Anne Hidalgo, Pariser Bürgermeisterin und Präsidentschaftskandidatin

Anne Hidalgo, Pariser Bürgermeisterin und Präsidentschaftskandidatin

Foto: [M] Chesnot / Getty Images

Klimapioniere Anne Hidalgo zeigt, wie die Verkehrswende gelingt

Die Pariser Bürgermeisterin baut Frankreichs Hauptstadt zur klimafreundlichen Weltmetropole um. Grüne Welle für Fahrräder, weniger Platz für Autos. So gewinnt sie Wahlen.
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Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Ein grünes Paradies, eine Insel der Seligen gar, ist die berühmteste Prachtstraße der Welt schon lange nicht mehr. Die Champs-Élysées, benannt nach den elysischen Götterwiesen aus der griechischen Mythologie, meiden die meisten Pariser. Autos, die sich auf acht Fahrspuren breitmachen, haben sie verdrängt. Die Luftverschmutzung ist dort zeitweise höher als an der Autobahn.

Anne Hidalgo macht keinen Hehl daraus, was sie von Blechlawinen in der City hält: nicht viel. Das internationale Klimaabkommen sei nach ihrer Stadt benannt, sagt die Bürgermeisterin gern, da sei Nichtstun doch keine Option. »Wir haben zehn Jahre Zeit, um zu handeln – das heißt machen und nicht diskutieren, was man unternehmen könnte.«

Also macht Hidalgo, wofür sie verehrt und verachtet wird. Schnellstraßen entlang der Seine, die den Zugang zum Fluss versperrten, ließ sie zu einem langen Park umbauen, wo Spaziergänger, Jogger und Radfahrer an neuen Cafés und Bars vorbeikommen. Taxifahrer und Autolobby tobten. Gegnern der Modernisierung warf Hidalgo schon 2016 vor, Ausmaß und Dringlichkeit der Klimakrise zu verkennen.

Wofür Amsterdam und Kopenhagen Jahrzehnte brauchten, vollzieht sich in Paris gerade im Zeitraffer. Hidalgo holt das Fahrrad vom Rand ins Zentrum der Verkehrsinfrastruktur. Auf der berühmten Rue de Rivoli, die von der Bastille zum Louvre und dem Place de la Concorde führt, blockierten Autos zu viel öffentlichen Raum. Also ist sie jetzt eine Fahrradstraße.

Autofreies Seine-Ufer

Autofreies Seine-Ufer

Foto: Sebastian Kunigkeit / dpa

Während der Pandemie, als zusätzliche Pop-up-Strecken eingerichtet wurden, stieg die Zahl der mit dem Rad zurückgelegten Fahrten auf eine Million – pro Tag. Bis 2026 sollen nun 180 Kilometer zusätzliche Radwege entstehen und die Zahl der Stellplätze auf 180.000 verdreifacht werden, kündigte das Rathaus gerade an.

250 Millionen Euro fließen in den Ausbau, der Vororte besser mit der Innenstadt vernetzen und möglichst nicht nur Autos von Radfahrern, sondern auch Radfahrer von Fußgängern räumlich trennen soll. Das ist sicherer und soll für weniger Konflikte sorgen – aktuell empfinden manche Pariser die Situation auf den Straßen als anarchisch.

Radfahrerin auf der Rue de Rivoli

Radfahrerin auf der Rue de Rivoli

Foto: Emmanuele Contini / NurPhoto / Getty Images

Während klimafreundliche Innenstädte von deutschen Politikern als »Bullerbü« verspottet werden, setzt Hidalgo auf wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Verkehrsforschung, etwa bei der Vision der »15-Minuten-Stadt«. In der lässt sich alles, was es zum Leben braucht, in einer Viertelstunde erreichen. Mit der Abkehr vom Auto macht sich Hidalgo nicht nur Freunde.

Diesel dürfen ab 2024 nicht mehr in die Pariser City, Verbrenner ab 2030. Tempo 30 gilt bereits fast flächendeckend. Doch trotz anfänglichen Chaos bei der Einführung des Bikesharing-Systems Velib und Vorwürfen, sie agiere »autoritär«, gewann die Bürgermeisterin ihre Wiederwahl vergangenes Jahr mit großem Vorsprung. »Was bei einem Mann Autorität genannt würde, gilt bei einer Frau als autoritär«, sagte Hidalgo.

Die 62-Jährige kam als Kleinkind aus Spanien nach Frankreich, als ihre Eltern vor der Franco-Diktatur flohen. Sie wuchs in Lyon in einfachen Verhältnissen auf, studierte Sozialwissenschaften, wurde Arbeitsinspektorin, arbeitete in verschiedenen Ministerien. Schließlich kandidierte die dreifache Mutter bei Regionalwahlen für die sozialdemokratische Partei PS, wurde stellvertretende Bürgermeisterin von Paris und 2014 als erste Frau an die Spitze der Millionenmetropole gewählt.

Die Champs-Élysées sollen ergrünen (Animation)

Die Champs-Élysées sollen ergrünen (Animation)

Foto: PCA-STREAM / AFP

Der Politikstil der als »Technokratin« kritisierten Hidalgo erinnerte die »New York Times« an Angela Merkel. Erst unterschätzt, das Gegenteil von schillernd, aber machtbewusst und effektiv. Als Underdog zieht die Politikerin nun auch in den französischen Präsidentschaftswahlkampf: Ihre Partei PS nominierte sie Mitte Oktober als Kandidatin, in Umfragen ist sie weit abgeschlagen. Einer ihrer ersten Vorschläge käme in Deutschland einem Eigentor gleich: das Tempolimit auf Autobahnen von 130 auf 110 km/h absenken.

Falls es nichts wird mit dem Einzug in den Élysée-Palast, bleibt in Paris, wo 2024 die Olympischen Spiele stattfinden, noch viel zu tun. Die Champs-Élysées etwa sollen in den nächsten Jahren wieder ihrem Namen alle Ehre machen: 250 Millionen Euro fließen in die Umgestaltung zu einem »außergewöhnlichen Garten«. Dann kommen sicher auch die Pariser mal wieder vorbei.