Staus zur Stoßzeit Hier steht Deutschland still

Angst vor dem Coronavirus treibt Pendler von Bus und Bahn in die Autos – und in die Staus. Wo sind sie besonders schlimm? Interaktive Karten zeigen, wo Sie in deutschen Großstädten am meisten Zeit verlieren.

Wer morgens in der Großstadt unterwegs ist, weiß meist genau, wo der Verkehr stockt. Auf dem Weg nach Hamburg, egal ob via Elbbrücken, Elbtunnel, Horner Kreisel oder auf der A7, staut es sich nahezu alltäglich. Auf Nebenstraßen und Schleichwege auszuweichen, hilft kaum – und auch der coronabedingte Rückgang des Verkehrsaufkommens war nur von begrenzter Dauer.

Kurz vor Inkrafttreten der neuen Corona-Maßnahmen sind Verkehrsaufkommen und Staulevel beinahe auf Vorjahresniveau. Unter anderem auch, weil die Menschen aus Angst vor Ansteckungen den ÖPNV meiden  und – sofern sie die Möglichkeit haben – lieber mit dem eigenen Auto fahren. Auf das Fahrrad weichen sie im Herbst seltener aus.

Stauanfällige Stellen, wie die Stadteinfahrt nach Hamburg, finden sich in nahezu jeder deutschen Großstadt. Mal sind es Einmündungen der Autobahnen, mal innerstädtische Verkehrsachsen, wie die Frankfurter Allee in Berlin und mal sind es Querungen wie beim Wechseln des Mainufers in Frankfurt.

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Staukarten - Hier staut es sich in deutschen Großstädten

Foto: Der Spiegel

Doch nicht nur an diesen neuralgischen Punkten wird es zur Rushhour zäh. Die Städte sind durchzogen von Straßenadern, durch die der Verkehr pumpt. Nicht im konstanten Fluss, sondern behindert von einer Vielzahl an Engstellen und Blockaden.

Um den Staulevel detailliert zu veranschaulichen, haben wir für zehn besonders staugeplagte Großstädte Deutschlands untersucht, wie sehr die gefahrene Geschwindigkeit zur Rushhour sinkt. Die Ergebnisse lassen sich auf einzelne Straßenabschnitte herunterbrechen, dazu haben wir massenhaft erhobene Trackingdaten des Navigationsgeräteherstellers TomTom analysiert.

Nutzen Sie die Karte im Kopf des Artikels, um die Staulage in den einzelnen Städten zu erkunden – und die Pfeile neben dem Städtenamen, um durch die Karten zu blättern.

Methodik

Doch wie kann es überhaupt sein, dass trotz permanentem Straßenausbau der Verkehr regelmäßig kollabiert? Und wird es wirklich immer schlimmer mit dem Stau in der Stoßzeit?

Stresstest Berufsverkehr

Die größte Herausforderung für die Verkehrssysteme sind die morgendliche und abendliche Rushhour – in normalen Zeiten nicht nur für die Straßen, sondern auch für die ÖPNV-Netze. Zwischen sieben und zehn Uhr morgens ist das Verkehrsaufkommen in Deutschlands Großstädten üblicherweise etwa 75 Prozent höher als im Tagesdurchschnitt. Über den Tag verteilt und unterschieden nach Wochentagen ergibt sich ein Bild, das sich durch die Corona-Pandemie nur geringfügig ändert, wie aus Daten von TomTom hervorgeht:

Zwar variiert von Stadt zu Stadt, wie viel Zeit in der Rushhour verloren geht. Allen gemein ist, dass der pendlerbedingte Stau pünktlich und regelmäßig kommt – nach ihm lässt sich die Uhr stellen. Nur freitags und am Wochenende weichen die starren Muster etwas auf, das Verkehrsaufkommen nimmt insgesamt ab.

Summiert man die Zeit, die Pendler jährlich im Stau verbringen, ergeben sich absurd hohe Werte: Wer für den Arbeitsweg – bei freier Strecke – eine Stunde benötigt, steht in den betrachteten Städten im Jahr zwischen 101 und 131 Stunden im Stau.

Immer mehr Verkehr

Bislang hält das Stauaufkommen die Menschen in den Großstädten aber nicht vom Pendeln mit dem Auto ab. Ganz im Gegenteil. Die Zahl der Pkw pro Einwohner erreichte 2019 einen Rekordstand. Langfristig zeigt sich über die Jahrzehnte eine klare Tendenz zu längeren Pendeldistanzen  und -zeiten. Mehr als jeder vierte Erwerbstätige hat mittlerweile einen einfachen Arbeitsweg von 30 Minuten oder länger .

Doch nicht nur der Autoverkehr hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Im Januar, also noch vor der Corona-Pandemie, vermeldete der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen im 22. Jahr in Folge zunehmende Fahrgastzahlen  und auch die Fahrradnutzung boomt vor allem in Metropolen seit Jahren.

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Aktuell ist dieser, über sehr viele Jahre stabile Trend Corona-bedingt unterbrochen. Es ist durchaus vorstellbar, dass auch nach Ende der Pandemie sehr viel mehr Menschen regelmäßig aus dem Homeoffice arbeiten und das Wohnen am Stadtrand oder auf dem Land wieder an Attraktivität gewinnt. Dieses könnte zu einer Abschwächung der Rushhour führen und die Verkehrsströme merklich verändern. Vorhersagbar ist dies kaum.

Es ist eng in den Innenstädten

Fakt ist: Es ist eng in den Innenstädten, selbst während der Pandemie. Die Zahl der Menschen, die zeitgleich an einen Ort wollen, ist oft zu groß für die Straßen, U-Bahnen und Pendlerzüge. Verkehrspolitik wird zum Streitfall, vor Ort, in der Lokalpolitik, aber auch auf Bundesebene.

Viele Städte erkunden derzeit Auswege aus der Staukrise – zum Teil mit Modellversuchen, bei denen Straßen für Pkw gesperrt werden. Wir haben zahlreiche Verkehrsvorhaben im Detail betrachtet, Daten ausgewertet, Anwohner und Experten befragt. Wie erfolgreich sind Pläne, die den begrenzten Straßenraum neu aufteilen? Welche Konflikte ergeben sich dabei? Wie hat die Corona-Zeit die Mobilität verändert? Und was lässt sich von Beispielen aus dem Ausland lernen?

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