Segway am Ende Stehend k.o.

Ein unfreundlicher Nachruf von Emil Nefzger
Ein unfreundlicher Nachruf von Emil Nefzger
Nach knapp zwei Jahrzehnten endet die Produktion des Segway. Der E-Roller war zwar irgendwie innovativ - löste aber viel zu viel Fremdscham aus. Um es klar zu sagen: Endlich ist das Teil bald weg.
Wirklich würdevoll war man auf einem Segway nie unterwegs, egal ob Tourist, Sicherheitsmann oder US-Präsident

Wirklich würdevoll war man auf einem Segway nie unterwegs, egal ob Tourist, Sicherheitsmann oder US-Präsident

Foto: CJ GUNTHER/EPA-EFE/Shutterstock

In einem Punkt war der Segway wohl das demokratischste aller Fahrzeuge: Er ließ jeden, der auf diesem Gefährt stand, gleich lächerlich erscheinen. Egal ob Touristen mittleren Alters, die darauf in Gruppen durch historische Innenstädte ruckelten, Sicherheitsleute, die auf den Einachsern durch Shoppingmeilen patrouillierten, oder US-Präsidenten, die in hohem Bogen von eben jenem Gefährt flogen.

Nun wird die Produktion eingestellt - und dafür war es höchste Zeit. Auf diesem Gefährt sah einfach niemand gut aus, sogar diese unsäglichen Bierbikes sind cooler. Es raubt dem Nutzer die Würde. Auf einem Segway würde sogar Michelangelos David wie ein pseudohipper Angeber wirken, dessen verzweifeltes Vor- und Zurückrollen "schaut her, ich bin innovativ" schreit. Beim Betrachter lösten diese Bewegungen allenfalls Fremdscham aus.

Klein genug für den Lift, schnell genug für die Stadtrundfahrt

Dabei war der vor zwei Jahrzehnten auf den Markt gekommene Stehroller auf seine Weise wegweisend. Die Fahrposition war bis vor wenigen Jahren einzigartig: Die Fahrerin oder der Fahrer steht aufrecht zwischen den beiden einzeln angetriebenen Rädern, die sich unterschiedlich schnell drehen können und den Stehroller so wie ein Kettenfahrzeug ohne klassische Lenkung kurven lassen. Gleichzeitig kam das Gefährt ohne Knöpfe und andere Bedienelemente aus. Stattdessen registrierte es, ob man sich vor- oder zurücklehnte oder wohin man die Lenkstange schob und fuhr in diese Richtung.

Die entscheidende Fähigkeit des Segway war jedoch, selbstbalancierend zu sein. Sobald sich ein Mensch zu weit nach vorne lehnt, führt er einen Schritt aus, um das Gleichgewicht zu halten. Der Segway macht dasselbe, er registriert die Bewegung und gleicht sie durch die Bewegung der Räder aus. Dadurch war das revolutionäre Fahrzeug einfach zu fahren. Es ist deshalb durchaus ein Meilenstein der Mikromobilität. Es war klein genug, um damit in einem Gebäude oder in einen Aufzug zu fahren und gleichzeitig mit 20 km/h Höchstgeschwindigkeit ausreichend schnell, um mehrere Kilometer zu überbrücken. Nur sah man dabei eben aus, als fahre man den sprichwörtlichen Stock im Hintern spazieren.

Der Urahn der Mikromobilität

Obwohl Jeff Bezos und Steve Jobs dem Stehroller eine große Zukunft prophezeiten, blieb er ein Nischenprodukt. Der Segway war mit einem Gewicht von rund 50 Kilogramm auch zu schwer - und mit einem Preis von mehreren Tausend Euro schlicht zu teuer für die meisten Privatpersonen. Statt zum revolutionären Verkehrsmittel wurde er so zum Mietmobil für Touristen oder gelenkschonenden Dienstfahrzeug für Sicherheitsleute.

Er lebt nun in den kleinen elektrischen Hoverboards fort, auf denen heute Kinder lässig über Gehwege und Plätze rollen, ein Eis in der einen Hand, die Sporttasche in der anderen. Das alles geht so locker mit dem Segway nicht, Schuld ist die Lenkstange. Für freihändiges Fahren war der Stehroller offenbar nicht innovativ genug - und so wirkte jeder, der sich vorbildlich behelmt an die Querstange seines Stehrollers klammerte, so kontrolliert, als habe er die Kontrolle über sein Leben verloren. Konsequent wäre, den Helm noch mit einer orange flackernden Leuchte zu krönen, um nichts ahnende Passanten vor der heraufziehenden Fremdscham zu warnen.

Dank seiner Bauart wird der Segway bestenfalls als eine Art Hochrad der Mikromobilität in die Geschichte eingehen. Jenes grotesk proportionierte Zweirad war ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zum Fahrrad, wie wir es heute kennen und täglich nutzen. Segway und Hochrad kann man sich problemlos in einem Slapstickfilm vorstellen, sie sind dahingehend austauschbar. Laurel und Hardy hätten mit dem Segway sicher zahllose Meisterwerke gedreht, hätte er ihnen zur Verfügung gestanden. Segwayfahrer, Hindernis, krisseliger Schwarz-Weiß-Film, Klaviermusik, fertig ist der Komödienklassiker.

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Mit dem Ende der Produktion rollt der selbstbalancierende Stehroller nun ins Museum, wo er schon lange hingehört. Doch bevor sich passionierte Segwayfahrer aufs Hoverboard schwingen, in der Hoffnung, ohne Helm und Lenkstange zur neuen Stilikone, quasi zum James Dean der Mikromobilität zu werden, ein Hinweis aus persönlicher Erfahrung: Um damit spielerisch leicht mit einem Eis in der Hand durch die Menge zu rollen, braucht man Übung. Jede Menge Übung.

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