Studie aus den USA Warum breitere Straßen nicht gegen Stau helfen

Eine Spur mehr und weg ist der Stau - was unschlagbar logisch klingt, entpuppt sich einer Studie aus den USA zufolge als Trugschluss.
Immer größere Highways wie hier im texanischen Houston helfen einer Studie zufolge nicht gegen Staus - um wirklich weniger Staus zu produzieren, müsste man den Lebensstil ändern, erklärt ein Experte

Immer größere Highways wie hier im texanischen Houston helfen einer Studie zufolge nicht gegen Staus - um wirklich weniger Staus zu produzieren, müsste man den Lebensstil ändern, erklärt ein Experte

Foto: Art Wager/ Getty Images/iStockphoto

Den morgendlichen Stau mit einer zusätzlichen Fahrspur auflösen: Diese Herangehensweise erscheint logisch - tatsächlich gibt es zwischen dem Ausbau von Straßen und dem Rückgang der Staus einer US-Studie zufolge jedoch keinen Zusammenhang. Zwischen 1993 und 2017 wuchs die Kapazität der Freeways in den 100 größten städtischen Gebieten der USA laut einer Untersuchung  der Organisation "Transportation for America" (T4A), die sich für ein besseres Straßen- und Transportsystem in den USA einsetzt, um 42 Prozent.

Demnach wurden dort 30.511 neue Spurmeilen, bei denen die Länge der Straße mit der Anzahl ihrer Fahrspuren multipliziert wird, errichtet, das entspricht rund 49.000 Kilometern. Die Bevölkerung dieser Ballungsräume wuchs im gleichen Zeitraum laut T4A nur um 32 Prozent. Trotzdem stieg die Anzahl der durch Staus jährlich verlorenen Stunden laut T4A von 1993 bis 2017 um 144 Prozent.

Mehr Stau trotz sinkender Bevölkerung

In 92 der untersuchten Ballungsräume stieg die Verzögerung um mehr als 100 Prozent. Den niedrigsten Wert erreichte der Raum Detroit mit einem Anstieg von 45 Prozent - allerdings ging die Bevölkerung dort im untersuchten Zeitraum sogar um fünf Prozent zurück. Ein Zusammenhang zwischen steigender Bevölkerung und der Zunahme der Staus erscheine der Studie zufolge zwar logisch, die Daten zeigen jedoch keinen Zusammenhang.

Die Untersuchung sei sorgfältig durchgeführt und für die USA bemerkenswert, erklärt Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin. "Solche Studien zeigen, dass der American Way of Life am Ende ist." Zwar verbessern breitere Straßen den Verkehrsfluss kurzfristig und machen das Autofahren schneller und bequemer. Dadurch wird aber nicht nur das Autofahren an sich attraktiver, sondern auch das Pendeln über weitere Strecken. Die breitere Straße produziert also eine verstärkte Nachfrage  - und führt dazu, dass Menschen häufiger das Auto nutzen als vorher und so einen neuen, größeren Stau produzieren.

So stieg gleichzeitig auch die Anzahl der pro Person gefahrenen Meilen in den untersuchten Ballungsräumen von 21 auf 25 pro Tag. Das liege an der zunehmenden Zersiedelung, sagt Mobilitätsforscher Andreas Knie: "Die Amerikaner wollen wie die Deutschen möglichst weit vom Nachbarn und der Arbeit weg wohnen. Das produziert Verkehr." Dieser entfernungsintensive Lebensstil sei jedoch am Ende, so Knie, denn er führe nur zu immer mehr Stau, den auch größere Straßen nicht bewältigen könnten.

"Deutschland hat das gleiche Problem wie die USA"

"Die Wege im Alltag sind zu lang", sagt Mobilitätsforscher Knie. Dieses Phänomen ist jedoch nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland zu beobachten, so stiegen die Arbeitswege, die sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zurücklegen, von 2000 bis 2014 um 21 Prozent von 8,7 auf 10,5 Kilometer. "Deutschland hat das gleiche Problem wie die USA", urteilt der Mobilitätsforscher.

Das Rhein-Main-Gebiet, die Regionen um Köln, München und Stuttgart, aber auch das Ruhrgebiet hätten die gleichen Verkehrsbelastungen wie Los Angeles, Detroit oder Atlanta, so Knie. Die Erkenntnisse der Studie seien deshalb direkt übertragbar - in Deutschland verhindere der ÖPNV lediglich das Schlimmste. "Straßen weiter auszubauen, hilft niemandem, auch nicht den Autofahrern", folgert der Mobilitätsforscher.

Die Pendlerpauschale als Zersiedelungsbeschleuniger

Das Stauproblem lässt sich Knie zufolge nur mit einer Stadt der kurzen Wege lösen. "Stadtplanung muss in Zukunft die Verkehrsanlässe reduzieren. Also die Anzahl der Ereignisse, die mich zwingen, das Auto zu nehmen."

Das gehe, wenn der Supermarkt und die Arbeit um die Ecke sind. "Oder Schulen nicht wie in Brandenburg immer weiter zentralisiert werden. Allein dadurch spart man sechs von zehn Wegen ein", erklärt Knie. In Deutschland gebe es jedoch noch ein weiteres Hindernis: die Pendlerpauschale. Damit subventioniere der Staat das Fahren weiter Strecken, so Knie. "Eigentlich ist das eine Zersiedlungsprämie, die abgeschafft werden muss."

ene