Riskantes Tempolimit Todesfalle Landstraße

Im Streit übers Tempolimit geht es meist um die Autobahn. Dabei sind Landstraßen viel gefährlicher — und Geschwindigkeiten von 100 km/h oft viel zu viel. Was jetzt geschehen müsste.
Gut die Hälfte aller Verkehrstoten war zuletzt auf Landstraßen zu beklagen. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert deshalb ein niedrigeres Tempolimit

Gut die Hälfte aller Verkehrstoten war zuletzt auf Landstraßen zu beklagen. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert deshalb ein niedrigeres Tempolimit

Foto: Jürgen Ritter / imago images

Das Thema Tempolimit bringt Gemüter in Deutschland seit mindestens 50 Jahren auf Touren. Und es spaltet die Gesellschaft: Erst kürzlich teilte der Automobilklub ADAC mit, dass 45 Prozent seiner Mitglieder ein generelles Tempolimit ablehnen, jedoch 50 Prozent der Mitglieder dafür sind.

Es ging, wie so oft, um die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen. Dabei wäre eine andere Begrenzung womöglich viel sinnvoller, zumindest aus Sicherheitsgründen.

»Was von vielen völlig außer Acht gelassen wird, ist die Bedeutung eines geringeren Tempolimits auf Landstraßen«, sagt Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher beim Verkehrsclub Deutschland (VCD). Derzeit gilt in Deutschland auf allen Landstraßen außerhalb geschlossener Ortschaften ohne eine weitere Beschilderung ein Tempolimit von 100 Kilometern pro Stunde, ebenso auf Bundes- und Kreisstraßen.

Immer auf dem Laufenden bleiben?

Fahrberichte, Analysen, aktuelle Nachrichten: So verpassen Sie keine Artikel aus der Rubrik Mobilität des SPIEGEL.

So aktivieren Sie Ihre Benachrichtigungen

Zugleich zeigen Daten des Statistischen Bundesamtes, dass Landstraßen die gefährlichsten Straßen sind. Etwa 58 Prozent aller Unfalltoten in Deutschland verloren dort im vergangenen Jahr ihr Leben, 1592 Menschen. Auf Autobahnen starben 317 Menschen. Insgesamt jeder zehnte Unfall mit Personenschaden ließ sich wiederum auf eine nicht angepasste Geschwindigkeit zurückführen.

Im ersten Halbjahr 2021 ist die Zahl der Verkehrstoten zwar auf ein Rekordtief gesunken. Fachleute führen dies aber auf weniger Fahrten angesichts der Coronakrise zurück.

Ob ein Auto mit 80 oder mit 100 Kilometern pro Stunde unterwegs ist, hat für die Sicherheit der Fahrzeuginsassen jedenfalls große Auswirkungen. Pro Sekunde legt ein 100 km/h schneller Pkw gut fünf Meter mehr zurück als ein Wagen mit 80 km/h. Wird langsamer gefahren, bedeutet das nicht nur mehr Reaktionszeit, sondern auch kürzere Überholwege. Damit sinkt die Gefahr, mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammenzustoßen.

Eine Vollbremsung mit 100 km/h bringt den Pkw nach frühestens 50 Metern zum Stillstand, mit 80 km/h gelingt dies immerhin bereits nach 32 Metern. Es können entscheidende Meter sein. Zudem ist ein Aufprall bei höherer Geschwindigkeit naturgemäß oft gefährlicher.

Tempo 80 gab's schon mal unter SPD-Kanzler Willy Brandt

Verbände wie der VCD fordern deshalb schon seit Jahren eine niedrigere Geschwindigkeitsobergrenze auf Landstraßen. Der Deutsche Verkehrsgerichtstag empfahl bereits vor sechs Jahren Tempo 80. Auch, weil sich viele Landstraßen in einem schlechten Zustand befinden. »Der weitaus größte Teil des Landstraßennetzes ist nicht für Tempo 100 geeignet«, sagte Arnold Plickert, der Vizechef der Polizei-Gewerkschaft, schon 2016. Geschehen ist seitdem dennoch wenig bis nichts.

Dabei gab es eine Obergrenze von 80 km/h sogar schon mal, unter Bundeskanzler Willy Brandt und dessen Verkehrsminister Lauritz Lauritzen (beide SPD). Um in der ersten Ölpreiskrise infolge des Jom-Kippur-Kriegs 1973 den Erdölverbrauch zu drosseln, wurde ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen verfügt. Es war für zunächst sechs Monate geplant.

Der Aufschrei war jedoch groß, insbesondere über die Autobahn-Regelung. Mehr als eine Million »Freie Bürger fordern freie Fahrt«-Aufkleber wurde der ADAC in Kürze los. Daraus entstand der noch heute verwendete Slogan »Freie Fahrt für freie Bürger«. Das Tempolimit hingegen wurde nach 111 Tagen Mitte März 1974 einkassiert. Seither gilt außerorts Tempo 100.

Andere Länder, andere Limits

In Europa gehört Deutschland mit dieser Regelung zu einer Minderheit. Einzig in Portugal und Österreich gilt außerorts ebenfalls eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. In Spanien, Italien, Rumänien und Bulgarien sind maximal 90 km/h erlaubt, in Dänemark, den Niederlanden, Irland und der Schweiz höchstens 80 km/h.

Welchen Effekt es haben kann, die Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen zu reduzieren, zeigte sich zuletzt in Frankreich. Dort wurde 2018 die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 90 auf 80 km/h gesenkt. Die Anzahl der Getöteten sank deutlich. 2018 und 2019 wurden 349 Verkehrstote weniger gezählt als in den beiden Jahren zuvor, ein Rückgang von zwölf Prozent.

Zahlen des Umweltbundesamtes zeigen zudem: Tempolimits helfen auch der Umwelt. Allein ein Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen würde jährlich 1,9 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen einsparen. Wie sich ein reduziertes Tempolimit von 80 km/h auf Landstraßen aufs Klima auswirkt, wusste das Umweltbundesamt auf Anfrage des SPIEGEL indes nicht zu beziffern.

Scheuer-Ministerium ist gegen Tempo 80

Zumindest unter Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) stehen die Chancen für ein Tempo-80-Limit weiter schlecht. Dies sei »nicht das geeignete Instrument, um die Verkehrssicherheit auf diesen Straßen zu verbessern«, teilte eine Sprecherin des Bundesverkehrsministeriums auf Anfrage des SPIEGEL mit. »Auf unauffälligen und nicht unfallträchtigen Strecken würde ein generelles Tempolimit ein Übermaß darstellen.«

Das BMVI favorisiert eine »Einzelfallprüfung, ob es sich um einen Unfallschwerpunkt handelt«. Das Ministerium fördert seit Kurzem aber eine neue Kampagne des Deutschen Verkehrssicherheitsrats, die auf Plakaten und im Internet für mehr Rücksicht und Gelassenheit auf Außerortsstraßen wirbt.

Wahlkampfthema Tempolimit

Die Debatte über Höchstgeschwindigkeiten schwingt auch im Bundestagswahlkampf mit. Meist steht aber die Autobahn im Zentrum. »Die Argumentation für ein generelles Tempolimit ist ein politisches Kampfinstrument, für manche sogar ein Fetisch«, tönte Scheuer kürzlich.

Außer der Union lehnen auch AfD und FDP strengere Tempolimits ab. »Statt die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen pauschal abzusenken, gilt es an Gefahrenstellen Risiken zu senken«, sagte Oliver Luksic, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, dem SPIEGEL. Die Absenkung der Geschwindigkeitslimits auf Landstraßen würde »die Nichteinhaltung drastisch erhöhen und den Verkehrsfluss stören«, so Luksic weiter.

Die SPD beschränkt sich auf die Forderung von maximal 130 km/h auf Autobahnen. Nur die Linke fordert explizit eine niedrigere Höchstgeschwindigkeit auf Landstraßen. »Um Menschen und Klima zu schützen, brauchen wir endlich auch Tempolimits: 120 km/h auf Autobahnen, 80 km/h auf Landstraßen und eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h innerorts«, heißt es im Wahlprogramm.

Und was ist mit den Grünen? Die plädierten 2020 im Bundestag für ein Tempo-80-Limit außerorts. Es komme auf die Situation an, sagt Grünen-Bundestagsabgeordnete Daniela Wagner. »An zweispurigen Landstraßen soll Tempo 80 gelten, damit endlich weniger Menschen im Straßenverkehr zu Tode kommen.«

Ins Wahlprogramm der Partei hat es die Forderung nicht geschafft. In Koalitionsverhandlungen mit Union oder FDP dürfte sie ohnehin kaum durchsetzbar sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.