Parkende Autos Die unterschätzte Gefahr am Straßenrand

Unachtsam geöffnete Autotüren können für Radfahrer zur großen Gefahr werden. Einer Studie zufolge geschehen diese sogenannten Dooring-Unfälle deutlich öfter als bisher angenommen.
Unachtsam geöffnete Autotüren können zu schweren Unfällen führen, sogenannte Dooring-Unfälle gibt es einer aktuellen Studie zufolge deutlich öfter als bisher angenommen

Unachtsam geöffnete Autotüren können zu schweren Unfällen führen, sogenannte Dooring-Unfälle gibt es einer aktuellen Studie zufolge deutlich öfter als bisher angenommen

Foto: Florian Gaertner/ photothek/ imago images

Plötzlich aufgehende Autotüren oder Lieferfahrzeuge, die den Radstreifen blockieren: Parkende Autos können für Radfahrer zum Unfallrisiko werden - einer Studie zufolge geht von ihnen eine deutlich größere Gefahr aus, als bisher angenommen wurde. Eine Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) beziffert den Anteil der innerörtlichen Unfälle von Radfahrern und Fußgängern, die mit dem Parken in Verbindung stehen, auf 18 Prozent - damit hinge fast jeder fünfte Unfall in dieser Kategorie mit geparkten Autos zusammen. Amtlichen Statistiken zufolge stehen dagegen nur fünf Prozent aller Unfälle mit verletzten Fußgängern und Radfahrern mit parkenden Autos in Verbindung.

Die Unfallforscher werteten hierfür alle Unfallbeschreibungen der Jahre 2012 bis 2016 im Land Sachsen-Anhalt sowie alle Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern in elf innerstädtischen Untersuchungsgebieten aus, ebenfalls von 2012 bis 2016. Die Zahlen sind nach Ansicht von UDV-Leiter Siegfried Brockmann auf ganz Deutschland übertragbar. Mithilfe einer automatisierten Stichwortsuche in den Unfallhergangstexten gelang es den Forschern, deutlich mehr Vorfälle zu finden, die mit dem Parken zusammenhängen, als in der amtlichen Statistik. Vor allem Unfälle, die im indirekten Zusammenhang mit geparkten Autos stehen, weil diese zum Beispiel die Sicht verdecken oder im Weg stehen und Fußgänger und Radfahrer zum Ausweichen zwingen, fehlen demnach in den amtlichen Erhebungen.

Straßenbahngleise als zusätzliche Gefahr

Dabei entpuppte sich in den innerstädtischen Gebieten vor allem das sogenannte Dooring - also der Zusammenstoß eines Radfahrers mit einer unachtsam geöffneten Autotür - als große Gefahr. Dort waren 52 Prozent der mit parkenden Fahrzeugen zusammenhängenden Fahrrad-Unfälle der Studie zufolge auf das "Dooring" zurückzuführen. "Das ist eine dramatische Entwicklung", erklärte UDV-Leiter Brockmann im Interview mit dem SPIEGEL.

Unfälle durch unachtsam geöffnete Autotüren enden für Radfahrer oft mit Kopfverletzungen und sind schwer vorherzusehen. So müsste ein Radfahrer, der 20 km/h fährt, mindestens elf Meter vorher bemerken, dass die Tür aufgeht, um rechtzeitig zum Stillstand zu kommen. Ein Ausweichen ist wegen gleichzeitig überholender Autos oft nicht möglich.

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Als zusätzliche Gefahr entpuppten sich der Studie zufolge Straßenbahngleise. So geschah jeder fünfte Dooring-Unfall in den Untersuchungsgebieten auf Straßen mit dort verlegten Trambahngleisen. Radfahrer können auf solchen Abschnitten demnach oft keinen ausreichenden Abstand zu parkenden Autos halten, ohne die Gleise queren zu müssen - und beim Ausweichen können diese einen Sturz verursachen.

Parkende Autos gefährden auch Fußgänger - aber in anderen Bereichen

Doch nicht nur für Radfahrer geht von abgestellten Pkw eine große Gefahr aus, auch Fußgänger sind davon betroffen. Während unachtsam geöffnete Autotüren und regelwidrig auf Radfahrstreifen oder in zweiter Reihe abgestellte Autos für Fahrradfahrer eine Gefahr sind, ist es bei Fußgängern umgekehrt: Hier werden oft korrekt abgestellte Autos zum Problem: Sie können die Sicht verdecken. So waren bei 13 Prozent der untersuchten Unfälle in Sachsen-Anhalt querende Fußgänger "auf der Strecke", also abseits von Kreuzungen oder Ein- und Ausfahrten betroffen. Der Studie zufolge verunglücken dort doppelt so viele Fußgänger wie an Kreuzungen und Einmündungen - bei Radfahrern ist dieses Verhältnis dagegen umgekehrt.

Der Verkehr werde vor allem in Städten immer dichter, die Infrastruktur für den Rad- und Fußverkehr aber kaum angepasst, erklärt die Sprecherin des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR), Julia Fohmann. "Das führt zu genau den Unfällen, die in der Studie beschrieben werden. Radfahrer und Fußgänger machen zusammen außerdem ein Drittel aller Getöteten im Straßenverkehr aus", so Fohmann. Die Ergebnisse der Studie seien deshalb traurig, aber leider nicht unerwartet.

Markierte Sicherheitsstreifen und mehr Fußgängerüberwege gefordert

Als Gegenmaßnahme forderte UDV-Leiter Brockmann deshalb von den Kommunen, mehr sichere Überwege für Fußgänger zu schaffen. Auch die DVR-Sprecherin klagt über fehlende Fußgängerüberwege und Verkehrsinseln. Das zwinge Fußgänger, die Straßen an gefährlichen Stellen zu überqueren.

Die Unfallforscher fordern außerdem insgesamt größere Sicherheitsabstände. So soll das Parken der Studie zufolge am Fahrbahnrand 20 Meter vor und 15 Meter nach Kreuzungen oder anderen Querungsstellen verboten werden. Zwischen Radfahrstreifen und parkenden Autos sollten nach Meinung der Unfallforscher künftig eigene, mindestens 0,75 Meter breite Sicherheitsstreifen markiert werden, um für einen ausreichenden Abstand zu sorgen.

Der dafür vielerorts fehlende Platz ist UDV-Leiter Brockmann zufolge kein Argument gegen den Trennstreifen. "Wenn bei neu angelegten Radstreifen auf der Fahrbahn nicht genügend Platz für einen Sicherheitsstreifen zu parkenden Fahrzeugen bleibt, dürfen dort eben keine Parkplätze sein", sagte Brockmann dem SPIEGEL. Die Konflikte mit Anwohnern oder Geschäftsinhabern müsse man dann im Sinne der Radler aushalten.

Auch DVR-Sprecherin Fohmann fordert eine andere Aufteilung des Straßenraums, derzeit seien vor allem die ungeschützten Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer im Nachteil. "Die Forderungen der Studie sind absolut berechtigt", so Fohmann.

Die sieht jedoch nicht nur die Kommunen in der Pflicht. So sollten Autohersteller demnach die in vielen Modellen vorhandenen Sensoren nutzen, um nahende Radfahrer zu erkennen und vor ihnen zu warnen - oder, wie beispielsweise bei Audi-Modellen, die Tür kurz zu blockieren. Andere Hersteller wie zum Beispiel Mercedes und Seat setzen dagegen auf Warnleuchten und Pieptöne. Es gibt jedoch auch eine einfachere Lösung: den sogenannten holländischen Griff, bei dem man die Tür mit der entfernten Hand - als Fahrer also mit rechts - öffnet. Dadurch dreht sich auch der Oberkörper, der Blick fällt über die Schulter und man sieht den nahenden Radfahrer.

ene
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