Aussage vor Gericht Tesla-Manager räumt Täuschung mit Autopilot-Video ein

Das Auto fährt von selbst, so pries Tesla sein Autopilot-System an. Doch ein Video, das die Fähigkeiten 2016 beweisen sollte, war inszeniert. Ein leitender Ingenieur gab das Täuschungsmanöver vor einem kalifornischen Gericht nun zu.
Freihändig: Demonstration des Autopilot-Systems in einem Tesla Model S in New York (Bild von 2016)

Freihändig: Demonstration des Autopilot-Systems in einem Tesla Model S in New York (Bild von 2016)

Foto: Christopher Goodney / Bloomberg / Getty Images

Tesla hat ein Werbevideo inszeniert, um Fähigkeiten seiner Selbstfahrtechnik vorzutäuschen, so die Aussage eines leitenden Ingenieurs.

Das Video, das auf der Website von Tesla archiviert ist , wurde im Oktober 2016 veröffentlicht. Tesla-Chef Elon Musk pries es damals auf Twitter als Beweis dafür, dass »Tesla von selbst über Stadtstraßen und Autobahnen fährt und einen Parkplatz findet (ohne jedes menschliche Eingreifen)«.

Tatsächlich mussten Tesla-Beschäftigte jedoch mehrfach in die Testfahrten mit dem Model X eingreifen, um die Kontrolle zu übernehmen. Bei einer nicht darin gezeigten Einparkübung krachte ein Auto in einen Zaun auf dem Firmengelände. Auch das Anhalten an einer roten Ampel und das anschließende Beschleunigen hätte das System ohne Hilfe nicht geschafft.

Das sagte Ashok Elluswamy, Leiter der Softwareentwicklung für Teslas Fahrassistenzsystem Autopilot, vor einem kalifornischen Gericht. Die bisher unveröffentlichte Abschrift von Elluswamys Aussage stammt von Ende Juni 2022, sie liegt dem SPIEGEL vor. Verhandelt wurde vor dem Bezirksgericht von Santa Clara eine Klage gegen Tesla wegen eines Unfalls im Jahr 2018, in dem ein ehemaliger Apple-Ingenieur in seinem auf »Autopilot« gestellten Tesla gestorben war.

»Das Auto fährt selbst«

Zu Beginn des Videos, das zu Rolling-Stones-Musik eine Fahrt zwischen einem Haus in Menlo Park zu Teslas damaligem Firmensitz im kalifornischen Palo Alto zeigt, werden die Worte eingeblendet: »Die Person auf dem Fahrersitz ist nur aus rechtlichen Gründen dort. Sie tut nichts. Das Auto fährt selbst.«

Elluswamy erklärte, das Autopilot-Team von Tesla habe auf Bitte von Firmenchef Elon Musk die Fähigkeiten seines Systems demonstrieren wollen. Auf die Frage, ob das Video von 2016 die Leistung des damals in Serienfahrzeugen verfügbaren Tesla-Autopilot-Systems zeigt, antwortete Elluswamy: »Das tut es nicht.« Das sei aber auch nicht die Absicht gewesen.

Die »New York Times« hatte bereits im Jahr 2021 über den Hintergrund des Videos berichtet. Unter Berufung auf anonyme Quellen schrieb die Zeitung, dass die Tesla-Ingenieure den Unfall eines Testfahrzeugs ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass sie für die Fahrt eine 3D-Karte erstellt hatten. Dadurch konnte das Fahrzeug auf der ausgesuchten Strecke sicherer navigieren als auf einer beliebigen Straße. Durch Elluswamys Aussage wurden diese Angaben erstmals von einem Firmenvertreter bestätigt.

Hinterbliebenenanwalt nennt Video »irreführend«

Befragt wurde Elluswamy von Andrew McDevitt, dem Anwalt der Witwe des verunglückten Apple-Ingenieurs Walter Huang. Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte der Anwalt, das Video sei »offensichtlich irreführend, ohne einen Haftungsausschluss oder Sternchen«.

Die US-Verkehrssicherheitsbehörde National Transportation Safety Board kam im Jahr 2020 zu dem Schluss, der Unfall sei wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Huang abgelenkt war, aber auch durch die Defizite des Autopilot-Systems. Teslas »ineffektive Überwachung des Fahrereingriffs« habe zu dem Unfall beigetragen.

Das Unternehmen hatte seinerzeit kommentiert, der Fahrer sei sich bewusst gewesen, dass das System nicht perfekt ist. Tesla vermarktet das Assistenzsystem zwar seit 2015 unter dem Namen Autopilot und eine neuere Version sogar als FSD (für »Full Self Driving«). Offiziell betont das Unternehmen jedoch, dass Fahrer die Hände am Lenkrad halten und jederzeit die Kontrolle über das Fahrzeug behalten müssen.

Die Technik ist so konzipiert, dass sie beim Lenken, Bremsen, Geschwindigkeit und Spurwechsel unterstützt. Diese Funktionen aber »machen das Fahrzeug nicht autonom«, so das Unternehmen auf seiner Website. Tesla verkauft die Freischaltung des Systems (aktuell kostet FSD in den USA 15.000 Dollar), deklariert es aber als Beta-Version. Die zahlenden Kunden sind also zugleich Testfahrer für eine noch nicht ausgereifte Technik. Tesla setzt darauf, dass sich die Sicherheit mit der Sammlung weiterer Fahrdaten verbessert. Schon jetzt verbessere der Einsatz aber die Unfallbilanz, weil das System immer noch weniger Unfälle verursache als Menschen am Steuer.

Mahmood Hikmet, der als Entwickler für die neuseeländische Roboautofirma Ohmio arbeitet, zeigte sich auf Twitter entsetzt über das Gerichtsprotokoll. Elluswamy habe selbst zu Grundbegriffen des autonomen Fahrens und der Softwareentwicklung angegeben, er wisse nicht, was das bedeute.

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Tesla steht wegen seiner Fahrassistenzsysteme vor mehreren Klagen und behördlichen Untersuchungen. 2021 nahm das US-Justizministerium strafrechtliche Ermittlungen wegen einer Reihe von Unfällen auf. Im Durchschnitt werde jeden Tag ein Unfall mit Autopilot-Bezug gemeldet, berichtet die »New York Times« .

Inzwischen schaltet sich das Assistenzsystem ab, wenn es keine regelmäßige Rückmeldung vom Fahrer registriert. Elluswamy sagte, Fahrer könnten das System mit kleinen Bewegungen am Lenkrad »täuschen«. Wenn die Fahrer aufmerksam aufpassen, gebe es aber kein Sicherheitsproblem mit Autopilot.

ahh/Reuters
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