ride Premium ist Scott ein teures, aber auch sehr stimmiges Gesamtwerk gelungen. Man verfällt ihm – nomen est omen – schnell. Uns zumindest verführte es zur ein oder anderen Extra-Runde. Bevor wir es kaufen würden, stünde aber eine Proberunde auf dem Einstiegsmodell an.

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