Elektroautos Sogar der VW-Chef verzweifelt an seinen Schnellladesäulen

Ein Käffchen und nach 20 Minuten geht es weiter – so sollte das Laden von E-Autos an der Raststätte funktionieren. Dass sich die Realität oft anders anfühlt, bekam zuletzt VW-Chef Herbert Diess zu spüren.
Schnellladesäulen von Ionity. Derzeit hat der Ladenetzbetreiber europaweit 359 Schnellladeparks in Betrieb

Schnellladesäulen von Ionity. Derzeit hat der Ladenetzbetreiber europaweit 359 Schnellladeparks in Betrieb

Foto: Gudrun Muschalla / Ionity

Der Schnellladesäulen-Betreiber Ionity wirbt auf seiner Homepage mit einem Bekenntnis: »Wir glauben an Elektromobilität. An eine Elektromobilität ohne Einschränkungen.«

In den Ohren von Herbert Diess klingt das vermutlich etwas seltsam. Jedenfalls urteilte der VW-Chef zuletzt vernichtend über den Anbieter. »Kein WC, kein Kaffee, eine Säule außer Betrieb/defekt, traurige Angelegenheit. Das ist alles andere als ein Premium-Ladeerlebnis, IONITY!«, polterte der Topmanager auf dem Onlineportal LinkedIn, nachdem er auf seiner Elektroautotour zum Gardasee Probleme mit den Säulen des Anbieters hatte. Schneller als der Akku war offenkundig Diess geladen.

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Nicht zum ersten Mal ist der VW-Chef mit dem Unternehmen mehr oder weniger hart ins Gericht gegangen. Möglicherweise steckt dahinter Kalkül: Berichte darüber, dass die VW-Marken Porsche und Audi ein eigenes Schnellladenetz ins Leben rufen könnten, kursierten bereits Anfang des Jahres. Volkswagen selbst hatte Ionity 2017 mit BMW, Daimler und Ford gegründet. Ziel war es, einen mächtigen Konkurrenten zu Teslas Superchargern aufzubauen.

Auch der ehemalige Opel-Chef Karl-Thomas Neumann kritisierte zuletzt den Schnellladenetzbetreiber. Mehrere Säulen in Dänemark seinen defekt gewesen oder hätten sich nicht mit seinem Porsche Taycan verbunden, schrieb er ebenfalls auf LinkedIn.

Zwei Drittel der E-Auto-Fahrer klagen über Ladeprobleme

Diess und Neumann sind mit ihren Problemen keinesfalls Einzelfälle. Umfragen zeigen, dass rund zwei Drittel der E-Auto-Fahrer schon mehrfach Schwierigkeiten beim Laden hatten. Vor allem, wer sich mit dem Elektroauto in Europa auf die Langstrecke wagt, begibt sich nicht selten immer noch auf ein kleines Abenteuer .

Ionity soll eigentlich Teil der Lösung, nicht des Problems sein. 400 Ladesäulen mit bis zu 350 kW Ladeleistung wollte das Unternehmen bis Ende 2020 entlang europäischer Autobahnen errichten. Erreicht ist diese Zahl im Spätsommer 2021 noch nicht. 359 Ladesäulen, davon 103 in Deutschland, sind bislang in Betrieb, 39 befinden sich im Aufbau.

Fünf Prozent der Ionity-Ladepunkte bereiten dem Unternehmen Probleme, wie der Schnellladesäulen-Betreiber mitteilt. Das arbeite »an technischen Verbesserungen der Ladestationen« sowie der Toiletten-, Getränke- und Essensversorgung.

Wie viele Schnelllader braucht es eigentlich?

Laut Bundesnetzagentur gibt es aktuell insgesamt 1389 Schnellladepunkte in Deutschland, an denen Strom mit mehr als 150 kW gezapft werden kann. Damit lässt sich ein typischer Akku in etwa einer halben Stunde oder schneller befüllen. Demgegenüber verzeichnete der ADAC 2020 noch etwa 14.000 Tankstellen für Diesel und Benzin.

Der Ausbau der Ladeinfrastruktur soll in den nächsten Jahren massiv vorangetrieben werden. Bereits 2023 sollen durch Förderung des Bundes tausend zusätzliche Standorte für Schnelllader entstehen. »Die nächste Schnellladesäule muss in wenigen Minuten erreichbar sein«, verkündete Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), nachdem ein Schnellladegesetz im Februar verabschiedet wurde.

Doch verlangen Fahrer überhaupt nach so vielen Schnellladesäulen? Die Umfrage des Beratungs- und Marktforschungsunternehmens Uscale zeigt, dass sich mehr als 90 Prozent der E-Auto-Fahrer vor allem normale Ladesäulen innerorts wünschen. Schnellladern messen die Befragten weniger Relevanz bei. Vielleicht liegt es auch daran, dass Autofahrer ihre Wagen laut dem Verband der Automobilindustrie meistens zu Hause oder auf Firmenparkplätzen laden .

Hartes Ringen um die Ladestandorte

Einerseits sind Schnellladesäulen unabdingbar, wenn mehr E-Autos zugelassen werden, andererseits schwächelt die Nachfrage – das sind schwierige Voraussetzungen für Schnellladesäulen-Betreiber wie Ionity, die mit bis zu 0,79 € pro Kilowattstunde zu den teuersten Anbietern auf dem Markt gehören. An der heimischen Steckdose werden meist um die 0,30 € fällig.

Ein weiteres Problem: Die attraktiven Plätze an Autobahnen, auf die Ionity abzielt, waren bislang schwer zugänglich. Sie wurden zu großen Teilen von der Tank & Rast GmbH vergeben, die über fast alle Autobahnraststätten und deren Tankstellen verfügt.

»Tank & Rast entscheidet im Alleingang, welche der 360 Standorte an deutschen Autobahnen eine Ladeinfrastruktur erhalten«, beschwerte sich Michiel Langezaal, CEO des niederländischen E-Tankstellen-Unternehmens Fastned, Anfang des Jahres im manager magazin. Künftig kann die Schnellladeinfrastruktur auch an unbewirtschafteten Autobahnparkplätzen installiert werden. Doch wie komfortabel ist das? Einen Kaffee würde Herbert Diess dort beim Laden jedoch auch eher nicht bekommen.

Für Ionity wird die Situation auf dem Schnelllademarkt nicht einfacher: Tesla-Chef Elon Musk kündigte an, sein Supercharger-Netz bis Ende des Jahres für Fahrzeuge anderer Hersteller zu öffnen. Möglicherweise ist auch das ein Grund, warum Diess Ionity nun nochmals Feuer macht. Nicht, dass am Ende Tesla beim Laden dauerhaft die Nase vorn hat.

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